In den türkischen Grundschulbüchern gab es eine Geschichte, jedenfalls noch zu der Zeit, als ich die Grundschule besuchte. Ob sie sich genau so zugetragen hat, ob sie eine historische Wahrheit ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber die Lehre, die damit vermittelt wurde, war auf jeden Fall richtig.

Die Geschichte ging so:

Man schreibt das Jahr 1922. Atatürk nimmt mit seinen Soldaten Izmir ein. Sein Gegenspieler war damals Eleftherios Venizelos, der griechische Premierminister.

Atatürk wurde berichtet: „Verehrter Pascha! Venizelos hat die türkische Flagge vor seiner Tür ausgelegt. Er benutzt sie als Fußabtreter. Lassen Sie uns mit der griechischen Flagge dasselbe machen!“

Darauf Atatürk: „Nein, das können wir nicht machen. Eine Flagge symbolisiert ein Volk. Was Venizelos gemacht hat, war ein Fehler. Wir können diesen Fehler nicht wiederholen.“

Später sollen Atatürk und Venizelos sogar gute Freunde geworden sein. 1934 schlug Venizelos Atatürk sogar für den Friedensnobelpreis vor.

Die Leere mancher Zeitgenossen

Kommen wir in die Gegenwart. Dienstagabend, Istanbul. Die Fußball-Nationalmannschaften der Türkei und Griechenlands treten gegeneinander an. Auch die Ministerpräsidenten beider Länder, Ahmet Davutoğlu und Alexis Tsipras, sind im Stadion. Vor dem Spiel gibt es eine Schweigeminute für die Opfer des Anschlags in Paris. Dann die Nationalhymnen. Aber was passiert?

Ein Teil der Zuschauer veranstaltet ein Pfeifkonzert. Während der Schweigeminute, beim Abspielen der griechischen Nationalhymne. Einige rufen „Şehitler ölmez, vatan bölünmez“ („Die Märtyrer sterben nicht, die Heimat wird nicht gespalten“) sowie „Allahu akbar“ („Gott ist groß“).

Gewiss, Gott ist groß. Aber diese Leute sind so armselig. Es ist ein trauriger Punkt, an dem ein Teil der türkischen Gesellschaft heute angekommen ist. Kein Respekt vor Gästen, kein Respekt vor der Nationalhymne der Gastmannschaft. Und kein Respekt vor den Opfern eines furchtbaren Terroranschlags. Seine Unzufriedenheit darüber, dass die UEFA keine Schweigeminute für den Terroranschlag von Ankara oder die gefallenen Soldaten ansetzt, bringt man nicht so zum Ausdruck.

Kein einmaliger Ausrutscher

Leider ist es auch kein einmaliger Ausrutscher. Ein ähnliches Bild bot sich vor dem Spiel gegen Island in Konya. Da gab es eine Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags in Ankara, dem über 100 Menschen zum Opfer fielen. Der Pöbel dachte sich wohl: Warum sollen wir den Toten Respekt zollen? In Paris sind Franzosen gestorben, in Ankara mehrheitlich Sozialisten.

Wie sind diese Menschen so geworden?

Mob und Pöbel gibt es in jedem Land. In Deutschland laufen sie derzeit durch die Straßen und skandieren „Wir sind das Volk“. Aber dass sie in der Türkei derart in den Vordergrund treten und auch den Ton angeben können, hat sicherlich mit der derzeitigen Führung des Landes und seiner Mentalität zu tun.

Prof. Doğan Şahin, Psychiater an der Universität Istanbul, sagte in einem Interview mit der Zeitung Sözcü, dass die regierende AKP eine Mentalität an den Tag lege, die nicht auf Diskussion und Ausgleich der Interessen beruhe, sondern auf der konsequenten Durchsetzung der eigenen Interessen, sofern sie die Macht haben. Diese Mentalität sei inzwischen auf die Bevölkerung übergegangen und habe den Charakter der Gesellschaft verdorben.

Şahin dazu: „Die Menschen begannen zu denken, wenn ich die Macht dazu habe, dann ziehe ich es auch durch. Die Menschen sagen nicht mehr, ‚Ok, ich habe Rechte und die Macht, aber der andere ist auch ein Mensch, auch er hat Rechte, wir können zu einem Konsens finden‘.“

Kriegsrhetorik statt ausgeleichender Sprache

Dem muss man wohl das enorm gestiegene Selbstbewusstsein der AKP-Anhänger nach der gewonnenen Wahl nach dem 1. November hinzufügen sowie die weitgehend auf AKP-Linie gebrachten Medien und ihre Rhetorik.

Sie hatten eine aggressiv-kriegerische Sprache an den Tag gelegt: Für sie war die Wahl kein demokratischer Wettbewerb, sondern ein Befreiungskampf der Türkei. Das Land war bedroht von inneren Verrätern und äußeren Feinden, zu denen die USA, Großbritannien, Deutschland, Israel und eben auch Frankreich zählten. Mit den USA wird jetzt übrigens im Kampf gegen den IS gemeinsame Sache gemacht. Und Merkel war vor wenigen Wochen in der Türkei empfangen worden. Man posierte vor den Kameras.

Zwei Wochen nach der Wahl von dieser Rhetorik gelenkten Menschen Empathie mit Toten in Paris zu erwarten, das war wohl zu viel verlangt.

Das Verhalten dieser Fans im Istanbuler Stadion steht im krassen Gegensatz zur Haltung, die in der Geschichte von Atatürk und Venizelos vermittelt wird. Sie steht auch im Gegensatz zum idealen Türkenbild in der Geschichte und in vielen Publikationen.

Das ist vermutlich auch der zentrale Fehler in der türkischen Gesellschaft: Statt sich realistisch zu betrachten, auch eigene Fehler und Schwächen im Blick zu haben und an ihnen zu arbeiten, flüchten viele in ein Wunschbild – und alles bleibt beim Alten.