KOLUMNE Der Weltfußballverband FIFA ist in die Schlagzeilen geraten – mal wieder. Es gibt Verhaftungen in den USA und der Schweiz, der Vorwurf der Korruption steht im Raum.

Welchen Verlauf nehmen die Ereignisse? Nimmt der FIFA-Chef seinen Hut, gibt es Konsequenzen für den Verband?

Die Antworten kennt zurzeit niemand. Die FIFA aber sollte über einen Umzug in die Türkei nachdenken. Es wäre für beide Seiten mit Gewinn verbunden. Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen.

Hier die ersten zehn, die mir einfallen:

ISTANBUL ALS FIFA-ZENTRALE GEEIGNET

1. Die FIFA-Zentrale sollte sich in Istanbul befinden. Istanbul ist die einzige Stadt auf der Welt, die sich auf zwei Kontinente erstreckt. Wenn Fußball über Länder- und Kulturgrenzen hin verbindet, so gibt es dafür keinen besseren, keinen symbolträchtigeren Ort als Istanbul.

Für Istanbul sprechen auch sportliche Gründe. In der ersten türkischen Liga, der sogenannten Süper Lig, befinden sich fünf Istanbuler Mannschaften. Seit der Gründung der ersten türkischen Liga 1959 haben den Titel 50 Mal die drei Istanbuler Mannschaften geholt. In den letzten 30 Jahren ging die Meisterschaft nur einmal in eine andere Stadt, in das nahegelegene Bursa. Der türkische Fußball ist eigentlich Istanbuler Fußball.

2. In der Türkei ist eine gewisse Tradition entstanden. Altgediente Fußballer, die sich international einen Namen gemacht haben, werden ins Land geholt. Die Clubs lieben es, sich mit älteren Weltstars zu schmücken. In den letzten Jahren kamen Namen wie Roberto Carlos, Didier Drogba, zurzeit ist der Name Zlatan Ibrahimovics im Gespräch. Auch ältere Trainer wie Vicente Del Bosque, Cesare Prandelli und Luis Aragones waren am Bosporus. In diese Tradition passen ältere FIFA-Fussball-Verdiente hervorragend.

IN DER TÜRKEI ACHTET MAN VERDIENTSVOLLE MÄNNER

3. Die Bilder über die Verhaftung von Menschen, die so viel Lebenszeit in den Fußball investiert haben, zeugen von einer gewissen Ignoranz der Bedeutung dieser Leute. In der Türkei würden sie bessere Lebensbedingungen vorfinden. Es würden sich bedeutende Politiker finden, die sich vor ihren Haustüren höchstpersönlich lang machen würden, um sie selbstlos zu schützen. Mittlerweile dürften Polizisten, Staatsanwälte und Richter eingesehen haben, dass es nicht ihre Aufgabe ist, bedeutende Männer mit absurden Vorwürfen wie Korruption zu belästigen. Die Aufgabe der Polizisten ist es, beispielsweise Kinder zu jagen, die Kaugummis in Geschäften klauen. Aber nicht, bedeutende Männer ins Visier zu nehmen.

4. Im Zusammenhang mit den Razzien ist die Rede von einigen hundert Millionen Dollar Korruptionsgeld. Würde man diese Summen auf die Beschuldigten aufteilen, so würde man in der Türkei von ‚Peanuts‘ reden. Das rechtfertigt keineswegs so ehrverletzende Praktiken wie die der vergangenen Tage, zumindest nicht in der politischen Kultur der heutigen Türkei.

KATAR IST MEHR ALS SAND UND GELD WIE SAND

5. Die Ereignisse stehen unter anderem in Zusammenhang mit der Vergabe der Weltmeisterschaft in den arabischen Golfstaat Katar (2022). Liegen wir aber falsch, wenn wir dahinter eine eurozentrische Sicht auf Fußball vermuten? Ist denn Fußball eine rein westliche Angelegenheit? Warum soll ein muslimischer Staat nicht Gastgeber bei so einer Veranstaltung sein, das 90 Prozent der männlichen Weltbevölkerung interessieren dürfte?

Schließlich gibt es in Katar nicht nur Kamel-Rennen; auch dort wird Fußball gespielt. Die Farben grün-weiß stehen nicht nur für Werder Bremen, sondern auch für Al-Ahli; die Farben rot-weiß nicht nur für die Bayern, sondern auch für Al-Arabi. Bei schwarz-rot sollte man nicht nur an Eintracht Frankfurt, sondern auch an Al-Rayyan, bei schwarz-blau nicht nur an Inter Mailand, sondern auch an Al-Sailiya denken. Und glauben Sie etwa, dass Weltstars wie Pep Guardiola, Romario, Raul, Frank de Boer, Mario Basler und Stefan Effenberg nur deshalb in Katar waren, um dort einzig und allein ein Sandbad zu nehmen?

6. Die FIFA kann sich bei einer Entscheidung, in die Türkei umzuziehen, dem Interesse höchster politischer Kreise sicher sein. Die Eröffnung der FIFA-Zentrale würde mit viel Pomp und Prunk über die Bühne gebracht werden. Falls der Umzug nicht vor den Wahlen am 7. Juni bewerkstelligt werden könnte, so bestünde immer noch die Möglichkeit, vor den nächsten Wahlen in einigen Jahren eine Neu-Eröffnung zu inszenieren. Mehrfach-Eröffnungen sind in der Türkei – besonders in Wahlkampfzeiten – weder neu, noch verpönt.

IM LEBEN GIBT ES NICHT IMMER ZWEI CHANCEN

7. Angenommen, einige Vorwürfe stimmen und es ist bei der Vergabe an Katar Geld geflossen. Was für ein Vorwurf ist das denn? Womit hätten die Scheichs denn sonst zahlen sollen, mit reinem Rohöl? Das ist weder praktisch, noch unauffällig. Die Deponierung von so viel Rohöl wäre logistisch auch nicht möglich, abgesehen davon, dass ohne die Weiterverarbeitung in Benzin oder Diesel man nicht viel davon hätte.

8. Wieder angenommen, es stimmt alles. Wäre das nicht eine Einmischung in die inneren Geldangelegenheiten? Was ist mit der schweizerischen Rechtssicherheit für unrechtmäßig erworbenes Geld geworden? Mittlerweile gibt es Länder, die bessere Bedingungen anbieten für Kapital.

9. Fatih Terim ist ein weiterer Grund für die Wahl der Türkei. Einen zweiten Fatih Terim gibt es nicht, weder in der Türkei, noch in der Welt.

10. Die FIFA würde der Neuen Türkei gut zu Gesicht stehen. Ein Land, eine Führung, ein Weltverband – und alles über dem Gesetz stehend, zumindest die Führung.

Also, liebe FIFA-Funktionäre und türkische Politik-Verantwortliche… Überlegt es euch noch einmal. Im Leben gibt es nicht immer zwei Chancen.