Kaum jemand in Deutschland hat mehr Erfahrung mit Gewalt gegen Frauen in migrantischen Milieus als Seyran Ateş. Die vielfach ausgezeichnete Rechtsanwältin und Autorin ist die bekannteste deutsch-türkische Frauenrechtsaktivistin und engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für Opfer häuslicher Gewalt. Ihre Beiträge zum öffentlichen Diskurs, sei es in Debatten über das Kopftuch oder die doppelte Staatsbürgerschaft, werden in der deutsch-türkischen Community kontrovers diskutiert und machten sie zu einer umstrittenen Figur in konservativen Kreisen.

Zur Zeit verfolgt sie den Prozess gegen Mutlu und Alparslan Sürücü in Istanbul. Der Mord an ihrer Schwester Hatun löste 2005 die bisher größte Diskussion um sogenannte „Ehrenmorde“ in Deutschland aus. Die beiden Brüder, die 2007 vor der deutschen Justiz in die Türkei flüchteten, stehen nun wegen mutmaßlicher Mittäterschaft vor Gericht – sie sollen den Mord befohlen haben, den ihr Bruder Ayhan schließlich ausführte.

DTJ sprach mit Seyran Ateş über ihre Eindrücke vom Prozess, den umstrittenen Ehrenmordbegriff und die Lage der Frauenrechte in der Türkei und Deutschland.

Frau Ateş, welche Bedeutung hat der Prozess gegen Mutlu und Alparslan Sürücü in Istanbul?

Ateş: Der Fall von Hatun Sürücü hat in Deutschland hohe Wellen geschlagen, weil es sich um einen klaren Fall von verletzter Familienehre und Tradition handelte. Niemand konnte sagen, das kann auch unter Deutschen und Christen passieren. Denn es stand fest, dass ein Bruder seiner älteren Schwester drei Kugeln in den Kopf geschossen hat, weil sie einen Lebensstil führte, den er nicht akzeptierte. Das gibt es in Europa Gott sei Dank nicht mehr. Die Themen Zwangsheirat und Ehrenmord in sehr traditionellen Familien konnten nicht mehr länger tabuisiert und verharmlost werden. Und, die gesamte Familie stand im Visier der Öffentlichkeit. Zurecht, denn es ist anzunehmen, dass die beiden älteren Brüder Alparslan und Mutlu an der Tat beteiligt waren.

Der Freispruch für Mutlu und Alparslan vor dem Landgericht Berlin war eine weitere Erniedrigung für das Opfer. Die älteren Brüder haben den jüngeren Bruder, der noch unter das Jugendstrafrecht fiel, vorgeschoben und geopfert, damit sie nicht ins Gefängnis müssen.

Die deutsche Staatsanwaltschaft hat gute Gründe gehabt, um gegen das Urteil Revision einzulegen. Die Verurteilung der Mittäter wäre eine späte Genugtuung für die Gerechtigkeit im Namen alles Opfer von Verbrechen im Namen der Ehre.

Aber glauben Sie, dass der Prozess abgesehen von dieser möglichen Genugtuung auch neue Erkenntnisse zum Fall zutage fördern wird?

Ateş: Das glaube ich eher nicht, nachdem ich das Gericht am zweiten Verhandlungstag erlebt habe. Der Richter und der Staatsanwalt wirkten sehr unbeteiligt und gelangweilt.

Was ist denn Ihr Eindruck von der türkischen Justiz?

Ateş: Mein Eindruck von der türkischen Justiz war nicht besonders gut. Die Angeklagten und der bereits verurteilte Bruder Ayhan wurden sehr oberflächlich befragt, als ob es sich um einen einfachen Ladendiebstahl handeln würde.

Der Antrag einer Frauenhilfsorganisation gegen Blutverbrechen an Frauen auf Zulassung der Nebenklage ist nicht entsprochen worden. Das Gericht hätte durchaus die Nebenklage zulassen können. Die Staatsanwaltschaft hätte sich dafür einsetzen können. Das ist alles nicht passiert und für mich ein Indiz dafür, dass man nicht zu tief bohren möchte.

Und welches Strafmaß droht den beiden, falls sie verurteilt werden?

Ateş: Nach dem türkischen Strafrecht erwartet die Brüder bei einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe. Der türkische Staatsanwalt hat dies auch beantragt. Ich bezweifle jedoch mittlerweile, dass es überhaupt zu einer Verurteilung kommt. Es sei denn, es hat zwischen Deutschland und der Türkei schon einen politischen Deal gegeben, dass die Brüder zu verurteilen sind. Der Prozess selbst ist ein Schauprozess.

Wie ist Ihr Eindruck von den beiden Brüdern? Wie verhalten sie sich, wie reflektieren Sie den Fall, welche Weltsicht ist erkennbar?

Ateş: Mutlu hat am Ende der Sitzung die deutschen Medien bezichtigt, daran schuld zu sein, dass er jetzt in der Türkei vor Gericht steht. „Seid ihr jetzt glücklich? Seid ihr zufrieden? Wegen euch hat der BGH das Urteil aufgehoben“, hat er laut in den Zuschauerraum gerufen. Er musste abgeführt werden.

Es gab keine Sekunde Reflektion darüber, dass sie vor Gericht stehen, weil sie ihre Schwester ermordet haben bzw. haben könnten. Man hatte den Eindruck, dass sie sich selbst und die Ungerechtigkeit ihnen selbst gegenüber sahen.

