Im Fokus: Türkgücü-Geschäftsführer Max Kothny. Foto: Türkgücü München.

Personalkarussell oder Profiklub? Im DTJ-Exklusiv-Interview räumt Türkgücü München-Geschäftsführer Max Kothny mit Gerüchten über seinen Klub auf. Außerdem spricht er über die kommende Saison, die Rolle des umstrittenen Präsidenten Hasan Kıvran sowie die offene Stadionfrage.

Herr Kothny, noch nie gab es im deutschen Profi-Fußball einen deutsch-türkischen Verein. Sie könnten der erste sein. Sehen Sie sich überhaupt als einen solchen?

Wir sehen uns als ein Münchner Verein, der 1975 von türkischen Migranten in München gegründet wurde. Und klar versuchen wir auch, beide Kulturen zu zeigen und zu leben. Man sieht das insbesondere in der Jugend und im Vereinsleben. Da gibt es schon sehr viel türkischen Einfluss − und das ist auch gut so. Wir sind also zuerst ein Münchner, dann ein deutsch-türkischer Verein.

Viele deutsch-türkische Fans fiebern einem Aufstieg entgegen. Wie haben Sie die Euphorie in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt?

In den letzten drei Monaten war wenig Euphorie zu spüren. Einerseits wegen Corona, andererseits wegen der ungeklärten Aufstiegsthematik. Es gab viele Spekulationen, auch seitens unserer Fans. Aber in Gesprächen und in sozialen Medien nehme ich mehr und mehr Vorfreude wahr. Aber das ist noch zu früh, wir sind schließlich noch nicht aufgestiegen.

„Wir haben noch offene Baustellen“

Bleibt Türkgücü im Amateurfußball oder sind Sie gewillt, Ihr etwaiges Aufstiegsrecht wahrzunehmen? Bei der Abstimmung des Bayerischen Fußballverbands enthielten Sie sich ja Ihrer Stimme.

Natürlich war es von Anfang an unser Ziel, in die dritte Liga aufzusteigen. Mit der Corona-Pause ist alles ein bisschen schwierig geworden. Wir müssen mit Geisterspielen rechnen, mit weniger Sponsoren-Einnahmen – und das ist schon eine wirtschaftliche Gratwanderung. Aber wenn wir ein stimmiges Konzept haben, dann spricht nichts gegen einen Aufstieg.

Das heißt: Sollten Sie Ihre Hausaufgaben machen und die offenen Fragen geklärt worden sein, steigen Sie in den Profifußball auf?

Ganz klar: Ja, wir wollen aufsteigen. Aber es ist wichtig, zu betonen, dass wir noch ein paar offene Baustellen haben – sei es die Finanzierung oder die Stadionfrage.

Sie sprechen es an: Laut einer Meldung vom Wochenende müssen Sie sich für die kommende Saison ein neues Stadion suchen. Können Sie das bestätigen?

Das ist nicht richtig. Ein Großteil der Spiele dürfen wir im Grünwalder Stadion spielen (Anmerkung der Redaktion: Türkgücü trug seine Heimspiele bisher im Sportpark Heimstetten aus, sollte für die Rückrunde ins Grünwalder Stadion ziehen). Wir erarbeiten ein Konzept mit dem Stadionbetreiber und dem DFB, sodass wir so viele Spiele wie möglich in München spielen können. Wir hoffen, dass die Stadt dieses einmalige Projekt unterstützen wird, auch wenn wir nicht mehr viele Tage Zeit haben, um eine Lösung zu finden, und die Mithilfe der Stadt teilweise nicht spürbar ist.

„Trainingsauftakt steht noch nicht fest“

Zurück zum Sport: Wie ist Ihr Eindruck von der Mannschaft nach der langen Corona-Pause? Wie wird aktuell trainiert?

Die Spieler verwenden ihre Trainingspläne aus dem Winter. Bis zum 30. Juni haben wir sicher kein Training. Dann wird es erst langsam wieder losgehen. Lange konnte es kein Mannschaftstraining geben. Natürlich brauchen wir eine längere Vorbereitung. Wobei immer noch nicht feststeht, wann definitiv Trainingsauftakt ist, dafür warten wir noch auf den Rahmenterminkalender des DFB. Für die Regionalliga Bayern liegt auch noch nichts Konkretes vor.

