"Das Leben ist wie ein Stück Papier": Die neue Netflix-Verfilmung ist nicht mehr als Durchschnitt. Quelle: Netflix

Türkische Filme auf Netflix oder Netflix-Filme mit türkischen Darstellern ziehen immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Vor allem Türkeistämmige schauen sie gerne, da Netflix auch ganz gerne auf besonders beliebte Schauspieler:innen zurückgreift. Im jüngst veröffentlichten Film ist Çağatay Ulusoy in seiner zweiten Produktion für Netflix zu sehen. Unsere Einordnung.

Netflix ist gefühlt das Hollywood unserer Zeit. Viel internationaler, vielfältiger, nicht so exklusivistisch, oftmals verblüffend gut. So hat der Streaming-Anbieter gemeinsam mit anderen Wettbewerbern wie Amazon Prime das Kino-Erlebnis von heute massiv verändert. Auch türkische Schauspieler schaffen es durch die Plattformen bedeutend einfacher auf das internationale Parkett. Hingegen könnte man die Zahl der in Hollywood aufgetretenen türkischen Darsteller an einer Hand abzählen. Netflix macht das eher möglich.

Bislang haben an Netflix-Produktionen ca. 50 Schauspieler:innen aus der Türkei mitgewirkt, darunter Beren Saat, Okan Yalabık und Mehmet Günsür. Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, beweist der neue Netflix-Film „Das Leben ist wie ein Stück Papier“ (Kağıttan hayatlar). In der Hauptrolle spielt Çağatay Ulusoy. Bereits für seine erste Rolle in der Netflix-Serie „The Protector“ erntete der Hauptdarsteller Kritik.

Çağatay Ulusoy kommt bei IMDb immer schlecht weg

Insgesamt kommt „The Protector“ mit seinen vier Staffeln auf der anerkannten internationalen Filme-Bewertungsplattform IMDb auf 6,7 Punkte. Das ist ein durchschnittlicher Wert für Filme, die man trotzdem guckt. Vermutlich als Zeitvertreib. Mit seinem neuen Film konnte Ulusoy seinen Erfolgsschnitt nicht unbedingt steigern. Laut IMDb erntet auch „Das Leben ist wie ein Stück Papier“ nur 6,6 Punkte.

Worum geht es im Film? Diesmal schlüpft Ulusoy in die Rolle des Mehmet. Er ist ein geschätzter Kerl, der das Abfalllager in der Nachbarschaft betreibt. Eigentlich ist er sowas wie der CEO von obdachlosen Kindern, die mit seinen Schubkarren Papier einsammeln und das gesammelte Papier bei Mehmet ablegen. Dieser rechnet dann ab, verteilt die Honorare und legt für sich Geld beiseite. Denn Mehmet hat persönlich zwei große Probleme. Dass er nur eine Niere hat, erfahren wir am Anfang des Filmes. Um zu überleben, muss er endlich genug Geld besorgen. Dafür die ganze Arbeit. Sein zweites Problem hängt mit seiner Psyche zusammen.

Der kleine Ali: Ein Prototyp für misshandelte Kinder

Plötzlich taucht ein kleiner Junge namens Ali auf, der verängstigt wirkt und kaum ein Wort über die Lippen bringt. An seinem Körper sind deutliche Spuren von Gewalteinwirkung zu sehen. Er hatte sich in einem der Papier-Schubkarren versteckt. Mehmet entscheidet sich dafür, auf ihn zu achten und nicht zur Polizei zu gehen.

Der Junge erklärt dann, dass es sein Stiefvater sei, der ihn erbarmungslos verprügele und misshandele. In einem hoffnungslosen Moment sei er von seiner eigenen Mutter in einen dieser Schubkarren gelegt und mehr oder weniger verlassen worden. Doch der Junge verschanzt sich in dem Glauben, dass seine Mutter wahllos und unschuldig sei. Er müsse sie endlich vor seinem Stiefvater retten.

Mehmet hat eine große Empathie für den Jungen, nimmt ihn auf und kümmert sich um ihn. Er organisiert sogar eine Geburtstagsparty für ihn, am Tag seines eigentlich eigenen Geburtstags. Ein großer Schoko-Kuchen vom Vortag aus der Konditorei nebenan, Kerzen, Freunde – fertig. Natürlich ist so eine Gruppe auch mit Musikanten befreundet, die für das Entertainment bei der Party sorgen.

Spoiler! Für Aufmerksame spoilert sich der Film selbst

Ganz generell bedient sich der Film zu vieler Klischees. Und leider kommt an dieser Stelle für alle, die den Film noch nicht gesehen haben, ein fetter Spoiler. Doch diesen gibt der Film für aufmerksame Zuschauer auch schon selbst. Sogar an mindestens zwei Stellen.

Erstens: Der „Aha“-Effekt kommt zu früh. Das begründet auch größtenteils die IMDb Bewertung mit nur 6,6 Punkten. Denn Achtung: Mehmet heißt in Wahrheit Mehmet Ali und Ali ist eigentlich seine eigene, verlorene Kindheit. Mehmet ist schizophren und wird immer wieder rückfällig. Das wissen seine Freunde bereits und spielen immer wieder die Passage mit Ali mit, um Mehmet nicht zu kränken, vielleicht auch zu heilen. Zum Schluss des Filmes wird dieses Geheimnis „aufgedeckt“, als Mehmet schmerzhaft feststellen muss, dass er zwar als Kind von seinem Stiefvater brutal geschlagen wurde. Doch es ist schließlich seine Mutter, die ihn in die Einsamkeit verstößt. Stattdessen hätte sie gemeinsam mit ihrem Sohn den Peiniger verlassen können. Genau das macht ihn letztlich krank.

Gucken, wenn man gerade zu viel Zeit hat

Wie schon bei unserer Zusammenfassung der Netflix-Serie „50m²“ gilt hier unsere Empfehlung, den Film schon zu sehen. Aber tatsächlich nur dann, wenn man gerade nichts besseres zu tun hat. Wer sie noch nicht gesehen hat, sollte lieber mit „Bir Başkadır“ anfangen. Oder sie gar ein zweites Mal gucken. Zum Vergleich: Laut IMDb hat diese Produktion stolze 8,6 Punkte verdient. Während „Das Leben ist wie ein Stück Papier“ Klischees produziert, räumt „Bir Başkadır“ mit Vorurteilen auf. Diese Serie ist der Versuch, in einer sehr aufgeheizten Zeit die gespaltene türkische Gesellschaft wieder ein Stück näher zusammenzubringen.