Mardin liegt an der Grenze zu Syrien und ist ein echter Gehimtipp. Foto: muratart / Shutterstock.com

Ob und wie Urlaubsreisen in diesem Jahr stattfinden können, steht angesichts der anhaltenden Corona-Pandemie vielerorts noch nicht fest. Doch die türkische Tourismusbranche will ausländische Touristen mit ausgefeilten Hygienekonzepten überzeugen. Die Regierung erwartet trotz der aktuellen Situation rund 30 Millionen Touristen – ein ambitioniertes Ziel. Die anreisenden Türkei-Urlauber beschränken sich dabei meist auf die klassischen Urlaubsgebiete, wie Antalya oder Bodrum. Doch tatsächlich hat das Land mehr zu bieten. Viel mehr.

Ockerfarbene Steinblöcke. Gemauerte Fenster. Kirchtürme und Moscheekuppeln. Eine Stadt am Rande einer historisch wichtigen Burg. Viele Ethnien, die jenseits von Sprache, Religion und Kultur friedlich miteinander leben und das seit Jahrhunderten. Beschrieben wird die Provinz Mardin mitten in Südostanatolien.

Die Provinz ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen – klassisch für Mesopotamien. Die uralte Stadt, noch vor einigen Jahren für ausländische Türkei-Urlauber noch weitläufig unbekannt, taucht mittlerweile immer häufiger in Reiseführern auf. Dennoch wehrt sich die 800.000-Einwohnerstadt gegen Kommerzialisierung und will den historischen Touch nicht verlieren. Allein wegen einiger Neubauten im Stadtgebiet scheiterte ein Antrag als Weltkulturerbe. Diese Gebäude sollen aber nun nach und nach abgerissen werden, um einen neuen Antrag stellen zu können.

Dabei verdient Mardin viel mehr internationale Anerkennung. Ein Blick in die Geschichte erklärt, wie Mardin sich zu einem Schmelztiegel entwickelt hat und warum noch heute Medresen und Kirchtürme sowie Klöster und Minaretten Seite an Seite das Stadtbild prägen. Es waren nämlich viele Völkergruppen, die durch Mardin gezogen und zum Teil dort geblieben sind: u.a. Aramäer, Hurriter, Hethiter, Assyrer, Babylonier, Amoriter, Perser, Parther, Römer, Araber, Kurden, Seldschuken und Osmanen.

Spuren unterschiedlicher Kulturen und Religionen in Mardin

Alle Völker und deren Machthaber haben in der einen oder anderen Art ihre Spuren hinterlassen. So sind in der Zeit der Ortokiden beispielsweise viele Hamams und Koranschulen entstanden. Auch die wohl bekannteste und gleichzeitig älteste Moschee von Mardin, die „Ulu Camii“, entstand in dieser Zeit. Sie wurde voraussichtlich in den 1160er Jahren erbaut. Aus dieser Zeit stammen besonders viele Koranschulen beziehungsweise Hochschulen für islamische Lehre, die als „Medrese“ bekannt sind. Die Osmanen, die die Stadt 1516 eroberten, hinterließen ebenfalls Spuren. In der „Hatuniye Medrese“ von Mardin befindet sich für Muslime eine wichtige Reliquie, nämlich der Fußabdruck des Propheten Muhammad. Die Kasımiye Medrese, am Fuße der Altstadt gelegen, sollte ebenfalls unbedingt besucht werden. Diese Medrese weist so viele Details auf, dass man sich hier stundenlang aufhalten kann.

Doch auch christliche Gebäude zieren das Stadtbild. Das Kloster Zafaran, gegründet 493 n. Chr., gehört zu den religiösen Zentren des Tur Abdin, dem „Berg der Knechte Gottes“. Hier entstand im 4. Jahrhundert das syrische Mönchtum. Die Klöster Dayro d’Mor Hananyo und Dayro d’Mor Gabriel gehören zu den ältesten christlichen Klöstern überhaupt.

Aber auch außerhalb der Stadt, also um Mardin herum gibt es viele historische Stätten und Monumente zu sehen. Die Ruinen von Dara beispielsweise zeigen eine historische Stadt, um die selbst Alexander der Große gekämpft hat.

