„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

So lautet die grundlegende Behauptung Kants für seine Ethik im ersten Satz seines ersten Abschnitts in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Denn für ihn ist der gute Wille der einzig entscheidende Faktor für vernünftiges und gutes Handeln und das Handeln solle sich allein auf die Vernunft berufen. Er führt seine Analyse fort, indem er auf sein Konzept der Vernunft übergeht. Seiner Ansicht nach ist es nicht Aufgabe der Vernunft, Glückseligkeit und Wohlfahrt für die Menschen sicherzustellen. Denn diese können auch durch Instinkte gewonnen werden, eben wie bei Tieren.

Die Rolle des guten Willens

Existenz aber habe ein anderes, viel würdigeres Ziel, für das die Vernunft eigentlich bestimmt sei. Er schlussfolgert, dass das Ziel der Vernunft das Aufbauen des guten Willens sei. Der gute Wille wiederum bedeutet für ihn, dass Menschen allein aus Pflicht handeln, nicht aufgrund äußerer Normen, Regeln und Gesetzen, oder um Glückseligkeit, oder Vergnügen zu erlangen, sondern auf Grundlage dessen, was der Mensch selbst als das sittlich Gute erkennt. Denn unsere Rührseligkeiten und Gefühle können sich über die Zeit ändern. Was uns heute Freude bereitet, wird uns morgen möglicherweise nicht vergnügen. Für Kant ist das Verankern der Moral auf Gefühle oder Freude äquivalent zum Bauen eines Hauses auf sinkendem Sand. Daher sind der gute Wille, die Vernunft und das Pflichtbewusstsein drei Kernkonzepte seiner Morallehre. Kurz zusammengefasst ist Gutes ohne einen guten Willen für Kant nicht möglich, die Vernunft ist dazu da, diesen guten Willen zu entwickeln, welcher bedeutet, dass Menschen aus reinem Pflichtbewusstsein handeln. Dieses Gesetz formulierte er dann in einem kategorischen Imperativ, in welchem er in der Menschheitsformel die Menschenwürde zum objektiven Maßstab erklärte.

Was hat nun all dies mit der Würde des Menschen zu tun? Kant meint, dass der Mensch das einzige Wesen der Natur sei, der das moralisch Gute festlegen und es universell anwenden kann. Denn ein Lebewesen mit Vernunft ist ein Wesen, das aus sich selbst das universelle Sittengesetz ermitteln kann. In seiner Menschheitsformel fügt er hinzu, dass jeder Mensch stets als Selbstzweck, nicht als bloßes Mittel für einen anderweitigen Profit anerkennt werden müsse.

Wir sollten anmerken, dass Kants Artikulation der Menschenwürde nicht auf religiösen Prinzipien beruhte, obwohl er christlich war. Sowohl er als auch John Locke lebten zu einer Zeit, als in ganz Europa Religionskriege wüteten. Menschen wurden allein aufgrund ihres sich von dem des Monarchen unterscheidenden Glaubens zum Tode verurteilt, der unter der „Schirmherrschaft des göttlichen Rechts“ über das schutzlose Volk herrschte.

Die Vernunftsreligion

Er beschwerte sich über den Emotionalismus der Religion und sah die Religion nicht als stabile Grundlage für moralische Prinzipien. Das Buch „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ schrieb er hierfür, inwelchem er eine philosophische Religionslehre entwickelte, die eine auf Vernunft basierende Religion entwarf, die sogenannte Vernunftreligion. Die westliche Aufklärung verfechtete diese Vorstellungen der angeborenen Würde des Menschen und löste radikale gesellschaftliche Umbrüche im achtzehnten Jahrhundert aus. Natürlich sind diese Ideen nicht einzigartig in der westlichen Aufklärung. Denker und Schriftsteller aus unterschiedlichen Orten der Welt schöpften ihre eigenen Ideen innerhalb ihrer eigenen kulturellen, religiösen und philosophischen Weltanschauungen.

Auch islamische Gelehrte haben jahrhundertelang das Konzept der menschlichen Würde im Koran in unterschiedlicher Art und Weise interpretiert. „Wir haben fürwahr die Kinder Adams (durch viele Auszeichnungen) geehrt: Wir haben ihnen ermöglicht, zu Land und auf dem Meer umherzureisen, und Wir haben ihnen ihnen den Vorzug gegeben vor vielen von jenen, die Wir erschaffen haben, durch besondere Begünstigung.“ Dieser Vers (al-Isra, 70) war meist Ausgangspunkt ihrer Ideen. Die fünf per Analogieschluss aus der islamischen Rechtslehre abgeleiteten Universalien (das Recht auf Leben, Religion, Familie, Vernunft und Eigentum) waren unabdingbare Konsequenzen des koranischen Menschenverständnisses und bildeten zusammen die eigentlichen „Zwecke des islamischen Rechts“ (maqāsid asch-scharīʿa). Für Rumi war Gott die feine Quelle jeglichen Lebens, dessen Essenz mit nichts verglichen und von niemandem beschrieben werden kann, der aber durch seine Qualitäten, die in der Welt und im menschlichen Herz manifestiert sind, gekannt werden.

