Nach fast zehn Jahren an der Macht hat Kanadas konservativer Premierminister Stephen Harper gerade den wohl schwersten Gang seiner politischen Karriere hinter sich. „Das Ergebnis ist sicher nicht das, was wir uns erhofft hatten“, gestand der 56-Jährige in der Nacht zum Dienstag in der zentralkanadischen Öl-Metropole Calgary vor Hunderten Anhängern ein. „Aber das Volk hat immer Recht. Wir haben alles auf den Tisch gelegt, wir haben alles gegeben, und wir bereuen nichts.“ Laute Rockmusik tönt durch den Saal, aber der Jubel von Harpers Anhängern wirkt getrübt.

Mehr als 60 Sitze hat die konservative Partei ersten Prognosen zufolge bei der Parlamentswahl verloren, hat nur noch 99 der insgesamt 338 Sitze erringen können nach 166 bei der letzten Wahl 2011, ein denkwürdiges Debakel. Meinungsumfragen hatten derartiges angedeutet, aber dass es so extrem kommen würde, hatten Beobachter nicht erwartet – und wohl auch der liberale Newcomer und designierte neue Premierminister Justin Trudeau nicht.

„Ich werde der Premierminister aller Kanadier sein“, verspricht der 43-Jährige. „Es ist Zeit für Veränderungen in diesem Land, echte Veränderungen.“

Höhere Steuern für Reiche, „positive Politik“ für die Mittelklasse, Schulden aufnehmen zum Ankurbeln der Wirtschaft, mehr Umwelt- und Klimaschutz, bessere Zusammenarbeit mit den Provinzregierungen und den Interessenvertretern der Ureinwohner – im Wahlkampf hat Trudeau fast das genaue Gegenteil von dem versprochen, was Harper zehn Jahre lang praktiziert hat.

Einmaliges Treffen mit Muslimin

Besonders beliebt ist Trudeau für seine kulturelle Offenheit. In seiner Siegesrede spricht er von einem Treffen mit seiner muslimischen kopftuchtragenden Frau, das er nie vergessen würde. „Es gibt tausende von Geschichten über diese unvergessliche Kampagne, doch ich möchte, dass wir vor allem über eine nachdenken.“

Vergangene Woche sei eine junge muslimische Frau während seiner Wahlkampagne zu ihm gekommen. In der Stadt St. Catharines in der Provinz Ontario habe sie ihm ihre neugeborene Tochter in die Arme gelegt. „Sie sagte, dass sie uns ihre Stimme geben würde, weil sie sicher gehen will, dass ihre kleine Tochter das Recht haben wird, ihre eigenen Entscheidungen im Leben zu treffen und dass ihre Regierung diese Rechte bewahren wird“, berichtete Trudeau vor seinen Wählern von der Begegnung. „Ich antwortete ihr folgendes: Du und deine Mitbürger habt eine neue Regierung gewählt – eine Regierung, die an Vielfältigkeit in diesem Land glaubt. Wir wissen tief in unserem Herzen, dass Kanada von Menschen aus allen Ecken dieser Welt gegründet wurde, die unterschiedlichsten Religionen, unterschiedlichsten Kulturen angehören, unterschiedlichste Sprachen sprechen. Wir glauben in unseren Herzen, dass diese einmalige Vielfalt des Landes ein Segen ist, der uns von früheren Generationen von Kanadiern geschenkt worden ist. Glaubt an eure Mitbürger, meine Freunde, sie sind gütig und großzügig. Sie sind weltoffen und optimistisch und sie wissen tief in ihrem Herzen, dass ein Kanadier ein Kanadier ist, ein Kanadier ist.“

Auch kursiert derzeit ein Foto von Trudeau in den sozialen Medien, auf dem er angeblich seinen Sieg in einer Moschee mit muslimischen Kanadiern feiert. Tatsächlich aber ist das Foto bereits ein Jahr alt und zeigt den neuen Premierminister beim Fastenbrechen während des Ramadans im vergangenen Jahr. (dtj/dpa)

Justin Trudeau