Syrien-Krise: Nach den Kämpfen um Kasab in Syrien hat die Türkei armenische Flüchtlinge aufgenommen. Doch die Ereignisse werden politisch aufgeladen.

Kasba (Foto) an der nordsyrischen Mittelmeerküste und nahe der türkischen Grenze ist eine mehrheitlich von christlichen Armeniern bewohnte Stadt und gehört zur Provinz Latakia. Am 16. März wurde die Stadt im Zuge einer Offensive verschiedener Oppositionsgruppen, darunter auch Kämpfer der extremistischen Al-Nusra-Front, eingenommen. Angesichts des Vormarsches dieser für besondere Brutalität bekannten Gruppe floh ein Großteil der Bewohner, darunter 2000 Armenier. Ziel der Flüchtlinge war entweder die nahe gelegene syrische Großstadt Latakia, das im Angesicht der Syrien-Krise bislang  vergleichsweise sicher ist, oder die Türkei.

Politische Brisanz erhält die Situation noch zusätzlich durch die Anschuldigungen der armenischen Regierung, armenischer Lobbyverbände im Ausland und der syrischen Regierung, die türkische Regierung hätte es den Rebellen erst ermöglicht, von türkischem Boden aus nach Syrien einzusickern und dort die Offensive zu starten. Daraufhin verlangte etwa auch die russische Regierung eine Untersuchung des Angriffes auf Kasab vor dem UN-Sicherheitsrat.

Die türkische Regierung weist alle Vorwürfe dieser Art vehement zurück und betont, Ankara leiste eher humanitäre denn militärische Hilfe.

Diese Vorwürfe rund um Flucht und Vertreibung veranlassen nun einige armenische Gruppen, Kasab in den Kontext der gewaltsamen Vertreibungen von Armeniern aus dem Osmanischen Reich, die sich im nächsten Jahr zum 100. Mal jähren, zu rücken.

Regierung hat das Thema delegiert

Der türkisch-armenische Taraf-Kolumnist Hayko Bağdat sagte in einem Interview mit Sunday’s Zaman, es wäre nicht verwunderlich, was derzeit im Zusammenhang mit den Armeniern in Syrien geschehe. Die armenische Community hatte sich schon seit längerem Hilfe suchend an die Regierung in Ankara gewandt und sie ersucht, armenische Syrer zu schützen, die vielfach die Nachkommen der 1915 vertriebenen osmanischen Armenier sind.

In Armenien werden die Ereignisse von 1915 als „Genozid“ gewertet. Die Türkei weist diese Bewertung zurück, da es zum einen keine systematische Kampagne zur Tötung von Armeniern gegeben habe und zum anderen auch viele Türken während des chaotischen Auseinanderbrechens des Osmanischen Reiches getötet wurden.

Bağdat zufolge habe sich die Regierung in Ankara erst sehr offen gezeigt gegenüber dem Ansinnen der armenischen Community, zumal dies eine gute Publicity im Vorfeld des 100. Jahrestages der Ereignisse von 1915 dargestellt hätte. Man habe die Angelegenheit danach jedoch immer mehr auf die lange Bank geschoben und sich damit begnügt, Staatspräsident Abdullah Gül die Aufgabe zu übertragen, der die Hilfe an das Rote Kreuz und das Armenische Patriarchat von Konstantinopel delegiert hätte.

Politische Ausschlachtung durch Ankara?

„Die türkische Regierung hat das Thema von der Tagesordnung genommen. Es wäre eine Chance gewesen, die syrischen Armenier in der Türkei offiziell willkommen zu heißen und ihnen zu helfen, innerhalb der armenischen Community und mit deren logistischer Hilfe in der Türkei Schutz und Bildungsmöglichkeiten zu finden“, so Bağdat. „Es gibt keinen Grund, sie in Flüchtlingslager abzuschieben.“

Kürzlich hat der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu betont, die türkischen Tore stünden armenischen Flüchtlingen aus Syrien „weit offen“ und jedwede Unterstützung der Türkei für terroristische Oppositionsgruppen in Syrien kategorisch zurückgewiesen. Man werde Flüchtlingen ohne jedwede Unterscheidung helfen.

„Wenn, wie die Türkei betont, sie keine ethnisierende Politik betreibt und rein vom humanitären Standpunkt aus handelt, dann sollte sie etwas für die syrischen Armenier tun, die Opfer des Genozids waren“, fordert Bağdat. Armenier seien darüber besorgt, dass die Aufnahme armenischer Flüchtlinge von Ankara als propagandistischer Akt ausgeschlachtet werden würde, von wegen es hätte nie im Verlaufe der Geschichte Probleme mit Armeniern gegeben habe.