In einem Hadith, einem Ausspruch des Propheten, heißt es: „Gott schuf den Menschen in der Form des al-Rahmen (dem Erbarmer).“ Sufi-Kreise haben diesen Ausspruch in einer eher mystischen Art und Weise interpretiert. Sie betrachteten den Menschen als barmherzig in seiner wahren Essenz. Einige Hadith-Gelehrten stellten die Authentizität dieses Ausspruch sogar in Frage, da er Anthropomorphismus impliziere.

Die Religion der Vernunft

Der Islamgelehrte Said Nursi (etwa 1878-1960) kritisierte jedoch die Interpretation der Sufiker. Ausgehend von einem Koranvers (muhkam) schrieb er, dass Gott keine Form habe und es nichts gebe, dem er ähnelt oder der ihm ähnelt. Für ihn ist das ganze Universum ein Ort des Manifestes der ewigen Namen und Attribute Gottes. Der Mensch ist hingegen der hellste Spiegel, der die Namen Gottes und seine Schönheit noch makelloser reflektiert wie das ganze Universum. Hierzu schreibt Nursi: „Der Schlüssel der Welt liegt in den Händen des Menschen und ist an seine Seele gebunden, wodurch er die verborgenen Schätze des Schöpfers des Kosmos entdeckt. (…) Der Wert des Menschen entsteht aus der göttlichen Kunst und den Ornamenten der Gottesnamen, die an ihm im Lichte des Glaubens beobachtet werden. Der Mensch ist ein einzigartiges Kunstwerk Gottes des Gerechten und er ist das eleganteste, gnadenvolle Wunder Seiner Macht, da Gott den Menschen wie eine Welt im kleinen erschuf und ihn zur Verkörperung der Erscheinungen und Ornamente all seiner Namen machte.“

Muhammad Asad versteht den Begriff des „khalifa fi-l ard“ (Statthalter Gottes auf Erden) als rechtmäßige Überlegenheit des Menschen. Als die Engel die Schöpfung des Menschen nicht verstanden und Gott fragten, warum er dieses Wesen erschaffe, sagte Gott, er würde einen khalifa, eine Art Statthalter auf Erden erschaffen, da die Engel nicht die Fähigkeit hatten, sich zu verfeinern/steigern. Die Fähigkeit Adams, neue Begriffe und Namen zu lernen, die bei den Engeln nicht zu finden war, deutete auf seine Fähigkeit der mentalen, physischen, intellektuellen und spirituellen Entwicklung hin.

Die Beziehung zwischen Mensch und Universum

In seinem Buch „Toward a Global Civilization of Love and Tolerance“ vermittelt Fethullah Gülen seine Philosophie zur Menschenwürde und stellt die These auf, dass das Buch der Schöpfung erst mit dem menschlichen Verstand und Intellekt lesbar werde. Ohne den Menschen sei das Universum ein geschlossenes Buch, es gebe auch kein Wesen, das es aufklappen könne. Hier gilt der Mensch als Zeuge und Ausleger der Schöpfung. Mit dem Menschen habe die Schöpfung endlich seinen Interpreten gefunden, der mit seiner kognitiven Erkenntnis das Privileg besitze, nachzudenken, Weisheiten zu sprechen und den Dingen mit Liebe zu begegnen.

Während also Kant die angeborene Würde des Menschen auf seine Fähigkeit aufbaut, als Wesen mit Vernunft die universale Moral zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen, geht es innerhalb der islamischen Traditionsgeschichte eher darum, dass der Mensch, wieder als Wesen mit Vernunft, das Buch der Schöpfung studieren und die Wunder der Existenz erläutern kann. In beiden Fällen besitzt der Mensch fundamentale Privilegien, die ihm Würde verleihen: Im ersten Fall die Entwicklung der Moral durch seine Rationalität, im zweiten Fall das Entwickeln des Wissens, der Weisheit und der Liebe durch sein Sein als Spiegel der Attribute und Namen Gottes. In beiden Fällen wird der Mensch in universalen Schutz genommen und jeglicher Verstoß gegen seine Rechte ausgeschlossen. Im Westen äußerten sich die Ideen Kants zur Menschenwürde und den fundamentalen Rechten des Menschen in der liberalen Demokratie. Muslime haben ihr Engagement für den spirituellen Wert des Menschen jahrhundertelang anders ausgedrückt.