Assad-Regime arbeitet an einem rein alawitischen Staat

Über 75 000 Menschen wurden in dem blutigen Konflikt zwischen der zum Großteil aus syrischen Sunniten bestehenden Opposition und dem Assad-Regime, das sich vor allem auf die alawitische Minderheit stützt, getötet. Das Regime versucht seit Monaten erfolglos von den Rebellen gehaltene Gebiete und Stadtteile in Damaskus und Aleppo zurückzuerobern.

Je länger und heftiger die Kämpfe in den beiden größten Städten des Landes andauern, desto größer wird der Druck auf die dort ansässige regimetreue alawitische Bevölkerung. Medienberichten zufolge fliehen immer mehr alawitische Familien aus den Großstädten, viele alawitische Offiziere und Regierungsbeamten schickten ihre Angehörigen bereits zurück in ihre Heimatdörfer im alawitschen Kernland im Westen Syriens.

Opposition sieht in Repressalien gegen Sunniten eine langfristige Strategie der Vetreibung

Innerhalb der Opposition mehren sich nun die Berichte darüber, dass Sicherheitskräfte des Regimes sunnitische Familien aus den Küstenstädten Tartus und Latakia und aus dem in Zentralsyrien liegenden Homs und Hama zwangsdeportieren. Anschließend würden die sunnitischen Namen in den offiziellen Dokumenten für Häuser, Wohnungen und sonstigen Eigentums durch alawitische Familiennamen ersetzt.

Viele ehemalige Bewohner Latakias etwa beklagen, dass durch solche Fälschungen Eigentum und Grundstücke von Sunniten innerhalb kurzer Zeit an Angehörige der alawitischen Bevölkerungsgruppe „transferiert“ wurden. Das örtliche Grundbuchamt soll absichtlich in Brand gesetzt worden sein, um so alte Dokumente zu entledigen.

Sicherheitskräfte drängten im Laufe des syrischen Bürgerkriegs den Berichten zufolge viele sunnitische Familien durch permanente Einschüchterung und Misshandlungen aus den Küstenstädten Latakia und Tartus. Die Opposition sieht dahinter eine Strategie: Da die Macht des Regimes in Aleppo, Idlib und Damaskus Tag für Tag schwindet, betreibt das Regime die Schaffung eines rein alawitischen Gebietes entlang der Küste bis in Teile der Provinzen Homs und Hama. Diese beiden Provinzen besitzen eine gemischte Bevölkerung und waren in der Vergangenheit Schauplatz der heftigsten Kämpfe und blutiger, scheinbar konfessionell motivierter Massaker.

Sunnitische und alawitische Dörfer Ziel von „Säuberungsaktionen“

Sinan Metish, Mitglied einer syrischen Oppositionsgruppe, sagte: „Es gibt eine Deportationspolitik in Latakia und Tartus und sie (das Regime) verringern die Hilfslieferungen an sunnitische Dorfbewohner. In Homs ist es noch schlimmer – sunnitische Dörfer werden ausgebombt. Das ist eine durchgeplante Deportation der Sunniten.“ Seiner Meinung nach sind die Chancen des Regimes, in der Provinz Latakia kurzfristig einen neuen alawitischen Staat zu schaffen, relativ gering. Sollten sich die Vertreibung von Sunniten jedoch über längere Zeit hinweg fortsetzen und immer mehr Alawiten aus den großen Städten in die Region zurückkehren, könnte eine alawitische Mehrheit entstehen.

Das alawitische Siedlungsgebiet ist die bewaldete Bergregion im Hinterland der syrischen Mittelmeerküste, hinzu kommen sich die anschließenden Gebiete in den Provinzen Homs und Hama. Viele alawitische Familien zogen nach der Machtergreifung von Hafiz al-Assad aus ihren ärmlichen Dörfern in die Hauptstadt Damaskus, da sie als Beamte oder Angehörige de Sicherheitskräfte dort für die Regierung arbeiten. Meist leben sie dort in rein alawitischen Vierteln, wie etwa in „al-Mazzeh 86“, ein an einen Berghang gedrücktes Häusermeer direkt unterhalb des Präsidentenpalastes.

Bereits im Dezember 2012 warnte ein UN-Bericht vor einer Konfessionalisierung des Konflikts. Sowohl die Schabiha, regierungstreue alawitische Milizen, als auch Kämpfer einiger sunnitischen Rebellenbrigaden töten anscheinend gezielt Angehörige der jeweils anderen Konfession.