Wer wird neuer Trainer von Türkgücü für die kommende Saison? Der Name René van Eck kursierte zuletzt. Stehen Sie mit ihm in Verhandlungen?

Richtig, wir verhandeln mit René. Aber auch mit anderen Kandidaten haben wir intensive Gespräche geführt. Am Ende bleiben drei, vier Trainer übrig, mit denen wir uns wirklich intensiv beschäftigen und Vertragsinhalte ausarbeiten. Aber eine finale Entscheidung ist noch nicht gefallen. Nächste Woche wissen wir hoffentlich mehr.

„Personalkarussell? Das ist Quatsch“

Mit Alban Zinsou wurde ein neuer Koordinator für den bislang vernachlässigten Nachwuchsbereich engagiert, Helmut Lehnert übernimmt das Nachwuchs-Scouting. Liegt Ihr Hauptaugenmerk nun auf dem Nachwuchsbereich?

Ich glaube schon, dass die Jugend der Kern, das Herz eines jeden Vereins ist und sein muss. Für uns war es wichtig, jetzt erst dieses Zugpferd erste Mannschaft hochzubringen, damit man junge Talente nicht direkt an Bayern, 1860 oder Unterhaching verliert. Und natürlich wollen wir auf lange Sicht den einen oder anderen Jugendspieler in die erste Mannschaft integrieren. Aktuell ist das kaum möglich, deswegen wollen wir uns auch da weiter professionalisieren.

Türkgücü gilt als Personalkarussell. Viele Personalien werden schnell und oft ausgewechselt. Sehen Sie das ähnlich und wenn ja, wie erklären Sie sich das?

Das sehe ich nicht so. Schauen Sie sich die Spielerseite an. Als wir in die Regionalliga aufgestiegen sind, haben wir mit jedem Spieler gesprochen: Kannst Du Dir vorstellen, als Vollprofi zu trainieren? Viele hatten nebenher einen Job und verneinten. Dann brauchten wir halt neue Spieler. Deswegen haben wir in einer Saison 24 Spieler neu verpflichtet. Aber das ist der Kern unserer Mannschaft, und darauf bauen wir auf. Für jede Entscheidung bei uns gibt es gute Gründe. Aber von Haus aus zu sagen, wir schmeißen hier jeden raus, das ist Quatsch. Als Außenstehender sind vielleicht nicht immer alle Entscheidungen verständlich, aber die Öffentlichkeit bekommt nur einen kleinen Teil der täglichen Arbeit mit.

„Ausländerfeindliche Sprüche akzeptiere ich nicht“

Ihr Präsident und Mäzen Hasan Kıvran drohte wiederholt mit seinem Rückzug bei Türkgücü. Können Sie auf ihn zählen? Und was passiert, wenn er seine Drohung wahrmachen würde?

Das ist nicht richtig. Das ist nur ein Gerücht. Wir können auf ihn zählen. Aber wir verfolgen natürlich auf lange Sicht das Ziel, komplett auf eigenen Beinen zu stehen. Das hat aber nichts mit Hasan Kıvran zu tun, sondern mit uns als Gesellschaft. Das schaffen wir vor allem, wenn wir gute Arbeit leisten, gut spielen und als Gesellschaft seriös wirtschaften.

Letzte Frage: Beschäftigen Sie sich in der Vorbereitung auf die kommende Saison bereits mit Gegnern, deren Fans, wie beispielsweise in Chemnitz und Leipzig, die in der Vergangenheit mit rechtsradikalen Äußerungen aufgefallen sind?

Das ist schon etwas, mit dem wir uns mehr und mehr beschäftigen. Dazu stehen wir auch im Austausch mit den Behörden. Wichtig ist für uns, dass wir als Vorbilder in den Stadien auftreten. Das gilt auch für unsere Fans. Für mich ist es einfach nur traurig, dass wir mit Anfeindungen rechnen müssen. Hass und Hetze haben im Fußball überhaupt nichts verloren. Ausländerfeindliche Sprüche oder Ähnliches akzeptiere ich nicht. Und da nehme ich auch die Vereine in die Pflicht. Aber ich bin Optimist und hoffe einfach, dass wir mit rechten Anfeindungen keine Probleme haben werden.

Die Fragen stellte STEFAN KREITEWOLF