Ramadan ist mehr als nur Verzicht auf Essen und Trinken

Die Muslime befinden sich gerade im islamischen Monat Ramadan, und da ist ihnen Mitleid gewiss. Immer und immer wieder werden sie von herzensguten deutschen Mitbürgern bemitleidet, weil sie fasten. Inzwischen scheint das gar zum Volkssport geworden zu sein. Allein Gott weiß, was sie wirklich denken und warum sie so stark Anteil nehmen. Jedenfalls hört man immer wieder: „Was für eine Herausforderung, von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang hungrig und durstig zu bleiben!“ Oder: „Dürft ihr denn nicht einmal einen Schluck Wasser trinken?“ Ob sich hinter solch staunenden Fragen womöglich die Wahrnehmung verbirgt, der Islam sei eine so strenge Religion, dass die Muslime für ihre ‚Strenggläubigkeit‘ ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen?

Das Fasten mag streng sein – aber nur, wenn man es bloß als Hungern und Dürsten wahrnimmt, und nicht auch als Gebet. Beim Thema Gebet können Irritationen kaum verwundern. Wenn man zeit seines Lebens niemanden außer sich selbst und den lieben Staat als Regelmacher kennengelernt und anerkannt hat, ist es eben nicht so einfach nachvollziehbar, wenn andere so strikt von außen vorgegebenen Regeln folgen. Letztlich bleibt es fast eine Mission Impossible, Menschen die Weisheiten des islamischen Gottesdienstes zu erklären, wenn sie schon der eigenen Religion den Rücken gekehrt haben. Ganz abgesehen davon setzen sich allerdings auch viele Deutsche Jahr für Jahr solchen vermeintlichen Qualen aus; man denke nur an die allseits beliebten Diät- und Wellness-Kuren.

„Ihr dürft auch nicht trinken, echt?“

Grenzwertig wird es, wenn es heißt: „O je, wie könnt ihr nur so hungern?“, „Ihr steht mitten in der Nacht auf und esst, ja?“, „Dürft ihr auch kein Schlückchen Wasser trinken?“, „Ihr esst den ganzen Tag nicht, aber am Abend gibt’s dann Völlerei, das ist doch ungesund!“. Die Liste ließe sich noch weiterführen. Unwissenheit ist weder schädlich noch schändlich. Aber auf seinem Unwissen zu beharren, ist beides. Wenn solche pseudo-mitfühlenden Sätze zudem auch noch von sogenannten Bildungsbürgern kommen, will man sich aus Fremdscham schnellstens verkriechen.

Was soll man darauf erwidern? Dass Fasten ein Gottesdienst ist; jedes Gebet seine Regeln und Rituale hat; Fasten unzählige materielle wie spirituelle Weisheiten birgt; das Wohlgefallen Gottes für Muslime von unschätzbarem Wert ist; oder dass sich der Körper beim Fasten einmal im Jahr durch Routineänderung erneuern kann?

Erfahrungsmäßig stellt sich der Körper schneller auf die neue Situation ein, als man denkt, sofern man nur die Absicht zum Fasten fasst und realisiert. Wie schon der Volksmund kund tut, ist aller Anfang schwer, doch nach wenigen Tagen haben sich Seele und Körper auf den neuen Umstand eingestellt. Gebete verleihen zudem innere Zufriedenheit und Glück, sodass Hunger auch nur noch nominell empfunden wird. Denn es darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass der Monat Ramadan eine Zeit der spirituellen Einkehr und der inneren Läuterung ist; und in diesem Sinne werden täglich zusätzliche Gebete vollzogen, wird spirituellen und sozialen Pflichten nachgekommen. Natürlich gibt es Muslime, die beim Abendessen Völlerei betreiben oder sich nicht immer dem Geist des Ramadans entsprechend verhalten. Und natürlich kommt es vor, dass Muslime beim Fasten Probleme am Arbeitsplatz haben oder sich generell schwertun beim Fasten. In dieser Hinsicht ist das Fasten aber auch eine Kampferklärung gegen die niederen Gelüste und ein Ansporn für die seelische und spirituelle Reifung des Menschen. Auf gar keinen Fall jedoch darf man auf Kosten der eigenen Gesundheit fasten.

