Dr. Aygün: Negativerfahrungen treiben Jugend in die Hände von Radikalen

Besonders das Verhältnis muslimischer Jugendlicher zur Religion ist in Deutschland ein brisantes Thema. Eine regelrechte Überwachungs- und Präventionsindustrie ist entstanden – angeblich zum Schutz der Gesellschaft, im Ergebnis aber vor allem mit stigmatisierenden Wirkungen. Dabei sagen Wissenschaftler: Besonders Diskriminierungserfahrungen führen in die Hände von Radikalen.

Es sind immer wieder aufs Neue die berühmten Gretchenfragen: Was hält die Jugend von der Religion? Sind die muslimischen Jugendlichen religiöser als ihre nichtmuslimischen Altersgenossen?

Nimmt mit der Religiosität auch die Gefahr einer Radikalisierung zu? Diese und andere Fragen standen bei der Tagung der Herbert Quandt Stiftung und der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz am Wochenende in Mainz zur Diskussion. Zur Tagung mit dem Titel „Jung und gläubig?” fanden sich Prof. Heinz Streib (Universität Bielefeld), Dr. Meron Mendel (Jugendbegegnungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main) und Dr. Adem Aygün (Islamische Theologie und ihre Didaktik, Universität Gießen) auf dem Podium als Diskussionspartner ein.

Negativerfahrungen treiben Jugendliche in die Hände von Radikalen

Im Rahmen der Diskussion ließ sich ein differenziertes Bild des Verhältnisses zur Religion unter deutschen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund herausarbeiten. Dr. Adem Aygün zufolge, der seine Promotionsarbeit über die religiöse Sozialisation von türkischen Jugendlichen in der Türkei und in Deutschland geschrieben hat, werden die muslimischen türkischen Jugendlichen nicht unbedingt frommer, aber die Religion spielt in ihrer Selbstdefinition eine größere Rolle. Nach seinen Erkenntnissen gewinnt die Religion für die Jugendlichen zunehmende Bedeutung als Identitätsmerkmal. Dr. Aygün: „Dabei stellen wir fest, besonders Jugendliche, die diskriminierende Erfahrungen in der Schule oder in ihrem Alltagsleben gemacht haben, neigen dazu, ihre religiöse Identität stärker vor sich her zu tragen und in den Vordergrund zu stellen.”

Dr. Aygün weiter: „Besonders solche Jugendliche sind empfänglich für die Botschaften von Leuten wie Pierre Vogel im Internet.” Nach Aygün eignet sich für Jugendliche, die zu Hause in schwierigen familiären Verhältnissen leben, die Flucht in die Religion als Krisenbewältigungsstrategie. Sie werden religiös. Dr. Aygün plädiert auch für den islamischen Religionsunterricht, da die Jugendlichen in ihrem Religionsverständnis eher traditionellen Vorstellungen anhängen und sich weniger kritisch verhalten würden. Diese Jugendlichen bräuchten einen aufgeklärteren Zugang zu ihrer Religion.

Nur 3-5 Prozent der Deutschen sind hochreligiös, die Mehrheit desinteressiert

Religion als Identitätsmerkmal und weniger als gelebte Religiosität attestiert auch Dr. Meron Mendel von jüdischer Seite. Nach Mendel führen die wenigsten jüdischen Jugendlichen ein Leben nach den Vorstellungen und Vorschriften der Religion. Sie definieren ihr Jüdischsein weniger über Religiosität als über ihre ethnische Zugehörigkeit und ihre Bejahung des Staates Israel.

Nach den Ausführungen von Prof. Heinz Streib schließlich führt die Religion bei deutschen Jugendlichen eher ein Schattendasein. Prof. Streib: „Nach allem, was wir feststellen, interessieren sich mehr als 50 Prozent der deutschen Jugendlichen nicht für Religion. Ein kleiner Teil von 3 bis 5 Prozent ist hoch religiös. Über den Rest wissen wir wenig.” Und für die höhere Religiosität bei muslimischen Jugendlichen, die nach Prof. Streib 4- bis 5-mal höher sein dürfte als bei ihren deutschen Altersgenossen, wird die gelebte religiöse Praxis zu Hause als ein Erklärungsgrund herangezogen: „Glauben wird auch als häusliche Praxis weitergegeben.”