In diesen Tagen macht das Buch einer Journalistin Furore, die im deutschen Politikbertrieb gescheitert ist. Das Buch von Susanne Gaschke hat auch deswegen erhebliche Resonanz, weil sie keine ganz normale Journalistin ist. Vor ihrem kurzen Gastspiel in der Politik war die 47-Jährige Redakteurin bei der Wochenzeitung die ZEIT, ihr Mann ist SPD-Bundestagsabgeordneter. Auch dadurch erhält der Fall der ehemaligen Oberbürgermeisterin der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel besondere Brisanz. Denn Susanne Gaschke greift in ihrem Buch vor allem Parteifreunde ihres Mannes an, voran den Ministerpräsidenten, den Vorgänger im Amt, an dem sie vordergründig wegen einer Amnestie für einen Steuersünder scheiterte. Und vor allem attackiert sie in ihrem Buch den SPD-Landesvorsitzenden Stegner, eine Art von Intimfeind.

Kampf mit Haken und Ösen

Ausgerechnet die für ihre Solidität und konservative Haltung bekannte Frankfurter Allgemeine räumte Stegner vor wenigen Tagen große Teile einer Seite frei, auf der der SPD-Spitzenfunktionär mit sichtlichem Vergnügen das Buch der einstigen Konkurrentin zerriss – ein ungewöhnlicher Vorgang, der zeigt, dass in der Angelegenheit weiter mit Haken und Ösen gekämpft wird. Eigentlich macht man derartiges nicht, sondern überlässt die Besprechung jemandem, der sich nicht wie Stegner durch schlechte Laune und Polemik auszeichnet.

Es sieht so aus, als wenn die temperamentvolle Gaschke, eine promovierte Erziehungswissenschaftlerin, Fehler gemacht hat. Aber auch andere haben in der Zeit, als sie Oberbürgermeisterin war, Fehler gemacht. Es gab keinen wirklichen Grund dafür, dass sie nach weniger als einem Jahr ihr Kieler Amt aufgeben musste und nun als Publizistin in Berlin lebt.

In Wahrheit haben es starke Frauen in der deutschen Politik schwer, speziell, wenn sie auffällig und elegant sind. Hier unterscheidet sich der deutsche Politikbetrieb noch immer beträchtlich vom Rest Europas und Amerikas. Kompetenz, gutes Aussehen, elegante Kleidung, entschlossener Auftritt, sehr oft mehrere Kinder, sind für französische Politikerinnen eine Selbstverständlichkeit, auch für Politikerinnen in Spanien oder in Italien. In Deutschland macht man sich damit schnell verdächtig. Die Deutschen sind im Vergleich zu ihren Nachbarn eine nivellierte Mittelklassengesellschaft. Nicht von ungefähr zeigen Umfragen, dass man hierzulande vor allem Gleichheit wünscht, Gleichheit der Lebenschancen, Uniformität des Auftritts. Wer dagegen verstößt, macht sich schnell verdächtig. Dass es der aus großbürgerlicher Familie stammenden Gaschke an Selbstbewusstsein gefehlt hat, lässt sich wohl nicht behaupten. So nahm das Schicksal seinen Lauf.

Politik braucht Seiteneinsteiger

Nun wird ihr in den Besprechungen vorgehalten, dass sie an ihrer Unerfahrenheit im Politikbetrieb gescheitert sei, weil sie eben eine Seiteneinsteigerin war. Ein derartiges Argument ist Unfug. Die deutsche Politik braucht Seiteneinsteiger, sie kommt mit dem Personal, das sich im jugendlichen Alter von 18 Jahren für die politische Karriere entscheidet, nicht aus. Schon heute wird Deutschland von Seiteneinsteigern regiert, der promovierten Physikerin Merkel, dem Ex-Beamten Steinmeier. Auch der gern provozierende Steinbrück war vor seiner politischen Karriere Beamter in einem Bonner Ministerium, nicht Politiker. Der immer noch sehr populäre ehemalige Bundespräsident von Weizsäcker legte eine Karriere in der deutschen Industrie zurück, ehe er mit 49 Jahren in die Politik ging.

Ein weiterer Gesichtspunkt kommt hinzu. Deutschland verändert sich. In der dritten Migrantengeneration wachsen junge Frauen mit Selbstbewusstsein heran, sehr gut ausgebildet, selbstbewusst und häufig elegant im Auftritt. Die beste ARD-Reporterin dieser Tage, die man eine Zeitlang jeden Abend aus der Ukraine berichten sah, ist eine Deutsch-Iranerin. Das wird auch Auswirkungen auf den deutschen Politikbetrieb haben, in den seit einigen Jahren junge Frauen mit ausländischen Wurzeln einrücken, z.B. in Berlin die für Arbeit, Integration und Frauen zuständige Senatorin Kolat, eine allem Anschein nach sehr selbstbewusste, dabei weiblich wirkende Frau. So gesehen hat Susanne Gaschke ihr Amt zu früh aufgegeben. Vielleicht trägt ihr Buch dazu bei, dass sogenannte Seiteneinsteigerinnen weiterhin den Mut haben, sich für ein öffentliches Amt zur Verfügung zu stellen. Denn die deutsche Politik ist mit Talenten, mit charismatischen Figuren, nicht gerade reich gesegnet.