ARCHIV: Martin Schulz, Kanzlerkandidat und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), äußert sich am 01.06.2017 bei einer Pressekonferenz in Berlin zu Schwerpunkten der sozialdemokratischen Innenpolitik. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Das TV-Duell sollte die Wende bringen, jetzt steht Martin Schulz zwei Wochen vor der Wahl offensichtlich mit dem Rücken zur Wand: Im ARD-Deutschlandtrend liegt die SPD nur noch bei 21 Prozent.

Von Tim Braune

Für Martin Schulz muss es frustrierend sein. Da macht er am Sonntag im TV-Duell keine schlechte Figur, treibt die Kanzlerin vor einem Millionenpublikum immerhin in der Türkei-Politik vor sich her – und jetzt das. Im neuen ARD-Deutschlandtrend – die erste Umfrage mit der Sonntagsfrage, die nach dem Live-Schlagabtausch Merkel-Schulz erhoben wurde – rutscht die SPD von schlechten 23 auf ganz miese 21 Prozent ab.

Die Union zieht unverändert mit 37 Prozent ungestört ihre Kreise. Im Rennen um Platz Drei hat die AfD mit weiterhin 11 Prozent die Nase vorn. Die Linke kommt auf 10 Prozent (plus 1), die FDP auf 9 Prozent (plus 1), die Grünen verharren bei 8 Prozent.

In diesem Loch saßen die Sozialdemokraten schon einmal. Anfang Januar erreichten sie 20 Prozent. Der Vorsitzende hieß Sigmar Gabriel. In diesen dunklen Tagen reifte bei Gabriel die Entscheidung, auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten. Der Goslarer traf sich am 21. Januar im rheinland-pfälzischen Montabaur mit Schulz zu einem «Geheimtreffen».

Schulz sollte Außenminister werden

Schulz, der im Glauben anreiste, Außenminister zu werden, bekam von Gabriel Spitzenkandidatur und SPD-Vorsitz angeboten. «Mach‘ Du, ich kann das nicht, mich woll’n se nicht», soll Gabriel zu Schulz gesagt haben. Danach setzte der beispiellose Rummel um den Mann aus Würselen ein. Die SPD schoss auf über 30 Prozent hoch, träumte vom Machtwechsel.

Jetzt steht Schulz nach drei verlorenen Landtagswahlen und wohl keiner realistischen Chance auf das Kanzleramt dort, wo Gabriel die SPD im Januar nach siebeneinhalb Jahren an der Spitze ziemlich desillusioniert hinterlassen hatte.

Im Gegensatz zu Schulz hat Gabriel ganz persönlich eine erfreuliche Lernkurve hingelegt. Als Außenminister ist er überaus populär, liegt im Deutschlandtrend mit 66 Prozent Zustimmung (plus 3 Punkte im Vergleich zu Anfang August) zu seiner Arbeit auf Platz 1, vor der Kanzlerin (63 Prozent, plus 4). Immerhin kann auch Schulz persönlich etwas zulegen. 39 Prozent der Befragten finden seine Arbeit gut (plus 6).

Nur keine Panik, heißt es bei Sozialdemokraten, die man am Donnerstag auf die neuen ARD-Zahlen anspricht. Schulz mache einen guten Job, das Programm sei stark, viele Wähler seien noch unentschlossen. Bei anderen Instituten kommt die SPD auf etwas bessere Werte, aber da fehlt das TV-Duell, wo die Zuschauer Merkel überzeugender fanden. Bleibt der rote Balken am Wahlabend um 18.00 Uhr sehr weit unter den 25,7 Prozent von 2013 stehen, dürfte es in der ältesten deutschen Partei ziemlich ungemütlich werden.

Großer Verlust im Bundestag

Für viele SPD-Abgeordnete ginge es an ihre berufliche Existenz. Bei 21 Prozent käme die SPD nach Angaben von «Mandatsrechner.de» auf nur noch etwa 148 Sitze im neuen Bundestag. Derzeit sind es 193.

Längst wird gemunkelt, Schulz könnte den Steinmeier machen, um sich zu retten. Der damalige Außenminister und heutige Bundespräsident musste 2009 das schlechteste SPD-Nachkriegsergebnis verantworten. 23 Prozent. Noch am Wahlabend vor acht Jahren verkündete Steinmeier im Willy-Brandt-Haus, er wolle nicht aus der Verantwortung fliehen und Oppositionsführer werden.

So oder so ähnlich könnte Schulz argumentieren. Im TV-Duell untermauerte er vorsorglich seinen Anspruch auf den SPD-Vorsitz. Dabei verlor die Partei mit ihm an der Spitze im Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen drei Landtagswahlen. Schulz reklamiert für sich, die nach der Gabriel-Ära zerstrittene und demoralisierte Volkspartei geeint zu haben. Deren bewegte Vergangenheit zeigt jedoch, diese Einigkeit kann trügerisch sein. Zu sicher sollte sich der 100-Prozent-Vorsitzende Schulz nicht fühlen. Die SPD-Führungsreserve ist mit Andrea Nahles, Manuela Schwesig und Olaf Scholz gut besetzt.

dpa/dtj

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