Ein türkischer Polizist trägt den Leichnam von Aylan Kurdi vom Strand.
Seit gestern kursieren Bilder einer Kinderleiche aus Syrien durch die sozialen Netzwerke. Die Verbreitung solcher Bilder können Menschen sensibilisieren.

Ich finde es immer wieder interessant, wie die Inhalte einer Debatte zu ein und demselben Thema sich verschieben. Zunächst einmal geht es um das Geschehene – untermauert mit einem Bild. In diesem Fall war es das Bild mit einer Kinderleiche aus Syrien, dass leblos am Strand lag. Irgendwann kommen dann Kommentare, die Beschuldigungen und irgendwelche politischen Äußerungen beinhalten: wie beispielsweise Anschuldigungen, ob „der Westen“ auch so stumm geblieben wäre, wenn es um ein deutsches, französisches, schwedisches oder norwegisches Kind – oder um Delphine gehandelt hätte.

Weiter geht es anschließend mit anderen Vorwürfen wie:

„Würden die Türken genau so trauern, wenn es ein kurdisches Kind aus Kobane gewesen wäre?“

DANN erst melden sich die Friedenstauben, die darunter leiden, dass damit eigene Interessen weiterhin betrieben werden und lassen sich aus mit dem Hashtag #NationalitätMensch. …

Das alles: eben ein ständiges Entfernen und Nähern an das eigentliche Thema.

Das KIND – als traurigstes Endergebnis des Versagens einer inhumanen Flüchtlingspolitik…

Es ist nicht einmal das Ergebnis dessen, was auf dieser Welt gerade täglich da und dort geschieht und von dem wir NICHTS  – und WENN, dann nur durch einen Hauch von Farben in Form von Fotos – mitbekommen – und woraus „WIR“ EuropäerInnen uns rausreden könnten – wie beispielsweise von dem ganzen Leid anderer Kinder, die noch leben und woanders entweder an Hunger oder an Bomben und im Krieg sterben. Es ist eher das Ergebnis dessen, worüber wir hier zu Lande viel „blabla“ betreiben und sich diejenigen wenigstens aufrappeln und sagen:

„Ich fahre jetzt mit dem Auto an Grenzgebiete und versuche das Leid mindestens einer Person als eigenes zu sehen und mich diesem zu widmen“

… als wäre es auch das eigene Leid.

Die Diskussion um die Veröffentlichung des Leichenbildes

Und dann noch die Diskussion darum, ob man nun die Würde der Leiche verletzt, weil man Bilder von ihr zeigt. Nach so viel Verletzung der Würde durch den würdelosen Umgang mit diesen Menschen, verstehe ich diese Argumentation absolut nicht. Es kommt natürlich immer darauf an, wie man Bilder zeigt und man sollte sich selbstverständlich davon fern halten, diese auf eine würdelose Art und Weise zu zeigen. Und ja – auch islamisch gesehen gibt es Hinweise darauf, dass der Prophet Muhammad gebeten haben soll, Tote zu bedecken… Das wird mit der Kinderleiche auch geschehen sein… dass man sie bedeckt hat… Aber ich würde das unterzeichnen, was Hüdaverdi Güngör auf seinem Facebook-Profil gepostet hat.

Zitat von Klaus Kufner:

„Ich teile diese Fotos ganz bewusst.
Es gibt immer wieder scharfe Kritik, dass man Fotos ertrunkener Kinder, an den Strand angespülte Babies nicht fotografieren, auch nicht veröffentlichen sollte, schon gar nicht auf Facebook.
Wenn es nach diesen Menschen ginge, dann dürfte man überhaupt kein Elend fotografieren, ganz nach dem Motto –„aus den Augen aus dem Sinn“.
Warum es wichtig ist diese Bilder einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu zeigen
Diese an den Strand gespülten toten Flüchtlingskinder sind ein Mahnmal, sie sollen uns in der Tat „er-mahnen“, und verdeutlichen, was wir im übersatten Europa den vor Krieg, Tod und Hunger flüchtenden Menschen zumuten und antun. Diese Kinder sind mit den Fotos zu einem Denkmal geworden – soll heißen, „denkt mal nach“ – und sind damit auf ewig nicht vergessen.
Gäbe es diese inhumane, der Flüchtlingskonvention völlig widersprechende Politik nicht, würde man die Flüchtlinge menschenwürdig flüchten lassen, dann würde es solche Fotos erst gar nicht geben.
Die Empörung von so manchen Kritikern – „Ach wie schamlos und respektlos, damit nimmt man den toten Kindern die letzte Würde“ – ist der blanke Zynismus. Im Gegenteil, mit diesen Fotos gibt man diesen Kindern ihre Würde wieder zurück, ihrem Tod einen posthumen Sinn, diese Kinder machen im wahrsten Sinn des Wortes betroffen – weil sie treffen. Diese Betroffenheit die diese Kinder auslösen, ist wichtig und richtig.
Und den Krimi,gern sei gesagt: wenn Ihr diese Fotos nicht haben wollt, dann beteiligt Euch gefälligst daran, dass es zu diesen Fotos erst gar nicht kommt. Aber moschert nicht wehleidig und blasphemisch herum.“

Möge das Kind in Frieden ruhen… und wir Menschen ein bisschen mehr an Menschlichkeit gewinnen…