Gott ist kein Despot

Man möge es doch endlich begreifen: Fasten ist mehr als nur Verzicht auf Essen und Trinken. Dem islamischen Glauben zufolge erleichtern Gottes Segen und Beistand den Betenden ihre Schwierigkeiten. Zwar kann eine allein auf den eigenen Profit gedrillte Vernunft tiefsinnige religiöse Erfahrungen und Dimensionen nicht verstehen. Doch sollte sie, sofern sie ein Minimum an Besonnenheit besitzt, die Weisheiten darin zumindest rational nachvollziehen können.

Muslime glauben aufrichtig – nicht streng – an einen Gott. An einen Gott, dessen Eigenschaften und Attribute im Koran sehr konkret dargestellt und erläutert werden. Dem Verständnis der Muslime handelt es sich dabei nicht um Fiktionen, Illusionen oder Märchen, die sich Menschen als Trostpflästerchen selbst erdichten.

Der renommierte muslimische Intellektuelle Ali Bulaç formulierte das Dilemma des modernen Menschen einst folgendermaßen: „Da der Glaube des modernen Menschen nicht durch eine authentische Religion geordnet ist, kann er auch die Stufen zur Gewissheit nicht erreichen und die Essenz der Beziehungen zwischen dem Wesen und den Namen Gottes nicht erkennen. Daher stellt er sich Gott manchmal als einen persönlich erdichteten Zufluchtsort, manchmal als eine nicht näher bestimmte metaphysische Macht und manchmal sogar als einen Despoten vor, der sich oft in die Angelegenheiten der Menschen einmischt. Ein solches Gottesverständnis bewirkt kein Glätten der Wogen, wenn es um die andauernde Sorge/Furcht oder um den tiefen Konflikt geht.“ (Postmodern Kaosta Kıble Arayışı – Die Suche nach Orientierung im postmodernen Chaos)

Insofern ist das Fasten für Muslime ein wichtiger Dienst an Gott, der ihnen vom Erhabenen Schöpfer auferlegt worden ist. Das Fasten birgt zahllose Weisheiten in sich – aber nur, wenn es seiner wahren Bedeutung und den vorgegebenen Regeln entsprechend vollzogen wird. Muslime sprechen daher von dem gesegneten Fastenmonat, in dem man sich in Selbstbeherrschung und Geduld übt und sich bewusst und offensiv von Sünden fernhält, indem man seine Triebe und Gelüste diszipliniert bzw. sublimiert. Besonderes Augenmerk gilt in diesem Monat dem Gemeinschaftsleben, den gemeinsam verrichteten Gebeten, dem gemeinsamen Abendessen mit Verwandten, Freunden und Bekannten, den gemeinsamen Koranrezitationen und dem großzügigen Spenden.

Muslime müssen auch Selbstkritik üben

Der Ton macht bekanntlich die Musik, deshalb habe ich eine bescheidene Bitte an meine deutschen Mitbürger, die sich für das Fasten der Muslime interessieren: Fragen sind stets willkommen, aber bitte nicht mit dem eingangs beschriebenen Unterton! Vielleicht lesen Sie ja auch einfach mal ein Buch über das Fasten oder fasten gar einige Tage selbst. Dann wird Ihnen vieles schnell viel klarer.

Selbstverständlich müssen sich Muslime auch an die eigene Nase fassen. Augenscheinlich haben es die Muslime in den letzten 50 Jahren nicht geschafft, ihren deutschen Mitbürgern den Sinn des Fastens nahezubringen. Auch wenn sie so auf das Essen und Trinken fixiert sind, ist es ihre Aufgabe, interessierte Nachfragen zum Fasten so verständlich wie möglich zu beantworten. In diesem Sinne bleibt noch viel Verständnisarbeit zu leisten – nicht nur, was das Fasten betrifft. Aufrichtiger Dialog tut nach wie vor Not und findet ja in vielen Bereichen bereits statt.