EU-Staaten verloren seit 2000 ein Viertel ihrer Truppenstärke

London – Die militärischen Gleichgewichte und das weltweite Machtgefüge verschieben sich. Der neue Bericht des Londoner Institut für Strategische Studien (IISS) sandte am Donnerstag eine alarmierende Botschaft aus. Asiatische Staaten, allen voran die Volksrepublik China, rüsten massiv auf.

Asien rückt immer stärker in den Fokus der Weltmächte. Die USA verstärkten in den letzten Jahren ihre militärische und wirtschaftliche Präsenz im asiatisch-pazifischen Raum. Das „Wall Street Journal“ berichtete, Obama verfolge mit seiner neuen Strategie das Ziel, „die Achse von Europa in die asiatisch-pazifische Boom-Region zu verlegen“.

Die alten Mächte Europas halten bei der Rüstung und dem rasanten Wachstum einiger asiatischer Volkswirtschaften nicht mehr Schritt mit aufstrebenden Ländern in Asien, wie etwa China, Vietnam oder Indonesien.

Europa verliert an wirtschaftlicher und militärischer Stärke – und an Bedeutung

Was Pazifisten frohlocken lässt, sorgt bei den Strategen der EU-Länder für wachsende Unruhe: Die Streitkräfte der großen europäischen Nato-Staaten sind in den vergangenen zwölf Jahren massiv geschrumpft, besonders in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien. Die europäischen Nato-Länder verloren seit dem Jahr 2000 etwa 25 Prozent ihrer Truppenstärke und hatten im vergangenen Jahr noch 1,86 Millionen Soldaten. Die Militärausgaben der europäischen Nato-Länder sind heute um elf Prozent geringer als 2006.

Die Aufgaben sind dafür umso größer. Schon 2011 habe der Krieg gegen das Gaddafi-Regime in Libyen erhebliche Lücken bei den militärischen Fähigkeiten in Europa gezeigt, sagte der Generaldirektor des IISS, John Chipman, am Donnerstag. „Der Einsatz im Jahr 2013 in Mali unterstrich erneut Defizite in der Luftbetankung, in der Aufklärung und bei der Luftrettung.“

Die Nato-Staaten diskutieren ständig über Möglichkeiten, wie man Kapazitäten für alle bereitstellen und sich in einzelnen Ländern auf bestimmte Aufgaben konzentrieren kann. So nutzen die Briten derzeit den französischen Flugzeugträger mit und sogar über eine Zusammenarbeit bei Nuklearwaffen wird nachgedacht. Doch wie groß die Differenzen zwischen den einzenlnen Staaten sein können, beweist die aktuelle Diskussion über Waffenlieferungen an die syrische Opposition. Großbritannien und Frankreich wollen, Deutschland will nicht.

Militärische Stärke durch gemeinsames Handeln – bislang schwierig für die EU-Staaten

„Der Fortschritt hin zu besserer Kooperation bleibt begrenzt“, resümierte Chipman. Zu sehr hätten die jeweiligen Hauptstädte Angst um ihre Souveränität – und letztlich auch um Jobs. Die geplatzte Mega-Fusion der Rüstungskonzerne BAE Systems (Großbritannien) und EADS (Deutschland/Frankreich) mag ein Beleg dafür sein. Dabei könnte die eher zurückhaltende Position der USA etwa in Mali oder Libyen in Europa auch als Chance begriffen werden, enger zusammenzuarbeiten und die gemeinsamen Fähigkeiten zu stärken. „Es gibt nicht viele Zeichen dafür, dass dies passiert“, sagte Chipman.

Der Fall Syrien beweist auch, wie schwierig gemeinsame Militärpolitik sein kann. Der Vorstoß aus Paris und London zur Bewaffnung der Rebellen stieß nicht nur in Berlin, sondern auch bei Assads Langzeitverbündeten in Moskau auf taube Ohren. Damit würde internationales Recht verletzt, ließ Russlands Außenminister Sergej Lawrow wissen. Die Wissenschaftler des IISS haben andere Bedenken: „Mehr Waffen in den Konflikt zu pumpen, würde ihn nur noch weiter verschlimmern“, sagte Toby Dodge, Nahostexperte und Politberater im IISS.

Wobei die Londoner Forscher ohnehin nicht sicher sind, was schlechter ist: der Bürgerkrieg an sich, oder seine Folgen. „Es gibt ein erhebliches Risiko, dass ein schnelles Ende des Konflikts genauso destabilisierend wäre wie seine Verlängerung“, heißt es im IISS-Bericht.

Auch das Nato-Mitglied Türkei stärkte jüngst die militärische Zusammenarbeit mit einigen asiatischen Staaten. Im Februar gründete Ankara das Militärbündnis TAKM mit Aserbaidschan, Kirgistan und der Mongolei. (dpa/dtj)