Museen: Hagia Sophia beliebter als Louvre
Ein architektonisches Meisterwerk: Die berühmte Istanbuler Hagia Sophia in der Morgendämmerung

Kirche, Moschee und dann Museum – die Hagia Sophia ist eines der bedeutendsten und historisch wechselvollsten Bauwerke Istanbuls. Immer wieder gibt es in der Türkei Forderungen, sie wieder in eine Moschee umzuwandeln. Diesmal scheint es ernst zu sein. Der Ärger ist vorprogrammiert.

Oberstes Verwaltungsgericht vertagte die Entscheidung

Das Oberste Verwaltungsgericht in der Türkei befasste sich letzte Woche mit der Frage, ob das berühmte Wahrzeichen von Istanbul, die Hagia Sophia, wieder in eine Moschee umgewandelt werden kann. Im Vorfeld hatte es seitens der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu noch geheißen, eine Entscheidung über den Status der einstigen Kirche, die heute ein Museum ist, könnte das Gericht noch am Donnerstag (letzte Woche) oder innerhalb von 15 Tagen fällen.

An jenem Tag entschied das Gericht in der Türkei dann aber, erst in zwei Wochen bekanntzugeben, ob die Hagia Sophia ein Museum bleibt oder wieder zur Moschee wird. Die Anhörung zum Status des berühmten Bauwerks sei beendet, berichtete der Staatssender TRT Haber. Eine Gerichtssprecherin wollte sich auf Anfrage dazu nicht äußern.

Des Präsidenten Lieblingsthema

Der Status des Bauwerks ist ein Politikum. Anhänger der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP fordern seit langem, die Hagia Sophia für das Gebet zu öffnen. Der türkische Präsident und AKP-Chef Recep Tayyip Erdoğan hatte eine Umwandlung zuletzt vor den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr angekündigt. Vor allem Griechenland ist wegen der Bedeutung der Hagia Sophia für die Orthodoxie gegen eine Änderung des Status. Die Entscheidung könnte die Spannungen zwischen den Nachbarländern weiter verschärfen, die sich ohnehin schon um Erdgas im östlichen Mittelmeer, um Flüchtlinge und auch um die Grenzziehung streiten.

Kritiker werfen Präsident Erdoğan zudem vor, mit der Diskussion um das Bauwerk von wirtschaftlichen Problemen ablenken zu wollen oder das Thema in der Vergangenheit vor Wahlen auf die Tagesordnung gebracht zu haben, um seine religiöse Anhängerschaft hinter sich zu vereinen.

Eine mehr als tausendjährige Vergangenheit

Die im 6. Jahrhundert nach Christus erbaute Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) gehört seit 1985 als Teil der Istanbuler Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie war fast ein Jahrtausend lang das größte Gotteshaus der Christenheit und Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, in der die Kaiser gekrönt wurden. Nach der Eroberung des damaligen Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wandelte Sultan Mehmet II. („Mehmet der Eroberer“) die Hagia Sophia in die Ayasofya-Moschee um und fügte als äußeres Kennzeichen Minarette hinzu. Auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk ordnete der Ministerrat im Jahr 1934 die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum an.

Mit diesem Beschluss des Ministerrats beschäftigt sich nun das Oberste Verwaltungsgericht. Ein Verein hatte nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu im Jahr 2016 Klage eingereicht und eine Annullierung der damaligen Entscheidung gefordert. Die Unterschrift Atatürks auf dem damaligen Beschluss sei gefälscht, so die Begründung. Hinter dem Verein steht nach Medienberichten ein pensionierter Lehrer, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu erwirken.

Die größte Oppositionspartei CHP kritisiert jedoch, dass der Prozess ohnehin eine Farce sei. Präsident Erdoğan könne die Umwandlung in eine Moschee eigentlich auch einfach per Dekret anordnen. CHP-Sprecher Faik Öztrak kritisierte kürzlich zudem, dass in der Türkei ein „Ein-Mann-Regime“ herrsche. Daneben würde die Justiz von der Regierung kontrolliert und nicht gegen deren Willen handeln. „Sie atmet nicht mal ohne Eure Erlaubnis“, sagte er an Ankara gerichtet.