Ayhan Sürücü hat mich auf Facebook beleidigt. Von einer Tagesspiegel-Journalistin habe ich erfahren, dass er auf meinen Facebook-Eintrag nach dem Prozess reagiert hat. Ich hatte erwähnt, dass ich den Termin gruselig fand und die Brüder kein bisschen Reue gezeigt haben. Er hat auf meinen Eintrag geantwortet. Ich bin auf Facebook nicht mit ihm befreundet, wie er meinen Eintrag lesen konnte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat er seine Informanten unter meinen „Freunden“. Dann wurde er sauer, dass ich ihm nicht geantwortet habe. Wie sollte ich das tun? Ich wusste nicht einmal von seinem Beitrag.

Ayhan Sürücü pflegt seine Facebook-Seite wie ein Star und seine Kommentare sprechen für sich. Mehr muss man zu der Weltsicht dieser Brüder nicht sagen.

Sie haben erwähnt, dass Mutlu Sürücü die deutschen Medien beschuldigt hat, für die Aufhebung ihres Freispruchs durch den BGH im Jahr 2007 verantwortlich zu sein. Wie sehen Sie die Rolle der deutschen Medien in dem Fall und glauben Sie, dass in der Türkei ein gewisser Druck aus Deutschland wahrgenommen wird?

Ateş: Die deutschen Medien haben im Fall von Hatun Sürücü im Großen und Ganzen eine gute, verantwortungsvolle Arbeit geleistet. Sie haben mit dafür gesorgt, dass mehr Sensibilität für solche Fälle entwickelt wurde. Natürlich gab es Ausreißer, die alles auf den Islam und barbarischen Türken schieben wollten. Das war aber nicht der Mainstream. Ohne die deutsche mediale Aufmerksamkeit hätte es keinen Paradigmenwechsel gegeben. Endlich wurde nicht mehr davon gesprochen, dass sich die Deutschen nicht einmischen dürfen und jede Kultur machen soll, was sie will. Wenn man hier überhaupt von Kultur sprechen darf.

Einen Druck aus Deutschland nehmen höchstwahrscheinlich nur die Angeklagten wahr.

Der Fall löste hier vor zehn Jahren eine Debatte über sogenannte „Ehrenmorde“ aus. Was ist Ihre Haltung zu dem umstrittenen Begriff?

Ateş: Der Streit um den Begriff Ehrenmorde hat inzwischen einen langen Bart und das ist typisch für die deutsche Streitkultur, die ich im Übrigen sehr schätze. Dinge können endlos zerredet und auseinandergenommen werden. Und zwar unter dem Deckmantel der Differenzierung. In der Türkei wird auch der Versuch unternommen, den richtigen Begriff zu finden. Egal, ob man es Ehren- oder Traditionsmorde nennt, unterm Strich geht es darum, dass sich die Männer und Frauen in ihrer Ehre derart verletzt fühlen, dass sie der Ansicht sind, die Schande durch Beseitigung, also Töten, aus der Welt schaffen zu müssen. „Verbrechen im Namen der Ehre“ ist ein sprachlicher Versuch, die Mitte zu finden, um weg von der Diskussion und hin zu den Ursachen und der Präventionsarbeit zu gelangen. Manch einer hält sich gerne bei der Begriffsdebatte auf, um das heiße Eisen nicht anzufassen. Ich nenne diese Morde Ehrenmorde, weil die Täter es so sehen.

Und wie gehen die türkischen Medien mit ihm um?

Ateş: Über den Fall ist selbstverständlich berichtet worden. Aber nicht im selben Ausmaß wie in Deutschland. Das wundert oder verärgert mich nicht. In der Türkei werden täglich Frauen bestialisch ermordet. Allein in den letzten 12 Monaten sind 314 Frauen getötet worden. Während ich diese Zahl hier erwähne, ist sie sicher schon überholt.

Was kann man Ihrer Meinung nach tun, um zu verhindern, dass versucht wird, derlei Verbrechen mit vermeintlich religiösen Argumenten zu legitimieren?

Ateş: Religionsgelehrte müssen sich sehr viel mehr an der öffentlichen Debatte beteiligen. Nur sie können den religiösen Gehalt einer solchen Tat bewerten und vermitteln. Schweigen kann in diesen Fällen als Zustimmung betrachtet werden. Und nur der Hinweis „Das hat alles nichts mit dem Islam zu tun“ ist sehr verkürzt. Menschen brauchen diesbezüglich mehr Aufklärung.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage der Frauenrechte in der Türkei, insbesondere mit Blick auf Gewalt gegen Frauen? 

Ateş: Die Lage der Frauen in der Türkei verschlimmert sich gerade täglich. Die Gewalt gegen Frauen nimmt rasant zu. In der ganzen Welt sind Frauen von Gewalt betroffen. Jede Region, jedes Land hat seine eigenen Strukturen von Gewalt gegen Frauen und Kinder. In archaisch-patriarchalen Systemen – und unsere gesamte Welt ist so – liegt die Gewalt in der Natur der Sache. Der schwache Mann, der sich gegen andere Männer nicht behaupten kann, lässt seine Wut und seinen Ärger an Frauen und Kindern aus. Sie sind die Schwächsten in der Gesellschaft.

In Deutschland ist man in der Debatte um Frauenrechte einige Jahrzehnte voraus. Das ist der einzige Unterschied. Gesellschaften und Kulturen entwickeln sich zeitverschoben.


Der nächste Verhandlungstag im Prozess wurde für den 28. April festgesetzt.