Auch an Deutschland wird das Ende des traditionellen Personalauswahlverfahrens nicht spurlos vorbeigehen und in zahlreichen Unternehmen wird die Persönlichkeit eines Bewerbers bereits im Zuge der Vorauswahl in ähnlich starkem Ausmaß evaluiert wie das fachliche Können.

Das bedeutet jetzt nicht nur im negativen Sinne, dass Bewerber mit peinlichen Facebookfotos oder zweifelhaften Umgangsformen auch dann von vornherein aussortiert werden, wenn die fachlichen Qualifikationen einwandfrei sind. Es bedeutet vor allem, dass weiter gedacht wird als nur bis zum euphorisch begangenen ersten Arbeitstag in der Firma, an dem alle per Handschlag begrüßt werden und die ungeteilte Aufmerksamkeit noch dem „Neuen“ gilt.

Ein Schlüsselfaktor für Arbeitgeber wie für Bewerber ist die Frage, wie nach fünf Monaten und sieben Tagen oder am 10. November des zweiten Jahres nach der Einstellung die real existierende Zusammenarbeit verlaufen wird. Denn am Ende steht und fällt alles mit der Chemie und mit den gemeinsamen Wertvorstellungen, die alle Beteiligten miteinander verbinden.

Intelligenz, Vorwissen, Berufserfahrung, gute Zeugnisse oder auch hohe Motivation sind und bleiben auch im Personalfindungsprozess hilfreich und ein Anlass, sich den Bewerber näher anzusehen. Alle diese Faktoren helfen jedoch dann auf Dauer nicht weiter, wenn eine Zusammenarbeit mit den Kollegen, eine Integration ins Team, wechselseitige Empathie und ein gewisser Interessensgleichklang nicht gewährleistet sind.

Auch Auffassungsunterschiede über die Arbeitsweise und abweichende Vorstellungen über die Kooperation mit dem Team können Differenzen schaffen, die im schlimmsten Fall eine Zusammenarbeit unmöglich machen. Auch und gerade dann, wenn der Bewerber ein High Potential ist, der sachlich die idealen Voraussetzungen mitbringt.

Unternehmen müssen ihre Unternehmenskultur definieren

„Cultural Fit“ heißt dabei das Zauberwort, und die Voraussetzung dafür, erkennen zu können, wie sehr ein Bewerber in eine Unternehmenskultur passt, ist, dass das betreffende Unternehmen sich selbst mit dieser auseinandergesetzt hat und diese definieren kann. Und dabei geht es nicht nur um weltanschauliche Faktoren oder Schlagworte von „flache Hierarchien“, „offene Kultur“ oder „flexible Arbeitsmodelle“. Der ansprechende Kaffeevollautomat und der hübsche Pausenraum sind nur die absolute Oberfläche der eigenen Organisationskultur.

Was eine Unternehmenskultur genau auszeichnet, hängt dabei wesentlich auch vom bestehenden Team ab. Um erst mal im eigenen Beritt Klarheit über die Unternehmenskultur zu schaffen, bieten sich Workshops an. Einheitlichkeit in Bezug auf die Vision hilft, die Motivation und den Zusammenhalt des bestehenden Teams zu stärken.

Und daraus lässt sich dann auch ein Frageprozess entwickeln, der helfen soll, bereits im Stadium der Kandidatenvorstellung herauszufinden, ob das Unternehmen und der Bewerber tatsächlich eine realistische Chance haben, miteinander glücklich zu werden.

Mittels aufschlussreicher Fragen lässt sich sodann ans Eingemachte gehen: Ist der Bewerber überhaupt ein Teamplayer oder arbeitet er am liebsten alleine? Trifft er selbst Entscheidungen oder lässt er sich lieber anleiten? Ist er detailverliebt, plant er im Voraus, ist er perfektionistisch, in welcher Form und Dosierung verträgt er Kritik? Was beflügelt den Kandidaten, was hemmt ihn?

Untypische Bewerbungssituationen schaffen

Auch untypische Bewerbungssituationen sind oft äußerst aufschlussreich, etwa, das Vorstellungsgespräch beim Essen in einem Restaurant abzuhalten oder im Fußballstadion. In Situationen, in denen Freizeitatmosphäre herrscht. Sollte man dann den Eindruck gewinnen, dass es sich beim Gegenüber um eine Person handelt, mit der man auch die Freizeit nicht gerne verbringen würde, könnte das Rückschlüsse darauf erlauben, ob ein Bewerber in den Arbeitsalltag passt.

Aber auch für die Unternehmen selbst ist Klarheit über die eigene Unternehmenskultur wichtig, wenn es darum geht, Bewerber anzuziehen. „Cultural Fit“ ist auch ein Faktor, der aus Bewerbersicht immer wichtiger wird. Auch diese informieren sich im Vorfeld über potenzielle Arbeitgeber, und wo diese vermögen, eine ansprechende Unternehmenskultur zu transportieren, ist die Chance größer, die passenden Interessenten anzuziehen.