Kritik kommt auch aus dem orthodoxen Russland

In Russland ist die mögliche Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul in eine Moschee auf scharfe Ablehnung gestoßen. „Die Bedrohung der Heiligen Sophia ist eine Gefahr für die gesamte christliche Zivilisation – und damit für unsere Geistlichkeit und Geschichte“, teilte Patriarch Kirill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, am Montag mit.

Die größte der orthodoxen Kirchen zeigte sich „tief besorgt“ über die Pläne türkischer Politiker, den Museumsstatus des früheren Gotteshauses aufzugeben. Der Kreml äußerte die Hoffnung, dass bei dem Beschluss über den Status die Bedeutung der Kathedrale als Weltkulturerbe berücksichtigt werde. Die Hagia Sophia sei Anziehungspunkt für Millionen Touristen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow nach Angaben der Agentur Interfax. Abgesehen davon habe sie einen „sehr tiefen sakralen geistlichen Wert“. Peskow sagte, dass dies eine innere Angelegenheit der Türkei sei, in die sich der russische Staat nicht einmische. Zugleich verwies er ausdrücklich auf die Worte des Patriarchen Kirill.

Das Kirchenoberhaupt forderte in Moskau, den neutralen Status der Hagia Sophia als Museum aufrechtzuerhalten. „Es ist die Pflicht eines jeden zivilisierten Staates, das Gleichgewicht zu erhalten. Der Staat muss auch Widersprüche in der Gesellschaft befrieden und nicht anheizen. Die Vereinigung der Menschen muss gefördert und ihre Spaltung verhindert werden.“

In der Vergangenheit forderte ein russischer Abgeordneter sogar, nicht den Status quo als Museum aufrechtzuerhalten. Vielmehr müsse man die Hagia Sophia wieder in eine Kirche umwandeln (DTJ berichtete).

USA: Hagia Sophia sollte ein Museum bleiben

Die US-amerikanische Regierung hat sich ebenfalls gegen eine Umwidmung der berühmten Hagia Sophia in Istanbul ausgesprochen. Die USA forderten die türkische Regierung auf, sicherzustellen, dass die Hagia Sophia für alle zugänglich bleibe, erklärte US-Außenminister Mike Pompeo am Mittwoch.

Die Regierung in Ankara müsse die Hagia Sophia weiterhin als Musterbeispiel für ihr Engagement, die Glaubenstraditionen und die vielfältige Geschichte des Landes zu respektieren, beibehalten. Das türkische Außenministerium zeigte sich erstaunt. Die Hagia Sophia sei Eigentum der Türkei. Man habe ihren historischen und kulturellen Wert seit der Eroberung immer in Ehren gehalten.

Für Touristen würde sich wenig ändern

Sollte die Hagia Sophia wieder zur Moschee werden, könnten Touristen sie dennoch besichtigen, ähnlich wie die nahe gelegene Blaue Moschee in der Istanbuler Altstadt. Im vergangenen Jahr zog die Hagia Sophia nach offiziellen Angaben 3,7 Millionen Besucher an und war damit das meistbesichtigte Museum in der Türkei. Berühmt ist sie vor allem wegen der rund 56 Meter hohen Kuppel. Sie scheint nahezu schwerelos über dem Hauptraum zu schweben. Im Inneren sind die Wände mit byzantinischen Mosaiken und Marmor verziert. Um dem Bilderverbot im Islam gerecht zu werden, müssten die Mosaiken während des islamischen Gebets aber abgedeckt werden.

Nutzung als Moschee während des Ramadan

Unabhängig von der aktuellen Debatte wurde die Hagia Sophia jedoch schon früher für eine zeitlich begrenzte Zeit als Moschee genutzt (DTJ berichtete). So ertönten während des Fastenmonats Ramadan Gebetsrufe. Diese strahlte der staatlichen Sender TRT-Diyanet im Rahmen eines Ramadan-Sonderprogramms aus. Schon damals zeigte die deutsche Bundesregierung sich wenig begeistert. Sie verwies auf den Status als Weltkulturerbe, der erhalten bleiben müsse, hieß es.

Die türkische Religionsbehörde Diyanet nutzte die historische Kulisse auch schon mehrmals, um TV-Sendungen aufzunehmen. Als 2015 anlässlich des Geburtstages vom Propheten Muhammad eine Austellung eröffnet wurde, wurde erstmals nach 85 Jahren in dem monumentalen Bauwerk auch wieder der Koran, das heilige Buch der Muslime, rezitiert.

dpa/dtj