Die bekannte französische Zeitung Le Monde hatte am 18. Dezember 2015 einen Gastbeitrag des muslimischen Predigers Fethullah Gülen veröffentlicht. Gülen hat sich in dem Beitrag wiederholt gegen die Instrumentalisierung des Islams von extremistischen Gruppen für den Terror ausgesprochen und Muslime aufgefordert, ihre Stimme gegen den Missbrauch ihrer Religion zu erheben: „Als Muslime müssen wir die totalitäre Ideologie der Terroristen, die diese verbreiten, ohne Wenn und Aber ablehnen. Im Gegenzug müssen wir eine umarmende Gesinnung fördern, die Vielfalt als Reichtum ansieht. Noch vor unserer ethnischen, nationalen, auch religiösen Identität steht unsere Humanität und den tatsächlichen Schaden von solch barbarischen Aktionen trägt die moralische und spirituelle Persönlichkeit der Menschheit davon.“

Weiterhin sprach Gülen von der Notwendigkeit, dass Muslime „ihr Glaubensverständnis einer kritischen Analyse“ unterziehen sollten. Die Thesen, die Gülen in dem Beitrag darlegt, wertet Jean Pierre Denis, Chefredakteur der Wochenzeitschrift La Vie, als „revolutionär“. Im Leitartikel der aktuellen Ausgabe schreibt er: „Viele Denker rufen dazu auf, sich zu erneuern und fordern einen klaren Kampf gegen radikale Kräfte. Diese Stimmen sind jedoch im Allgemeinen sehr isoliert und die Personen finden noch nicht einmal in ihren eigenen Gemeinden Zuspruch. Bei Fethullah Gülen sieht es anders aus. Der in den USA im Exil lebende Prediger galt als eine der Inspirationsquellen des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan, bevor er zu einem seiner schärfsten Widersacher wurde. Allein das zeigt sein religiöses und politisches Gewicht.“

Erdoğan hat viele Ideen und Ansätze, die Gülen seit Anfang der 1990er Jahre öffentlich vertritt, übernommen. Dazu zählen die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie, die Zusammenarbeit mit dem Westen und keine politische Instrumentalisierung der Religion. Nach 2011 wurde Erdoğan zunehmend autokratischer und sah Gülen und die um ihn entstandene Hizmet-Bewegung als ein Hindernis für seinen Griff nach der vollen Macht. Erst bekämpfte Erdoğan die Bewegung im Hintergrund und nahm dann die Korruptionsaffäre vom Dezember 2013 als willkommenen Anlass, um einen offenen Vernichtungskampf gegen Gülen und die Hizmet-Bewegung zu führen.

Denis sieht einen revolutionären Ansatz darin, dass Gülen die Verantwortung für den Terror nicht im christlichen Abendland sieht und sich klar und mutig gegen die „Kultur des Hasses“ positioniert: „Den letzten Leitartikel dieses Jahres widme ich ausführlich dem Gastbeitrag, dessen Thesen ich mich weitgehend anschließe. Das Jahr 2015 war nicht nur das Jahr, das Unglück und Tod brachte. Auch solche Ereignisse, die eine Quelle für Hoffnung sind, hat es gegeben.“

La Vie hat eine wöchentliche Auflage von 115.000 und richtet sich an die Katholiken in Frankreich. Sie existiert seit 1924 und ist eines der etablierten Publikationen des Landes.