Wie schnell man doch selbst bei einer Hexenjagd vom Jäger zum Gejagten werden kann…

Das zeigt jüngst der Fall von Ömer Faruk Kavurmacı, dem Schwiegersohn von Kadir Topbaş, seines Zeichens Bürgermeister von Istanbul. In die Medien schaffte es Kavurmacı kürzlich mit einer – man kann es nicht anders sagen – widerwärtigen Idee: Wie die türkische Nachrichtenseite T24 berichtet, ging von ihm die Errichtung des „Friedhofs der Verräter“ („Hainler Mezarlığı“, Foto) am Stadtrand von Istanbul aus. Auf dessen Gelände (einem Feld, das neben einer Baustelle eines Heims für Straßenhunde liegt) sollen die mutmaßlichen Putschisten, die die Putschnacht oder deren Nachgang nicht überlebt haben, beerdigt werden – ohne Begräbniszeremonie oder Totengebete. Diese seien nämlich ein Akt der Entlastung, den die Putschisten nicht verdient hätten.

So berichten Zeugen beispielsweise, dass die Leiche des Hauptmanns Mehmet Karabekir mit einem Krankenwagen auf das Gelände gebracht und von einer Handvoll Leute ohne jegliche Zeremonie vergraben wurde. „Möge jeder, der vorbeikommt, sie verfluchen und sie nicht in Frieden ruhen lassen“, wurde Kavurmacıs Schwiegervater Topbaş von der Nachrichtenagentur Doğan (DHA) zitiert. Zivilisten dürfen den Friedhof nicht besuchen, für Journalisten ist er nur in Begleitung eines Sicherheitsmannes zugänglich. Immerhin, das Schild vor dem Friedhof, von dem ein Foto durch die Medien ging, das außerhalb der Türkei vielerorts Entrüstung und Kopfschütteln hervorrief, wurde mittlerweile auf Druck der staatlichen Religionsbehörde Diyanet entfernt. Der Friedhof, der auf Kavurmacıs Initiative zurückgeht, besteht indes weiter.

Kavurmacı steht also ganz offensichtlich fest an der Seite der Macht, mit der er ja sogar durch familiäre Bande verknüpft ist. Seine Initiative, den Mitgliedern „Fethullahistischen Terrororganisation (FETÖ)“ grundlegende Menschenrechte zu verweigern, indem er ihnen nicht mal eine würdevolle Totenruhe gönnt, lässt darauf schließen, dass er das mit einer gewissen Inbrunst – um nicht zu sagen: einem unbändigen Hass – vertritt. Man sollte also meinen, dass so jemand eher nicht zu befürchten hat, als „Fetöcü“ diskreditiert zu werden.

Nun ja, jetzt sitzt er in Untersuchungshaft. Vorwurf: „FETÖ“-Mitgliedschaft. Wie die Regierungszeitung Sabah und Hürriyet im Wortlaut gleichlautend berichten, habe man im Rahmen der Verhaftung und Enteignung von 187 Geschäftsleuten in der Türkei auch Kavurmacıs Büro durchsucht und dabei Bücher von Fethullah Gülen sowie einen Dekorationsgegenstand (einen gläsernen Aufsteller) mit einem Zitat Fethullah Gülens gefunden. Ömer Faruk und sein Vater Mustafa Şevki Kavurmacı wurden gemeinsam verhaftet und ins Präsidium für Finanzvergehen der Stadt Istanbul verbracht.

Zwei Schlussfolgerungen könnte man aus dem Fall ziehen: Entweder, man kann wirklich gar niemandem mehr trauen und selbst die fanatischsten Kämpfer gegen die vermeintliche Parallelstruktur können in Wirklichkeit klandestine Krypto-Gülenisten sein, die zwar so gerissen sind, dass sie es schaffen, zu Sabotagezwecken bis hinauf in die Machteliten einzuheiraten – dann aber so blöd sind, Bücher des Über-Bösewichts und schicke Plaketten mit Sprüchen von ihm in ihren Büros rumliegen zu lassen.

Oder aber: Mittlerweile wird es immer leichter, schmutzige Wäsche zu waschen, wenn man an den richtigen Schaltstellen sitzt. Um sich eines politischen oder geschäftlichen Intimfeindes zu entledigen, bräuchte man – natürlich nur rein theoretisch, versteht sich – lediglich die richtigen Leute anweisen, die richtigen Gegenstände im richtigen Büro zu finden.

Welches der beiden Szenarien sich wirklich abgespielt hat, oder ob etwas ganz anderes hinter der Verhaftung der beiden Kavurmacıs steckt, wird wohl eines der vielen Details bleiben, das kaum jemand je zweifelsfrei in Erfahrung bringen wird. Was jedoch einmal mehr ersichtlich wird: Mittlerweile kann es (fast) jeden treffen.