Bewegende Gespräche im Kanzleramt: Die Preisträger:innen berichteten gemeinsam mit ihren Kindern von ihren Lebenswegen. Foto: Bundesregierung/Denzel

Sie kamen mit dem 1961 geschlossenen Anwerbeabkommen und wollten nach einigen Jahren wieder zurück in die Türkei. Doch aus der Rückkehr wurde nichts. Heute leben in Deutschland etwa 21 Millionen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Bundeskanzlerin Merkel würdigte sie nun auf einer Veranstaltung.

Mit einem Festakt im Kanzleramt hat Deutschland am Dienstag an das deutsch-türkische Anwerbeabkommen erinnert, das vor 60 Jahren unterzeichnet wurde. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, Deutschland habe sich seit damals zu einem Einwanderungsland entwickelt, das durch Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen stärker geworden sei.

Das am 30. Oktober 1961 geschlossene Abkommen regelte die Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei. Heute leben in Deutschland mehr als 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln.

„Glücksfall für unser Land“

Im Rahmen des Festakts verliehen Merkel und der frühere Bundespräsident Christian Wulff den Integrationspreis „Talisman“ der Deutschlandstiftung Integration. Stellvertretend für die Migrant:innen der ersten Generation wurden vier Zuwanderer aus der Türkei, Kroatien, Vietnam und Korea für ihre Lebensleistung ausgezeichnet. In seiner Rolle als Stiftungsratsvorsitzender würdigte Wulff die Preisträger als „Glücksfall für unser Land“.

Weil im Wirtschaftswunderland Arbeitskräfte fehlten, schloss die Bundesrepublik seit 1955 mehrere Anwerbeabkommen – unter anderem auch mit Italien, Griechenland und Jugoslawien. Unterdessen holte die DDR sogenannte Vertragsarbeiter:innen aus Ländern wie Vietnam und Mosambik.

Anwerbeabkommen als „ein Herzstück deutscher Geschichte“

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), bezeichnete die Anwerbeabkommen als „ein Herzstück deutscher Geschichte“. Die sogenannten „Gastarbeiter“ hätten entscheidend zur wirtschaftlichen Stärke des Landes beigetragen. Integration sei damals allerdings noch ein Fremdwort gewesen. „Die Leistung der ersten Generation verdient deshalb unseren ganz besonderen Respekt.“

Heute sind Kinder der Gastarbeiter:innen ein undenkbarer Teil der deutschen Gesellschaft. Viele von ihnen haben Unternehmen gegründet, wurden Lehrer:innen, Politiker:innen oder Ärzt:innen. Zwei von ihnen haben sogar den lebenswichtigen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt.

Rund 1.300 türkische Firmen in Deutschland

Auch Bundeskanzlerin Merkel schätzte in ihren Wortbeiträgen auf der Veranstaltung die Bedeutung von Zuwander:innen für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. In Deutschland gibt es rund 1.300 türkische Firmen. Hierzulande beschäftigen sie laut den Zahlen des Auswärtigen Amts und der „Germany Trade & Invest“ (GTAI) knapp 500.000 Mitarbeiter:innen. Damit werden etwa 50 Milliarden Euro erwirtschaftet.

In der Türkei sind über 7.000 deutsche Unternehmen aktiv, in Deutschland rund 1.300 türkische Firmen. Türkeistämmige Unternehmer:innen beschäftigen in Deutschland ca. 500.000 Mitarbeiter:innen und erwirtschaften einen Jahresumsatz von rund 50 Milliarden Euro.

Dr. Dilek Gürsoy als Vorbild junger Deutsch-Türk:innen

Auch die Herzchirurgin Dilek Gürsoy gehört zu diesen erfolgreichen Kindern der türkischen Gastarbeiter-Generation. Die heute 44-Jährige hat einen beeindruckenden Bildungsweg absolviert. Nach einem erfolgreichen Medizinstudium in Düsseldorf, wurde sie zunächst Assistenz-, dann Fach- und letztlich Oberärztin im Team des renommierten Herzchirurgen Dr. Reiner Körfer (75).

Der prominente Facharzt spricht über seine Schülerin in den höchsten Tönen: „Sie ist meine beste Doktorin“. 2019 ist Gürsoy vom renommierten German Medical Club sogar zur „Medizinerin des Jahres“ gewählt worden. Heute dient sie vielen Deutsch-Türk:innen in unterschiedlichen Kampagnen als Vorzeigepersönlichkeit, die trotz vieler Schwierigkeiten im Leben solche Erfolge verzeichnen kann.

dtj/dpa