Ein türkisches Gericht hat eine ehemalige Schönheitskönigin wegen Verunglimpfung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu einem Jahr und zweieinhalb Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Das Model Merve Büyüksaraç habe den Präsidenten mit einem Gedicht beleidigt, urteilte das Gericht in Istanbul nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA vom Dienstag. Büyüksaraç hatte das Gedicht im vergangenen August nach Medienberichten über den Fotodienst „Instagram“ geteilt und damit verbreitet.

Der Text mit dem Titel „Ustanın Şiiri“ (Das Gedicht des Meisters) ist eine ironische Abwandlung der dritten Strophe der türkischen Nationalhymne „İstiklal Marşı“ („Unabhängigkeitsmarsch“). Es geht darin um Bestechung. Im Dezember 2013 war gegen Vertraute des damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt worden.

Im Gedicht heißt es: „Ich habe seit elf Jahren immer gestohlen und werde weiter stehlen./ Welcher Verrückte würde mich verurteilen? Ich wär‘ erstaunt!“ („Ben 11 yıldır hep çaldım, yine çalarım/ Hangi çılgın beni yargılayacakmış? Şaşarım!“). Unter Verdacht geriet damals auch Erdoğans Sohn Bilal Erdoğan, er wird in dem Gedicht namentlich erwähnt: „Auch wenn ich zuhause ein paar Milliarden Dollar gestapelt habe/ ich habe ja einen Sohn wie Bilal, der sie verschwinden lässt.“ („Evde istifleşmişsem bir kaç milyar dolar/ onları sıfırlayacak Bilal gibi oğlum var.“)

Das Gedicht wurde inzwischen aus dem Instagram-Profil des Models gelöscht, vorher war es jedoch bereits über 960 000 mal geteilt worden. Büyüksaraç war im Jahr 2006 zur Miss Turkey gewählt worden. Das Verfahren gegen sie kommentierte Büyüksaraç wütend: „Während es in der Türkei täglich Vergewaltigungen und Morde an Frauen gibt, verwendet die Polizei ihre Kräfte darauf, sich mit berühmten Instagram-Accounts zu beschäftigen. Meiner Meinung nach ist das Zeitverschwendung. Es sollte nicht so sein.“ (dpa/ dtj)