Vorgestern habe ich mit einer ehemaligen Kommilitonin aus Diyarbakır gesprochen. Sie sagte mir:

„Es ist so schwer hier Träume zu haben. Träume wie: Was mache ich dieses Jahr im Sommer? Wie soll ich heute meinen Tag verbringen? Einfach das Alltägliche. Das Schlimmste ist, dass wir einfach zusehen und nichts tun können. Unsere Rohre riechen nach Blut. Es sterben Menschen.“

Als sie diese Sätze sprach, hatte ich wieder das klare Bild von der Situation im Südosten der Türkei vor Augen. Der Krieg mitten im Osten der Türkei. Bilder ähnlich denen, die man aus Syrien kennt. Tausende von Menschen, die weinend aus ihren zerstörten Häusern fliehen. Menschen, die fliehen müssen, weil sie keine andere Wahl und keine Perspektive haben. Menschen, deren Zukunft zerstört wird. Hoffnungen, die auf einmal verschwunden sind und das Vertrauen auf ein besseres Leben geht verloren. Bilder, die dem Jahr 1990 ähneln. Wer erhebt seine Stimme gegen diesen Krieg? Wer fühlt mit?

Wer setzt sich dafür ein, dass der Krieg im Osten der Türkei gestoppt wird?

Leider akzeptieren viele die Situation einfach und schauen weg.

Viele wissen nicht einmal, dass die Zivilbevölkerung unter diesem Krieg leidet. Doch genau das ist gefährlich. Ein Sprichwort besagt:

Wenn das alles vorbei ist, werden wir uns nicht an die Stimmen unserer Feinde erinnern, sondern daran, dass unsere Freunde weggeschaut haben.

Wir brauchen eine Revolution, die uns weiter bringt

Wenn wir nicht aufhören einseitig zu denken und immer wieder das Fremde zu beschuldigen, wenn wir nicht an einer gemeinsamen Lösung arbeiten und weiter zusehen, wie Zivilisten getötet werden, dann werden wir nie eine „Einheit“ werden können. Bevor wir eine Lösung für den Konflikt finden können, die dauerhaft sein soll, müssen wir erst eine „Einheit“ werden. Wenn wir jetzt nicht gemeinsam handeln, wenn wir uns jetzt nicht für den Frieden einsetzen, wenn wir jetzt nicht endlich eine „Einheit“ werden, wird dieser Krieg nie aufhören. Über 30 Jahre dauert er schon. Waffen waren damals schon keine Lösung, sind es jetzt nicht und werden nie eine Lösung sein. Wenn wir das nicht wahrnehmen und trotz der Verluste, Trauer und Wut nicht aufhören, zwischen Ethnien zu unterscheiden, wird es nie eine neue Türkei geben. Wir alle müssen uns die Frage stellen, wie es zu diesem andauernden Krieg kommen konnte. Was haben wir verpasst? Was haben wir nicht wahrgenommen? Die Auffassung, dass andere Länder der Grund sind, dass die Türkei im Chaos steckt, muss endlich aus unseren Köpfen verbannt werden!

Diese Aussage wird uns nicht weiter bringen. Es ist nur eine Rechtfertigung, damit es eine „logische“ Erklärung für den Konflikt gibt. Somit wird er legitimiert. Hier muss man sich die Frage stellen: Ist die türkische Bevölkerung unfähig, Zivilisten zu schützen und die Stimme gegen diesen Krieg zu erheben?

Mein Traum vom Frieden

Wann immer ein Türke das Recht eines Kurden

und ein Kurde das Recht eines Türken verteidigt,

wann immer ein Sunnite das Recht eines Aleviten

und ein Alevite das Recht eines Sunniten verteidigt

und ein Armenier das Recht eines Türken

und ein Türke eines Armeniers verteidigt,

wenn wir aufhören Menschen nach Ethnien, Religionen, gesprochenen Sprachen und

Farben zu unterscheiden, wenn wir die Vielfalt als eine Bereicherung ansehen und uns dazu entschließen, eine neue Türkei zu werden,

dann wird ein wahrer Frieden in unser Land einkehren.