Tsunami in Istanbul bei möglichem Erdbeben in der Region Marmara möglich, urteilen Geologen und andere Experten. Quelle: Shutterstock

Nach dem verheerenden Erdbeben in der östlichen Provinz Elazığ breitet sich in der Türkei die Furcht vor weiteren Naturkatastrophen aus. Dabei ist diese Furcht nicht neu. Schon seit Jahren behaupten türkische Wissenschaftler der Seismologie, dass sie im Großraum Marmara mit einem Ausgangszentrum in der Weltmetropole Istanbul ein großes Erdbeben erwarten. Das Leben von Millionen steht auf dem Spiel.

Als in Elazığ-Sivrice am 24. Januar die Erde bebte, erreichte das Epizentrum der Naturgewalt eine Kraft von 6,5 Magnitude. Andere Angaben gehen von der Stärke 6,8 aus. Das Beben war jedenfalls stark genug, um 41 Menschen in den Tod zu reißen. Türkischen Rettungskräften und Zivilisten gelang es, 45 Menschen aus den Trümmern zu retten, darunter zahlreiche Frauen und Kinder.

Die Bevölkerung war auf das Erdbeben schlecht bis gar nicht vorbereitet. Dabei hatten anerkannte Erdbeben-Experten vor genau dieser Katastrophe gewarnt. Speziell Prof. Naci Görür, Geologe an der Technischen Universität Istanbul, hat in letzter Zeit Aufsehen erregt. Denn dem Akademiker ist eine traurige Punktlandung gelungen. Görür hat rund vier Monate vor dem Erdbeben in Sivrice das Epizentrum korrekt vorhergesehen.

Erdbeben in der Region Marmara wohl unausweichlich

Nun hat Naci Görür eine erneute Warnung für die Marmara-Region ausgesprochen. Auf Twitter schreibt der Geologe, dass es keine neue Nachricht sei. Dennoch müsse man von einem Erdbeben mit einer Mindeststärke von 7,2 ausgehen. Die Bevölkerung fürchtet sich sehr vor möglichen Erdbeben, denn die Wunden der großen Katastrophe von Gölcük (das ebenfalls zur Marmara-Region zählt) im Jahre 1999 sind bis heute nicht vollständig geheilt.  Damals wurden 7.6 Magnitude gemessen. Tausende Häuser stürzten ein, mehr als 18.000 Menschen kamen unter den Trümmern ums Leben und knapp 50.000 wurden verletzt. Fast 10.000 Menschen starben in Kocaeli, ca. 4000 in Sakarya und rund 1000 in Istanbul.

Tsunami in Istanbul?

Die Region Marmara umschließt auch Istanbul. Glaubt man türkischen Geologen, ist die Weltstadt von einem schweren Erdbeben bedroht. Die historische Stadt ist eine der größten Metropolen der Welt und das eigentliche Zentrum der Türkei. Nach offiziellen Zahlen leben hier 15 Millionen Menschen. Inoffizielle Angaben gehen von 20 Millionen aus. Dabei gibt es Streitigkeiten darüber, ob die Stadt ausreichend auf eine mögliche Katastrophe vorbereitet ist.

Kritiker des türkischen Bauwesens glauben, dass viele Gebäude alt und marode sind und auch Neubauten große Sicherheitsmängel aufweisen. Deshalb ist die Furcht vor einem Erdbeben in Istanbul besonders groß. Doch damit nicht genug. Mit der besonderen Lage am Bosporus ist die Stadt von einer weiteren Naturkatastrophe bedroht. Laut Prof. Şükrü Ersoy von der Technischen Universität Yıldız liegt ein mögliches Epizentrum vor Istanbul im Meer. Aus diesem Grund müssten sich die Bürger von Istanbul auf einen möglichen Tsunami gefasst machen.

50 mögliche Tsunami-Szenarien für Istanbul

Dabei sei diese Gefahr für die Wissenschaft und Stadtverwaltung seit vielen Jahren sehr real. Es gibt sogar eine Webseite der Großstadtverwaltung Istanbul, auf der die Bevölkerung vor einem Tsunami gewarnt wird. Auf YouTube hat die Stadtverwaltung sogar die Simulationen möglicher Tsunami-Szenarien hochgeladen.

Die Risiken bei einem Erdbeben in der Marmara-Region kleinzureden, sei laut Şükrü Ersoy ein unverantwortlicher Fehler. „In dieser Region von einem Erdbeben unter einer 7 Magnitude auszugehen ist schlicht unlogisch“, so der Geologe.