Er war der berühmteste Kriegsreporter der Republik: Peter Scholl-Latour erklärte den Deutschen die Welt. Er starb am Samstag im Alter von 90 Jahren.

Ramon Schack ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, Deutschland-Radio-Kultur, Telepolis und Die Welt. Nach einem längeren Aufenthalt in London, lebt Schack seit 2003 in Berlin. Der Nahe Osten, Osteuropa, der Islam, Politischer Extremismus sind die Schwerpunkte seiner journalistischen Arbeit. Schack -Jahrgang 1971- veröffentlichte u.a. Reportagen und Reiseberichte aus China, der Mongolei, Russland, Armenien, Georgien und Aserbaidschan, sowie Äthiopien. 2013 erschien sein Buch „Neukölln ist Nirgendwo“, welches schon im Vorfeld der Veröffentlichung medial stark diskutiert wurde. Ende 2015 erschien sein Buch „Begegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack“. Kaan Bağcı sprach mit ihm.

In Ihrem Buch beschreiben Sie einen Bummel durch Berlin-Kreuzberg mit Peter Scholl-Latour, der in einer Begegnung mit jungen Muslimen mündet. Sehr eindrucksvoll schildern Sie die Diskussion Scholl-Latours mit den jungen Leuten. Als ich 17 war, traf ich ihn auf der Frankfurter Buchmesse, wo ich um ein Foto mit ihm bat. Ein Mann neben ihm äußerte begeistert, wie auch junge Menschen sich für seine Arbeit interessierten und ihn wiedererkannten. Können Sie dieses Interesse junger Muslime allgemein bestätigen?

Ramon Schack: Das war ja in der Tat auffällig und faszinierend zugleich, dass Peter Scholl-Latour unter hiesigen Muslimen eine große Achtung genoss. Er wurde vor allem von jungen, meist türkisch-muslimischen, Erwachsenen erkannt und angesprochen. Sie diskutierten mit ihm ihre Ängste und Anliegen, welchen Scholl-Latour immer interessiert und neugierig zuhörte.

Auf der Straße beliebt, in den Universitäten kontrovers diskutiert. Sie gehen in ihrem Buch auch auf das Verhältnis von Scholl-Latour und den islamwissenschaftlichen Fakultäten ein. Diese teilten seine Meinung nicht allzu oft und bezogen gegensätzliche Positionen. Wie erklären Sie sich das?

Das stimmt. In den islamwissenschaftlichen Fakultäten war er nicht besonders populär. Inzwischen wissen wir aber, welche Thesen uns Theorien von der Geschichte überrollt wurden, und wer mit seinen Prognosen Recht behalten hat. Die Islamwissenschaftler, zumindest ein Großteil von ihnen, gehören in diesem Zusammenhang zu den Verlierern. Scholl-Latour wies allerdings verständnisvoll darauf hin, dass es sich um Philologen handelt, die von politischen Prozessen wenig verstehen, von historischen überhaupt nichts.

Apropos politischer Prozess: Scholl-Latour war immer ein Gegner des EU-Beitritts der Türkei, weshalb?

Nun, er wies stets daraufhin, dass ein EU-Beitritt der Türkei weder für die Türkei noch für die EU von Vorteil wäre. Inzwischen hat die EU ja auch stark an Ausstrahlungskraft eingebüßt, nicht nur in der Türkei, sondern auch in den Mitgliedsstaaten. Scholl-Latour betrachtete die EU, besonders nach der jüngsten Ost-Erweiterung, als überdehnt. Die europäischen Freunde des Türkeibeitritts zur EU, welche darauf hinarbeiten, den Einfluss der Armee abzubauen, weil diese den demokratischen Vorstellungen des Westens widerspricht, unterstützen Erdoğan dabei fleißig. Mit der Entmachtung der Generäle wurde jedoch die letzte Hürde beseitigt, die sich einer allmächtigen Umwandlung dieses laizistischen Staates in eine Islamische Republik entgegenstellt. Scholl-Latour hatte niemals eine Schwäche für politische Utopien, die zunächst gut klingen mögen, letztendlich aber das Gegenteil herbeiführen, wie in unzähligen anderen Fällen auch.

Sie befinden sich zurzeit auf Lesereise in ganz Deutschland. Was stellen Sie dabei bezüglich Ihres Buches fest, und welche Frage wird am häufigsten gestellt?

Ich stelle fest, dass das Leben und Werk Scholl-Latours höchst aktuell sind, gerade angesichts der aktuellen Krisen unserer Zeit. Am häufigsten wird mir jene Frage gestellt, welche Sie mir auch am Anfang unserer Konversation stellten, mit allerdings jeweils unterschiedlicher Intention: „Was hätte Peter Scholl-Latour dazu gesagt?“.

Was hätte Peter Scholl-Latour zu der aktuellen Böhmermann-Affäre gesagt?

