Türkei schafft die Schuluniform ab

Die durch das Ministerium erlassenen Bestimmungen zum Dress Code an Schulen umfassen auch ein Verbot transparenter, zu enger oder kragenloser Kleidung sowie von politischen Symbolen. Das Kopftuchverbot wird an den religiösen Imam-Hatip-Schulen abgeschafft.

Die 1951 von der Regierung Menderes geschaffenen, Jungen und Mädchen offenstehenden Imam-Hatip-Schulen, die ursprünglich zur Heranbildung von Imamen und religiösen Würdenträgern für die staatliche Religionsbehörde Diyanet ins Leben gerufen wurden, hatten sich im Laufe der Zeit zu attraktiven Alternativangeboten für Eltern gewandelt, die der Verbannung der Religion aus dem Bildungswesen durch die Kemalisten entgegenwirken wollten. Der Abschluss einer Imam-Hatip-Schule berechtigt zur Aufnahme eines Hochschulstudiums. Derzeit besuchen an die 9% der türkischen Schulpflichtigen eine Imam-Hatip-Schule.

Scharfe Kritik an der Neuregelung kam von den Oppositionsparteien, Gewerkschaften und Lehrerverbänden. Neben den üblichen Panikattacken, die der Gedanke an eine Aufhebung von Kopftuchverboten bei Ultrasäkularisten auslöst, wurde die Aufhebung der Uniformpflicht als Signal in die falsche Richtung kritisiert, weil auf diese Weise ökonomische Unterschiede wieder sichtbar würden und dies zu einer Traumatisierung von Kindern führen könnte.

Erdoğan gibt Drängen der Bevölkerung nach

Premierminister Recep Tayyip Erdoğan verteidigte seine Politik. Er sprach davon, dass bereits seit Jahren Beschwerden über die Uniformen im Rahmen der schulischen Erziehung an ihn herangetragen worden seien.

„Lasst die Menschen die Kleidungsstücke kaufen, die sie sich wünschen, die sie sich leisten können und mit denen sie ihre Kinder bekleiden wollen; diese Schritte haben wir unternommen, weil das Volk es verlangt“, äußerte Erdoğan im Rahmen einer Pressekonferenz am Dienstag im Rahmen einer Pressekonferenz in Madrid, wo er mit dem spanischen Premierminister Mariano Rajoy zusammengetroffen war.

Die Anordnungen, die am 27.November im Türkischen Amtsblatt (Resmi Gazete) kundgemacht wurden, werden mit Beginn des Schuljahres 2013/14 in Kraft treten. Schülern wird es erlaubt sein, Freizeitkleidung zu tragen, sofern diese bestimmte Voraussetzungen erfüllt. Transparente, zu enge oder kragenlose Kleidung wird ebenso untersagt sein wie Kleidungsstücke mit politischen Aufdrucken oder Emblemen. Mädchen werden weiterhin keine Miniröcke oder Make-Up tragen dürfen. Auf eigenen Wunsch kann auch weiterhin die Schuluniform getragen werden.

Die Gewerkschaft des Erziehungs- und Wissenschaftspersonals (Eğitim-Sen) wirft der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) vor, mit der Neuregelung einen „weiteren Schritt auf dem Weg in ein religionsbasiertes Bildungswesen“ gegangen zu sein. Die Anordnung werde nach Auffassung der Gewerkschaft eine Polarisierung unter Kindern herbeiführen und Mädchen würden gezwungen, sich im Einklang mit religiösen Regeln zu kleiden.

Soziale Ausgrenzung durch Lockerung der Uniformpflicht?

Die oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP) kündigte an, gegen die Neuregelung klagen zu wollen. „Die Angewohnheit von Kindern reicher Familien, sich Luxusbekleidung zu leisten, wird ein Gefühl der Unterlegenheit unter den anderen hervorrufen“, beklagte ihre Istanbuler Abgeordnete Nur Serter.

Der Staatssekretär im Erziehungsministerium, Emin Zararsiz, trat dieser Auffassung entgegen, indem er darauf hinwies, dass Schulregistrierungen auf der Basis eines adressenbasierten Registrierungssystems stattfinden, was dazu führen würde, dass Kinder aus jeweils ähnlichen sozialen Verhältnissen die gleichen Schulen besuchen würden.

Während das Kopftuchverbot in den Imam-Hatip-Schulen für alle Fächer abgeschafft wurde, bleibt dieses paternalistische Relikt an anderen Schulen weitgehend aufrecht. Dort wird es künftig nur Schülerinnen in Mittleren und Höheren Schulen erlaubt sein, im Rahmen von Wahlfachkursen zu Koran und Islamischer Religion das Kopftuch zu tragen.

Bis dato war das Tragen des Kopftuchs nur in den Berufsklassen der Imam-Hatip-Schulen zugelassen.
(Hürriyet Daily News)