ARCHIV - 21.08.2019, Türkei, Istanbul: Süleyman Soylu, Innenminister der Türkei, spricht bei einer Pressekonferenz. Foto: Ahmet Bolat/POOL ANADOLU/AP/dpa

Früh im Leben nimmt es Ipek Er sich. Sie soll vergewaltigt worden sein. Der Tatverdächtige wird freigelassen und die Geschichte entwickelt sich zum Politikum.

Ipek Er ist erst 18 Jahre alt, als sie sich ihr Leben nehmen will. Es geht dabei nicht um Liebeskummer oder finanzielle Probleme. Der Selbstmordversuch hat seinen Ursprung in einer viel schlimmeren Situation: Vergewaltigung.

Vor dem Selbstmordversuch schrieb Er noch einen Brief, in dem sie erklärt, wie sie einer Vergewaltigung zum Opfer fiel. Etwa einen Monat lang hat man versucht die 18-jährige auf der Intensivstation eines Krankenhauses in der türkischen Provinz Batman zu stabilisieren. Doch jeder Rettungsversuch war zu spät. Die 18-jährige hatte zu starke Verletzungen und erlag ihnen am Ende.

Kurz vor dem Tod konnte sie zusammen mit ihrem Vater noch eine Klage einreichen, woraufhin die zuständige Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm.

15 Tage lang vergewaltigt

Die junge Frau erklärte im Rahmen der Ermittlungen, dass sie den Tatverdächtigen heiraten wollte, dieser ihn aber in die Wohnung eines Freundes gebracht hätte, um sich dort an ihr zu vergehen. Der Tatverdächtige hätte sie dazu aufgefordert, niemandem etwas über den Vorfall zu berichten, ansonsten würde er sie umbringen. Türkische Medien berichten, dass die Frau insgesamt 15 Tage lang in dieser Wohnung vergewaltigt worden sei.

Später habe sie nie wieder etwas von dem Mann gehört. In dem Brief schrieb Er auch, dass sie sich dadurch „dreckig fühle“ und nicht mehr ihre Eltern ansehen könne. Als letzten Ausweg habe sie sich für Selbstmord entschieden. In ihrem Abschiedsbrief schrieb die Frau, dass sie keine Angst mehr vor dem Mann haben müsse, weil sie „ohnehin sterben werde“.

Der Tatverdächtige wurde vorläufig festgenommen und nur wenige Tage später mit unter anderem einer Ausreisesperre wieder freigelassen.

Freilassung schockiert die Türkei

Mehr als der Tod der jungen Frau schockierte die Freilassung des Tatverdächtigen das ganze Land. Schnell etablierte sich in den sozialen Netzwerken ein Hashtag, womit die sofortige Verhaftung des Tatverdächtigen gefordert wurde.

Auch Prominente beteiligen sich an der Kampagne und kritisierten die Freilassung. Unter ihnen befindet sich der Abgeordnete Barış Atay. Atay ist zugleich Schauspieler und hat in unzähligen türkischen Serien und Filmen mitgespielt. Im Parlament sitzt er für die türkische Arbeiter-Partei (Türkiye İşçi Partisi).

Atay teilte auf Twitter einen Medienbeitrag, in dem die Textnachrichten des Tatverdächtigen teilweise veröffentlicht wurden. Dort ist zu lesen, wie der Mann beispielsweise schreibt, er habe eine ähnliche Tat schon vorher begangen, ohne dafür belangt worden zu sein.

„Pass auf, lass dich nicht erwischen“

Atay markierte auf Twitter den Innenminister Süleyman Soylu und warf ihm vor, einen „Serienvergewaltiger zu schützen“. Er werde dafür kämpfen, dass Soylu das niemals vergessen werde.

Der Innenminister ließ mit seiner Antwort nicht lange auf sich warten. Atay sei Abgeordneter geworden, weil er von PKK-Kadern, die zugleich auch „Vergewaltiger“ seien, einen Befehl dazu bekommen habe. „Pass auf, lass dich nicht erwischen“, schrieb Soylu weiter.


Noch am selben Abend wurde Atay auf offener Straße angegriffen. Das gab seine Partei in einem Tweet bekannt, in der auch auf Soylus Tweet vom selben Tag aufmerksam gemacht wird.

Andere Prominente kritisierten das Verhalten des Innenministers und machten ihn für die Tat an Atay mitverantwortlich. Der Innenminister verhalte sich wie ein „Bandenchef“, schrieb beispielsweise der HDP-Politiker Garo Paylan.

Die Polizei nahm bereits drei Tatverdächtige im Zusammenhang mit dem Angriff auf Atay fest. Diese teilten mit, nicht gewusst zu haben, dass Atay Abgeordneter sei und der Streit mit ihm persönlich motiviert sei und keine Vorgeschichte habe. Angeblich sei es zu dem Angriff gekommen, weil Atay sich ihnen am Ausgang eines Lokals in den Weg gestellt und sie damit provoziert habe.