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„Bir Başkadır“ ist eine von mittlerweile zahlreichen Netflix-Produktionen, die in der Türkei entstanden sind. Sie ist die vielleicht bisher beste türkische Produktion von Netflix und überzeugt auf ganzer Linie.

Wer einmal mit der Netflix-Serie „Bir Başkadır“ anfängt, wird sofort in einen Sog von Vorurteilen und Stigmata gezogen. Angefangen mit dem hoffnungslos-pessimistischen Setting, den widersprüchlichen Charakteren und gegensätzlichen Räumen, plakatiert die Serie die große Kluft zwischen den Establishments in der türkischen Community.

Reich und arm, gebildet und ungebildet, liberal und traditionell, religiös und unreligiös: Diese Diskurse führt „Bir Başkadır“ über acht Folgen und schafft es sogar, eine Generationen-Frage zu skizzieren und eine Form der Zwischenkultur abzubilden. Die Hauptdarstellerin Öykü Karayel spielt in atemberaubender Präzision die Meryem (Foto), eine junge konservative Frau, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt und die Penthouse-Wohnung eines reichen Mannes im mittleren Alter drei Tage in der Woche putzt. Doch Meryem wirkt aufgrund vielfacher Belastung im privaten Leben labil, eingeschüchtert und emotional überfordert. Als sie zum wiederholten Mal in Ohnmacht fällt, aber physisch gesund zu sein scheint, wird sie in die Psychiatrie überwiesen.

Therapeutin ist ein Spiegel für die Stigmata der laizistischen Elite

Peri, eine ebenfalls emotional überforderte, nach außen jedoch starke Frau, ist die Therapeutin von Meryem. Sie verkörpert das liberale und laizistische Establishment, als Tochter einer reichen und modernen türkischen Familie aus Istanbul, die selbst auf eine westlich-geprägte Schule gegangen ist und dann im Ausland studiert hat. Sie gehört zur Elite im Land, die aber die Minderheit der türkischen Bevölkerung darstellt und Meryem zur breiten Mehrheit der Bevölkerung Anatoliens.

Peri drückt im Verlauf bei ihrer eigenen Therapeutin ihre Abneigung und Missachtung gegenüber Menschen wie Meryem aus und sucht Rat, wie sie ihrem beruflichen Credo trotzdem gerecht werden kann. Eine Zerreißprobe für Peri ist, dass Meryem die Fortsetzung der Therapie vom Segen ihres „Hocaefendi“, also dem Imam ihrer kleinen Moscheegemeinde, abhängig macht. Ohne seinen Segen wolle sie keinem zweiten Termin zusagen.

Der große Bruder: „Bir Başkadır“ arbeitet mit Stereotypen

Zu Hause lebt Meryem mit ihrem Bruder und dessen kranker Ehefrau. Die beiden haben zudem zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Aufgrund einer schweren psychischen Depression ist die Frau ihres Bruders nicht in der Lage, für Haushalt oder die eigenen Kinder zu sorgen. Ihr Bruder, ein ehemaliger Soldat und strenggläubiger Mann, der seine Entscheidungen gerne in die Hand des Imams legt, ist unglücklich und verzweifelt. Seine Geschäfte laufen nicht, er arbeitet trotz seiner religiösen Einstellung als Sicherheitskraft in einer Disco. Der Zustand seiner Ehefrau ist für ihn das größte Problem, an dem er selbst allmählich zugrunde geht. Er sucht zwar Wege für eine Besserung, ist aber oft ratlos. Seinen Frust lässt er an seiner Schwester ab, die verständnisvoll, aber am Ende ihrer Kräfte ist.

„Bir Başkadır“ arbeitet Vorurteile ab

In der Serie wird der Zuschauer konsequent in die Vorurteile der Protagonisten hineingezogen. Man identifiziert sich mit ihren Sichtweisen und ihrer Gedankenwelt, um dann ein Teil ihrer Auflösung zu sein. Durch diesen Stil führt „Bir Başkadır“ auch dazu, dass der Betrachter diesen „Clash of Cultures“ mitmacht und selbst Gelegenheit bekommt, über diese vorhandenen Kluften in der türkischen Bevölkerung nachzudenken. „Bir Başkadır“ ist womöglich der gewagte Versuch in einer sehr aufgeheizten Zeit, die gespaltene türkische Gesellschaft wieder näher zusammenzubringen. Was die Serie aber sicher schafft, ist es, Lob zu ernten.

„Was Öykü Karayel da macht, ist sensationell“

Besonderen Zuspruch genießt die Serie derzeit auch von Schauspiel-Stars. Cem Yılmaz beispielsweise ist nur schwer von anderen Dingen zu überzeugen. Dennoch hat er via Instagram gezeigt, dass er „Bir Başkadır“ empfehlen kann. Dies verdeutlichte der Comedian mit einem kommentarlosen Posting. Kenner deuteten dies, dass ihm die Produktion den Atem geraubt habe. Auch Hülya Avşar schrieb, dass sie von der Leistung der Hauptdarstellerin Öykü Karayel und allen anderen begeistert sei. „Was Öykü da macht, ist sensationell!“, so Avşar.

Netflix lässt türkische Authentizität zu

Während andere türkische Produktionen von Netflix eher Kritik als Beifall ernteten, reagiert auch die internationale Zuschauerschaft auf „Bir Başkadır“ mit Beifall. Auch die Bewertung bei IMDB mit 9,2 Punkten (bei maximal 10 Punkten) spricht für sich. Grund dafür sei vor allem, dass „Bir Başkadır“ eine echte türkische Produktion sei, an der keine Macher von Netflix herumgeschraubt hätten. Die Kritik an Produktionen wie „Der Wächter“ oder „Atiye“ lautete, dass die Authentizität unter den Einflüssen und Skripten westlicher Regisseure völlig verloren gehe. Der obligatorische Einsatz von Sexualität im Bild etwa fördere die Qualität nicht, sondern sei vielmehr ein Hemmer. „Bir Başkadır“ verzichtet fast vollständig auf derartige Elemente und gewinnt dabei nur.