Die Zahl der Flüchtlinge weltweit ist so hoch wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Allein in Deutschland werden in diesem Jahr 800 000 Asylsuchende erwartet. Das sind vier Mal so viele wie im vergangenen Jahr und mehr als je zuvor.

Ein wesentlicher Grund für den Anstieg ist die dramatische Lage in Syrien. Auch im fünften Jahr des blutigen Bürgerkriegs ist kein Ende in Sicht, statt dessen wird die Zerstörung immer größer. Das Regime bombardiert Zivilisten aus der Luft mit Fassbomben, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat eine Terrorherrschaft errichtet. „Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs wollten die Flüchtlinge so schnell wie möglich in ihre Heimat zurückkehren“, sagte UNHCR-Sprecherin Karolin Eberle.

Keine Hoffnung, keine Lösung – bleibt nur die Flucht

Einer der Flüchtlinge ist der 13-jährige Kenan, der an der serbisch-ungarischen Grenze auf seine Weiterreise Richtung Deutschland wartet. Derzeit verbreitet sich sein Video wie ein Lauffeuer: „Die Menschen lieben die Syrer in Serbien, Mazedonien und Ungarn nicht. Auch in Griechenland nicht. Meine Botschaft ist folgende: Helft den Syrern, sie brauchen die Hilfe dringend. Beendet den Krieg. Wir kommen dann erst recht nicht nach Europa, das wollen wir sowieso nicht. Beendet nur den Krieg in Syrien.“ Es gibt aber weder Hoffnung auf das Ende des Bürgerkriegs in Syrien noch haben europäische Regierungen eine Lösung für die Nöte der Flüchtlinge.

Zudem wird die Lage für die Flüchtlinge in den Nachbarländern schwieriger. Syrer in der Türkei berichten von schlechten Lebensbedingungen und Perspektivlosigkeit. Kinder können nicht zur Schule gehen. Hilfsorganisationen wie das UN-Hilfswerk UNHCR bekommen von den internationalen Geldgebern zu wenig Hilfe. Sie können deshalb viele Flüchtlinge nicht einmal mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Im Libanon – wo syrische Flüchtlinge inzwischen gut ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen – müssen sie ohne Geld jeden Tag um ihr Überleben kämpfen.

Grenzen in Griechenland nicht mehr so streng kontrolliert

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl sieht noch einen anderen Grund für die zunehmende Zahl der Flüchtlinge aus Syrien und aus dem Irak. In Griechenland seien unter Ministerpräsident Alexis Tsipras seit Anfang des Jahres die Grenzen zur Türkei durchlässiger geworden, sagt Geschäftsführer Günter Burkhardt. Das Tor nach Europa steht damit ein Stück weiter offen.

Dass so viele Syrer, Iraker und Afghanen nach Deutschland wollen liegt daran, dass viele hier Verwandte und Bekannte haben. 100 000 Iraker, 150 000 Syrer und 85 000 Afghanen seien bereits hier, sagt Burkhardt. „Man geht immer dahin, wo es Netzwerke gibt.“

Von den in Deutschland registrierten Asylbewerbern kamen in den ersten sieben Monaten des Jahres aber auch 40 Prozent aus den Ländern des westlichen Balkan. Den Anfang machten im Februar die Kosovo-Albaner. Damals hatten sich die beiden eigentlich tief verfeindeten großen Parteien zu einer Regierung zusammengefunden. Das wurde in dem bitterarmen Land als Zeichen gedeutet, dass die politische Klasse weiter Staat und Wirtschaft plündern will und so an eine Besserung der sozialen Lage nicht zu denken ist. (dtj/dpa)