Eine Zuspitzung des innenpolitischen Konflikts in der Türkei könnte nach Einschätzung des Bundesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Gökay Sofuoğlu, dazu führen, dass nicht nur Syrer, sondern vermehrt auch türkische Staatsbürger hierzulande Schutz suchen könnten. „Die Frage ist, was wird, wenn eine Flüchtlingswelle aus der Türkei kommt“, sagte Sofuoğlu der Deutschen Presse-Agentur vor der Feier zum 20. Jubiläum der Organisation am Freitag in Berlin.

Obwohl der Dachverband, der im Dezember 1995 in Hamburg gegründet wurde, ursprünglich als Interessenvertretung türkischer Migranten gedacht war, kümmerten sich einige Landesverbände inzwischen auch um die Belange syrischer Flüchtlinge.

Schwerpunkt nach wie vor auf Diskriminierung

Schwerpunkt der Arbeit der TGD sei heute – wie im Jahr der Gründung – der Schutz vor Diskriminierung und Rassismus, sagte der Vorsitzende. Und: „An diesen Themen hat sich nicht so viel geändert, aber sie werden heute anders diskutiert als vor 20 Jahren.“

Eine weitere Aufgabe der TGB sei es, für ein friedliches Miteinander der verschiedenen ethnischen, religiösen und politischen Gruppen unter den Migranten aus der Türkei zu sorgen. Denn bis heute führten politische Konflikte in der Türkei auch hierzulande zu Spannungen in den Migrantengemeinden.

Dies sei zuletzt nach den türkischen Parlamentswahlen im November spürbar gewesen. „Da wir unideologisch und pluralistisch organisiert sind, können wir als Einzige mit allen reden, mit den Aleviten und auch mit den Kurden“, betonte Sofuoğlu. Die TGB setze sich genauso für eine junge Türkin ein, die wegen ihres Kopftuches keine Lehrstelle erhalte, wie für die Akzeptanz Homosexueller in Familien, die aus der Türkei stammen.

Besorgt zeigte sich Sofuoğlu über den zunehmenden Einfluss der AfD. Er sagte: „Dass die AfD jetzt in Umfragen viele Stimmen erhält, macht mir keine Sorgen – was mir mehr Sorgen macht, ist die Haltung der anderen Parteien zur AfD, denn die CSU, die CDU und zum Teil auch die SPD übernehmen inzwischen einige Themen der AfD wie zum Beispiel die Obergrenze für Asyl.“

Um eine Verbreitung der „Salafisten-Subkultur“ zu verhindern, müsse im Rahmen des Schulgesetzes darauf geachtet werden, dass an Schulen nicht für radikales Gedankengut geworben werde. „Wir haben wirklich Glück, dass wir in einem Land leben, wo man sich nicht nur frei entfalten kann, sondern wo auch Grenzen gesetzt werden“, fügte der TGD-Vorsitzende hinzu. Sofuoğlu kam vor 35 Jahren nach  Deutschland. Er ist SPD-Mitglied, lebt in Baden-Württemberg und bezeichnet sich selbst als „Verfassungsdeutscher mit türkischen Wurzeln“.

Zahlen und Fakten zu Türken in Deutschland

Seit 20 Jahren vertritt die Türkische Gemeinde in Deutschland die Interessen der hier lebenden Menschen türkischer Herkunft, sie sind die größte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund hierzulande: Die Türken bilden mit 1,5 Millionen Menschen die größte Zuwanderergruppe in Deutschland. Rechnet man die Deutschen mit mindestens einem türkischstämmigen Elternteil mit ein, leben hierzulande mehr als 2,8 Millionen Menschen türkischer Herkunft. Die meisten von ihnen sind Nachfahren der sogenannten Gastarbeiter, die ab 1961 in die Bundesrepublik kamen. Bis zum Anwerbestopp 1973 zogen rund 800 000 Türken nach Deutschland, etwa die Hälfte von ihnen blieb dauerhaft hier.

Rund 23 500 Türken zogen im Jahr 2014 nach Deutschland, im gleichen Jahr wurden 22 000 Türken per Einbürgerung zu Deutschen. Im Durchschnitt sind die Türken in Deutschland religiöser als ihre Mitbürger ohne türkischen Hintergrund. Etwa 80 Prozent der über 16-jährigen Türkeistämmigen bezeichneten sich im Jahr 2008 als Muslime. Dazu gehören vor allem Sunniten, aber auch rund ein Sechstel Aleviten. Die Hälfte der türkischen Muslime hält sich für eher gläubig, rund 40 Prozent für sehr stark gläubig. Auch wirtschaftlich spielen die Deutschtürken mittlerweile eine Rolle: Laut Deutsch-Türkischem Wirtschaftsjahrbuch 2014/15 beschäftigen die mehr als 80 000 türkischen Unternehmen in Deutschland rund 400 000 Menschen und erwirtschaften etwa 40 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. (dpa/dtj)