Prof. Dr. Kuchler: Freigabe des Hitler-Buches zwecks Aufklärung nötig

Aachen – In Aachen beschäftigt sich derzeit eine internationale Tagung mit dem Thema der möglichen Freigabe des Buches „Mein Kampf“. Zu der Tagung kommen an diesem Donnerstag und Freitag Wissenschaftler aus dem In- und Ausland im Internationalen Zeitungsmuseum in Aachen zusammen. Gegen ein weiteres Verbot von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ hat sich im Vorfeld der Geschichtswissenschaftler Prof. Christian Kuchler ausgesprochen.

„Das Buch muss entmystifiziert werden“, sagte Kuchler zu Beginn einer internationalen Tagung über „NS-Propaganda im 21. Jahrhundert“ in Aachen der Nachrichtenagentur dpa. „Es gibt einen Mythos um das Buch, weil es verboten ist. Wenn man sich aber damit beschäftigt, zum Beispiel in der Schule, dann verliert es den Reiz des Verbotenen.“

„Mein Kampf“ darf zurzeit deshalb nicht verbreitet werden, weil der Freistaat Bayern die Urheberrechte daran hält. Diese werden jedoch im Jahr 2015 ablaufen, weil dann seit Hitlers Tod 70 Jahre vergangen sein werden. Deshalb läuft zurzeit eine Diskussion darüber, wie es danach mit dem Buch weitergehen soll. Das Institut für Zeitgeschichte in München arbeitet an einer kommentierten Ausgabe, doch auch daran gibt es Kritik. Das Argument lautet, dass Hitlers Hasstiraden auch mit einem kritischen Begleittext letztlich weiterverbreitet würden.

„Mein Kampf“ ohnehin im Internet zu finden – Aufklärung für Jugendliche daher nötig

Kuchler verwies darauf, dass man sich „Mein Kampf“ schon jetzt jederzeit im Internet herunterladen könne. „Außerdem gibt es bereits heute kaum ein Schulgeschichtsbuch, in dem nicht aus „Mein Kampf“ zitiert wird.“ Bei Spielfilmen aus der NS-Zeit sei seine Haltung noch liberaler: „Wenn sich heutige Jugendliche Spielfilme aus der NS-Zeit ansehen, erscheinen ihnen diese oft als so plump, dass sich die Frage aufdrängt: „Wann ist das zuende?“ Davon geht für medienkompetente Jugendliche der Gegenwart kaum mehr eine Gefahr aus.“

Man müsse im Falle von NS-Propaganda allerdings immer den Einzelfall im Blick haben. So würden Fotos aus Konzentrationslagern wie Auschwitz häufig in Fernsehdokumentationen eingebaut, ohne darauf hinzuweisen, dass sie von den Tätern stammten. „Das finde ich dann schon problematisch.“ Bedenken habe er auch bei der Wochenzeitung „Zeitungszeugen“, die Original-Zeitungen und Plakate aus der NS-Diktatur unverändert nachdrucke.

Eine Untersuchung mit 15-jährigen Schülern habe gezeigt, dass vor allem Nachdrucke von Plakaten aus der NS-Zeit durchaus eine anziehende Wirkung auf die Jugendlichen ausübten. „Ich glaube aber, dass es für den Schulunterricht sogar hochgradig wichtig ist, sich mit so primären, damals zur Propaganda eingesetzten Dingen zu beschäftigen.“ Es komme immer darauf an, dass die Propaganda als Bildungsmittel und zur Aufklärung verwendet werde. (dpa)