„Wir leben in einem Zeitalter der Massenverblödung“, hatte er mir in einem Interview anlässlich seines 90.Geburtstages gesagt. Ich denke, diese Feststellung beinhaltet auch die Reaktionen auf die sogenannte Böhmermann-Affäre und hätte ihn wahrscheinlich in seiner Auffassung nur bestätigt.

Konkret hätte Scholl-Latour keine Stellung bezogen?

Das wäre jetzt Spekulation, darüber nachzudenken, ob und wie sich Scholl-Latour zu diesem Thema geäußert hätte. Sicherlich hätte er die Debatte zur Kenntnis genommen, eventuell in einem seiner Bücher als Randnotiz erwähnt, aber die ganzen Vorfälle doch richtig gewertet, in dem Sinne, dass es sich um Scheindebatten handelt, die für die weltpolitischen Entwicklungen unserer Tage nicht weiter von Bedeutung sind. Scholl-Latours Stärke war es ja auch, wichtige von unwichtigen Informationen zu trennen. Bestimmt hätte er sich über das niedrige Niveau von Böhmermanns Traktat geärgert, wie auch über die überzogenen Reaktionen Erdoğans und das merkwürdige Verhalten der Kanzlerin.

Was für eine Meinung hatte Scholl-Latour von dem amtierenden türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan?

Bei der Beurteilung von Erdoğan verließ sich Peter Scholl-Latour nicht auf den schwankenden Zeitgeist, sondern legte eine historische Perspektive zu Grunde. Persönlich sind sich Erdoğan und Scholl-Latour Ende der der 1990er Jahre in Istanbul begegnet. Scholl-Latour schilderte ihn anfangs durchaus wohlwollend, hatte Respekt vor seiner Laufbahn, inklusive Gefängnis, sowie vor seinen politischen Zielsetzungen, was auch daran lag, dass Scholl-Latour die Schwächen der kemalistischen Führungskräfte klarer erkannte, als andere Experten.

Er hielt Erdoğan also nicht für einen Fanatiker, wie andere westliche Kommentatoren?

R.S: Nein. Peter Scholl-Latour war ein Kenner der Türkei. Zum ersten Mal kam er 1950 ins Land, bereiste es dann im Laufe der Jahrzehnte immer wieder, bis kurz vor seinem Tode. Aufgrund dieser Erfahrungen, flankiert von seinem historischen Wissen, war er sich darüber im Klaren, dass ein Politiker vom Schlage Erdoğans in eine offene Konfrontation mit der allmächtigen Generalität der türkischen Armee und ihrer auf kemalistischen Laizismus eingeschworenen Staatsdoktrin geraten musste. Erdoğans überwältigender Wahlsieg im Juli 2007 stellte ja nur den vorläufigen Höhepunkt einer langen Entwicklung dar, die Scholl-Latour langfristig analysiert und vorausgesehen hatte. Übrigens nicht nur in der Türkei.

Welche langfristige Entwicklung ist hier gemeint?

Natürlich die religiöse Rückbesinnung eines Großteils der türkischen Bevölkerung, nach Jahrzehnten kemalistischer Staatsdoktrin. Scholl-Latour war der Auffassung, dass es sogar heilsam gewesen wäre, wenn in der kraftstrotzenden Türkei der Versuch in Gang käme, ein von der Bevölkerung getragenes koranisches System zu installieren, nach dem man in der übrigen “Islamischen Welt” vergeblich Ausschau hält. Irgendwie musste das Verhältnis Europas gegenüber seinen islamischen Nachbarn ja auf eine neue, realistischere Grundlage gestellt werden. Die Respektierung des demokratischen Willens der dortigen Mehrheit, auch wenn diese temporär eine religiöse Staatsform präferiert, sollte auf Dauer Vorrang gewinnen über die Kungelei und Kumpanei mit oberflächlich befreundeten Diktatoren und fundamentalistischen Feudalherrschern, deren Anbiederei an den Westen nur der eigenen Selbsterhaltung dient und die früher oder später einstürzen werden, so in etwa war Scholl-Latours Einschätzung, die dann ja auch von den historischen Abläufen bestätigt wurde, innerhalb und außerhalb der Türkei.

In seinem letzten Buch „Der Fluch der bösen Tat“ äußerte Scholl-Latour dann aber doch Kritik an Erdoğans Politik.

Richtig, besonders an der Außenpolitik der Türkei, die Einmischung in die Unruhen der Arabischen Welt, die Politik gegenüber Syrien, das alles flankiert von uralten Kalifatsträumen. In dem von Ihnen erwähnten Buch wies er auf die Gefahren für innenpolitische Stabilität der Türkei hin, die von dieser Politik ausgehen, auch das können wir jetzt ja besichtigen, nicht wahr?

Vielen Dank, Herr Schack.