Tante Ayşe stützt sich auch im Sitzen auf ihren Gehstock und strahlt mit ihrem Gesichtsausdruck Zuversicht und Gottvertrauen aus. Die alte Frau aus Anatolien hat sich wohl in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, im hohen Alter noch ihre geliebte Heimat verlassen zu müssen. Tante Ayşe ist über 75 und müsste eigentlich ein zurückgezogenes Leben im engsten Familienkreis mit ihren Enkelkindern verbringen. Wie bei vielen gläubigen Frauen in ihrem Alter hätte sie eigentlich eine Gebetskette in ihrer Hand und würde die Namen Gottes wiederholen. Mit Gebeten und regelmäßigen Koranrezitationen würde sie ihr Leben überwiegend der Vorbereitung auf das Jenseits widmen. So oder so ähnlich wäre die Alterszeit einer gläubigen anatolischen Frau im hohen Alter.

Doch nicht so bei Tante Ayşe, wobei man spätestens jetzt den Lesern verraten muss, dass es sich bei diesem Namen nicht um ihren wirklichen Namen handelt. Das kann man wie in ähnlichen Berichten, bei denen es um Opfern des Ergenekon-Erdoğan-Regimes geht, nicht schreiben. Damit wäre ihre Sicherheit gefährdet. Tante Ayşe ist aus der Türkei geflohen und lebt im sicheren Ausland bei ihrem Kind. Ihre in der Türkei lebenden Kinder wurden verhaftet. Sie selbst hat zwar noch einige Tage Touristenvisum, muss dann aber einen Antrag auf Asyl stellen, wenn sie nicht abgeschoben und im überfüllten türkischen Gefängnis landen will. Denn die AKP-Staatsanwälte und Richter brauchen weder Beweise noch Geständnisse, um Menschen, die sie auf einer schwarzen Liste führen, zu verhaften. Allein die Tatsache, dass man ein Konto bei der Hizmet-nahen Bank Asya hatte, oder die Bildungsarbeit der Hizmet-Bewegung unterstützt hat, indem man Stipendien für bedürftige Schüler und Studenten sammelte, reicht aus, um ins Gefängnis zu kommen. Über 2000 Schulen, Stiftungen, Vereine und Studentenwohnheime der Bewegung wurden geschlossen. Die Bank-Asya steht unter staatlicher Zwangsverwaltung und hat ihren Betrieb einstellen müssen.

Tante Ayşe fällt es schwer im hohen Alter fern von ihrer Heimat zu leben. Doch ihr Glaube ist für sie ein Trost. Auf dem Weg zu der Behörde, bei der sie ihren Asylantrag einreichen will, sagt sie: „Das ist doch wie die Hidschra (Auswanderung des Propheten Muhammed nach Medina im Jahre 622, Anm. d. Red.). Er musste doch auch seine Heimat verlassen.“ Sie ist traurig, erschöpft und betroffen von dem ganzen Unrecht, welches in der Türkei geschieht, blickt jedoch mit Stolz und gibt sich selbstgewiss: „Was haben wir denn getan? Nichts Falsches! Wir haben nichts gestohlen und nicht betrogen.“  Sie fährt fort: „Ich habe mich Tag und Nacht für Hizmet engagiert, mich bemüht, Stipendien für arme Schüler und Studenten gesammelt.“
Für die AKP-Propagandisten reicht das aus, um als Mitglied in einer „terroristischen Organisation“ gebrandmarkt zu werden. Sie musste das Land verlassen und aus der Heimat hört sie, dass man ihr nachredet, sie hätte in ihrer Wohnung mehrere Millionen Dollar versteckt.

Auch wenn sie von der Regierung als Verräterin eingestuft und gejagt wird, hat sie ihre Liebe zu ihrer Heimat nicht verloren. Im Gegenteil: „Falls es für die Normalisierung der Türkei notwendig sein sollte, dass jemand umgebracht werden soll, dann bin ich bereit mich hinrichten zu lassen. Aber sie sollen aufhören unschuldige Menschen zu unterdrücken“, betont sie.
Auch hofft sie noch, dass der Staat irgendwann seine schützende Hand über ihre Bürger erheben wird. Und das obwohl sie am eigenen Leibe erfahren hat, wie brutal und ungerecht der Staat sein kann: „Der Staat sollte doch wie ein Vater sein. Würde denn ein Staatspräsident oder ein Ministerpräsident seinen eigenen Kindern so etwas antun? Wie jammerschade, dass all das passieren muss!“, klagt sie. Man merkt, dass es in ihrem Inneren brodelt und Stürme aufkommen: „Am liebsten würde ich ein Megafon in die Hand nehmen, durch die Straßen laufen und allen Leuten von diesem Unrecht berichten.“

Leider ist das in der Türkei nicht mehr denkbar. Für Tante Ayşe und weiteren Hunderttausende von Menschen hat sich das Land zu einer Hölle verwandelt, aus der sie am liebsten so schnell wie mögliche fliehen würden. Sie ist einer der wenigen, die es noch rechtzeitig geschafft haben. Viele andere, wie ihre Kinder in der Türkei, dürfen das Land jedoch nicht verlassen, weil sie entweder eingesperrt sind, oder ihre Pässe für ungültig erklärt wurden.

Handan Yiğiter