Der 21-jährige Abdullah Safi aus Adana wollte eigentlich per Fernstudium islamische Theologie studieren. Doch am 5. Januar ging er aus dem Haus und kam nie wieder zurück. Seine Eltern sind sicher – er schloss sich dem IS an.

Trotz ihres Bestrebens, ihren Sohn zurückzugewinnen, ist er noch nicht wieder aufgetaucht. „Als in Ankara dieser Anschlag verübt wurde, glauben Sie es mir oder nicht, hatte ich Angst, dass es mein Sohn war. Immer wenn irgendwo ein Anschlag verübt wird, habe ich Angst, dass es mein Sohn ist. Wenn sie ihn jetzt täuschen und er sich irgendwo in die Luft sprengt, dann ist es zu spät. Was soll ich machen? Bitte, lieber Gott, hilf uns“, wird Abdullahs Mutter in türkischen Medien zitiert.

Seit Monaten versucht sein Vater Ahmet ihn aus den Fängen des IS zu retten. Zwei Mal scheiterte er an dem Versuch, bei Akçakale die Grenze nach Syrien zu überqueren. „Die Soldaten schossen von hinten auf uns. Ich konnte nicht gehen. Ich konnte die Grenze nicht überqueren. Was kann ich als Vater schon machen?“, sagt er.

Mehrere Tausend mutmaßliche IS-Mitlgieder allein in der Türkei

Am 10. Oktober wurden bei einem Bombenanschlag in Ankara 103 Menschen getötet. Die beiden mutmaßlichen Selbstmordattentäter Yunus Emre Alagöz und Ömer Deniz Dündar sollen im Auftrag des sogenannten Islamischen Staates gehandelt haben. Nach dem Anschlag wurde das Augenmerk auf die türkischen Mitglieder von IS und al-Nusra gerichtet, mehr als 6000 Türken sollen sich den beiden Organisationen mittlerweile angeschlossen haben.

„Bei jeder Explosion erinnere ich mich an mein Kind und dann kommt mir der Gedanke. Wird mein Kind so etwas vielleicht auch machen? Diejenigen, die sich dieser Organisation anschließen, können in jeder Hinsicht getäuscht werden. Sie haben sein Gehirn gewaschen, seine Gedanken verändert. Ich verstehe nicht, wie das passiert ist. Ich bin sehr angespannt“, sagt Ahmet Safi und appelliert: „Mein Sohn, du machst einen großen Fehler. Um Gottes willen, ich flehe die türkische Polizei an. Ich weiß nicht, welche Organisation es ist, ich flehe auch die Vorgesetzten oder seine Kommandanten an: Bitte schickt mir meinen Sohn zurück. Ich flehe auch seine Freunde an: Falls ihr euch vor Allah fürchtet, dann helft meinem Sohn. Falls er nicht zurückkommen möchte, dann sagt ihm bitte, dass er auf dem falschen Weg ist. Ich flehe auch den Leiter des Geheimdienstes an, Hakan Fidan, die Polizei und den IS, ich flehe sie alle an. Bitte bringt mir meinen Sohn um Gottes willen her. Das könnte das Kind von jedem von euch sein, habt Erbarmen!“

IS-Mitglied entführt, um eigenen Sohn freizupressen

Viele Familien, deren Kinder in den Fängen des IS sind, haben keine Hoffnung, dass sie gerettet werden. Viele versuchen es daher selbst. Familie A. aus Hatay ist eine von ihnen. Vater Ismail A. hatte ohne Erfolg die Adresse von IS-Mitgliedern in Hatay der Polizei gemeldet, um seinen 13 Jahre alten Sohn zu retten. „Mein Sohn hat sich dem IS angeschlossen. Es gibt einige IS-Vertreter hier. Nach einer Recherche habe ich deren Adressen gefunden und daraufhin die Polizei benachrichtigt. Die Polizisten kamen zwar, sagten aber, sie hätten Befehle und könnten nichts machen. Schließlich habe ich einen lokalen Verantwortlichen des IS entführt und im Gegenzug meinen Sohn für dieses Mitglied an der Grenze ausgehändigt bekommen.“

Zurück zuhause musste er jedoch feststellen, dass sich sein Sohn verändert hatte. „Mein Sohn war einer der 10 Besten in der Mittelstufenprüfung in Hatay. Jetzt geht er nicht zur Schule, da er der Ansicht ist, dass Schule eine Sünde sei“, so der Vater. Früher habe er Generalstabschef werden wollen, heute sei er der Ansicht, auch gegen die Armee oder die Polizei kämpfen zu müssen, wenn sie ein Hindernis auf dem Weg zum Dschihad seien. Ein Staat sei für den Sohn kein Staat, wenn der nicht mit dem Koran geführt werde. „Was ist das für eine religiöse Einstellung? Das verstehe ich nicht. Jetzt schließe ich nachts die Haustür ab, wenn ich ins Bett gehe. Ich werde wohl aus Hatay wegziehen“, sagt Ismail A. resigniert.