Besonders schön ist der Anblick auf den Hügel von Mardin bei Nacht. Dieser Hügel beherbergt gleichzeitig auch den voraussichtlichen Namensgeber der Stadt. Zwar gibt es viele Theorien darüber, woher der Name Mardin kommt. Doch gängig in der türkischen Literatur ist die Theorie, dass Mardin vom aramäischen Wort „Merdô“ kommt, was so viel bedeutet wie „Burgen“ oder „Stadt der Burgen“.

Der Anblick bei Nacht auf Mardin ist ein Traum.

Esel als Müllwagen in der Altstadt

Ein Rundgang durch die Altstadt vermittelt einem den Eindruck, als sei man gerade in einer anderen Welt. Dafür sorgen besonders die engen und ständig von Treppen unterbrochenen Straßen, die einen Fahrzeugverkehr unmöglich machen. Sogar der Müll wird deshalb noch heute mit Hilfe von Eseln aufgesammelt. Allein schon deshalb, weil Sie in die Altstadt nicht mit dem Auto reinfahren können, brauchen Sie in Mardin in der Regel kein Auto anzumieten. Öffentlicher Nahverkehr und Taxis dürften genügen.

Der Müll in der historischen Altstadt von Mardin wird mithilfe von Eseln aufgesammelt.

Der autofreie Ort ist ideal, um entspannt durch die historische Stadt zu schlendern und an fast jeder zweiten Ecke bei einem Glas Çay oder türkischem Kaffee die Geschichte zu genießen. Hier und da könnten Ihnen auch Straßenmusikanten begegnen.

In den engen Gassen von Mardin gibt es viele Teestuben und Cafés. Foto: Tminaz / Shutterstock.com

Mit Pflaumen, Galläpfeln und Manna wichtiger Handelsstandort

Mardin war in der Vergangenheit auch deshalb interessant, weil sie mitten auf der historischen Seidenstraße lag. Die Routen vom Mittelmeer nach Mesopotamien und vom Schwarzen Meer nach Syrien kreuzten sich in dieser Region. Damit war sie ein Knotenpunkt für den Handel. Besonders beliebt waren schon damals Pflaumen und Galläpfel sowie Manna, ein feines, knuspriges „Himmelsbrot“, und Edelsteine.

Pflaumen sind noch heute in Mardin beliebt und werden gerne in der Küche verwendet. Bei dem leckeren Fleischgericht „Incasiye“ dürfen getrocknete Pflaumen beispielsweise nicht fehlen.

Sehr beliebt auf dem historischen Basar von Mardin sind Nüsse, die gerne auch mal mit Lebensmittelfarben verziert werden und auf die Vielfalt der Stadt hinweisen. Ebenfalls beliebt sind selbstgemachte Seifen und Kupferprodukte. Auf diesen ist sehr oft die Schlangenkönigin Şahmaran eingekritzelt, die für Kurden als Symbol der Weisheit und Fruchtbarkeit gilt. Auch sonst begegnet man Şahmaran sehr häufig in Mardin.

Foto: ihsan Gercelman / Shutterstock.com

Mardin im Sommer zu heiß

Mardin ist besonders im Frühling eine Reise wert. Im Sommer ist die Region sehr heiß, was für Erkundungsreisen kontraproduktiv sein kann und nicht jedermanns Sache ist. Im Winter ist Mardin ebenfalls besonders schön, wenn die historischen Monumente, Kirchen und Moscheen, Klöster und Medresen mit Schnee verdeckt sind. Ein drei- bis viertägiger Aufenthalt in Mardin dürfte für eine Erkundungsreise und großartige Erfahrungen in Mesopotamien genügen.

Neben den beliebten historischen Einrichtungen unterschiedlicher Religionen und Kulturen sollte auch das neue Museum des großen Sabancı-Konzerns besucht werden. Dieser hat kürzlich ein ehemaliges Armeegebäude restauriert und in ein Museum umgewandelt. Hier wird die vielschichtige Geschichte um Mardin thematisiert und aufgezeigt, wie das jahrhundertelange Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen funktionieren konnte.

Geheimtipp zum Abschluss: ein kleiner Flug mit dem Heißluftballon.

Ein Flug mit dem Heißluftballon über Mardin ist ein Highlight, den man sich nicht entgehen lassen sollte.