Deutsche Islamkonferenz

Einen langen Weg kündigte der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) an, als er am 27. September 2006 die Deutsche Islamkonferenz (DIK) ins Leben rief. Bis dahin hatten die Bundesregierungen seit 50 Jahren mehr oder weniger passiv die Entstehung einer muslimischen Millionengemeinde hingenommen. Doch die kulturellen Erfordernisse und die religiösen Forderungen der Einwanderer war niemand gezielt angegangen. Die DIK sollte einen institutionellen Rahmen für den Dialog zwischen Staat und Muslimen bieten, Integration und gesellschaftliche Teilhabe verbessern. Zehn Jahre später blickt die Konferenz auf eine mühselige Geschichte voller Zwist, aber auch Fortschritte.

„Der Islam ist Teil Deutschlands“, sagte Schäuble zum Auftakt und löste damit – noch vor dem späteren Bundespräsidenten Christian Wulff – eine Dauerdebatte aus. Die Frage, ob dies so ist, stand im Mittelpunkt der ersten, vierjährigen Konferenzphase. Dass die Ergebnisse eher dürftig ausfielen, lag an der Zusammensetzung: Den 15 staatlichen Vertretern saßen die Repräsentanten der vier konservativen sunnitischen Verbände und der Aleviten sowie zehn muslimische Einzelpersönlichkeiten gegenüber, darunter engagierte Liberale wie die Soziologin Necla Kelek. Innermuslimischer Streit war vorprogrammiert.

Auch die Verbandsfunktionäre unterzeichneten schließlich eine DIK-Erklärung, derzufolge die religiöse Freiheit endet, wo sie im Gegensatz zu den Werten des Grundgesetzes steht. Teilnehmer wie Kelek sprachen von einem Lippenbekenntnis, das eine weitere Verankerung des traditionellen „Kopftuchislam“ in Deutschland ermöglichen solle. Zumindest war recht deutlich geworden, dass die Verbände vor allem eines wollten: die staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft mit den entsprechenden Rechten und Pflichten. Alles andere sei „vertane Zeit“, so der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Ayyub Axel Köhler.

Schäubles Nachfolger Thomas de Maizière (CDU) setzte in der zweiten Phase stärker auf pragmatische Ergebnisse. 2011 kam es zur Einrichtung islamisch-theologischer Seminare an vier Universitätsstandorten, wo unter anderem künftige Imame ausgebildet werden.

Zähne zeigte der Staat, als er den Islamrat wegen strafrechtlicher Ermittlungen gegen seinen Teilverband Millî Görüş jahrelang aus der DIK ausschloss. Unter Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU, Minister von 2011-2013) fiel das Verhältnis zwischen Staat und Verbänden dann auf einen Tiefpunkt, weil er in der aufgeheizten Atmosphäre nach Thilo Sarrazin kategorisch erklärte, der Islam habe nie zu Deutschland gehört. Daneben wollte er in der DIK vor allem über die Terrorabwehr sprechen, was die Verbandsmuslime als weiteren Affront verstanden.

Der neue Gastgeber de Maizière lud ab 2014 nur noch sie zur Beratung ein: Neben den vier im Koordinierungsrat der Muslime zusammengeschlossenen Organisationen – den türkisch dominierten Verbänden Ditib, Islamrat und Verband der Islamischen Kulturzentren sowie dem auch arabisch geprägten Zentralrat – und den Aleviten zählen dazu inzwischen auch die Verbände der Ahmadiyya, der Marokkaner, der Bosniaken und die Türkische Gemeinde in Deutschland. Sie alle stehen für ein eher konservatives Religionsverständnis mit teils nationalistischen Zügen.

Der Publizist Ahmad Mansour, früherer DIK-Teilnehmer, sieht darin einen schweren Fehler. „Statt die Vielfalt der Muslime darzustellen, hat sich das Innenministerium entschieden, nur mit den Konservativen zu arbeiten“, sagt er. Sensible Themen wie Radikalisierung und Frauenfeindlichkeit seien nun ausgeklammert.

Das ist zum einen Ausdruck eines Staates, dem Grabenkämpfe zwischen traditionellen und säkular-liberalen Muslimen zu wenig erfolgversprechend schienen. Zum anderen galt es anzuerkennen, dass die Verbände zwar nur einen kleinen Teil der Muslime repräsentieren, jedoch die allermeisten der rund 2.500 Moscheegemeinden.

Die Themen der nächsten Sitzung im Spätherbst sind weniger schlagzeilenträchtig: Es geht um die Gründung eines islamischen Wohlfahrtsverbands und die Seelsorge. (Christoph Schmidt, kna/dtj)