Rezensiert von Nathanael Riemer

Das Publikum wird sich möglicherweise fragen, warum ein Buch über das Shanghaier jüdische Exil zwischen 1933 bis 1950 lesenswert erscheinen mag – schließlich gibt es derzeit weitaus bedeutendere, ja geradezu überlebenswichtige Themen, die die gesamte Aufmerksamkeit fordern. In einer Zeit, in der an den Rändern des europäischen Kontinents systematische Inhaftierungen, Enteignungen und Entfernungen aus Berufsfeldern eine beachtenswerte Popularität gewonnen haben, liegt die gesellschaftliche Relevanz des Themas auf der Hand.

Hintergrund für das Shanghaier Exil war die sukzessive Ausgrenzung von „Gegnern“ nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten bzw. den neuen Reichskanzler Adolf Hitler (30.1.1933). Innerhalb kürzester Zeit erfolgte die Umwandlung der Weimarer Republik von einer parlamentarischen Demokratie in eine auf eine Person ausgerichtete, zentralistisch geführte Diktatur. Mittels zahlreicher Gesetze wurde nicht nur die „Gleichschaltung“ von Politik, Gesellschaft und Medien betrieben, sondern alle jene bekämpft, die man als „Volksschädlinge“ verdächtigte. Nach der Boykottierung jüdischer Geschäfte und Unternehmen (1.3.1933) entfernte man vor allem in der Justiz politisch Missliebige und jüdische Beamte aus dem Dienst (7.3.1933). Von einer Verordnung über die Zulassung von Ärzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen (22.3.1933) waren sowohl politisch aktive Mediziner als auch Ärzte mit jüdischem Hintergrund betroffen. Die sukzessive Enteignung jüdischer Deutscher und Aneignung durch nichtjüdische Nachbarn betraf nicht nur Betriebe und Geschäfte, sondern erstreckte sich bis 1938 auf große Teile des Privatvermögens, später auf die Arbeitsleistung und das Leben selbst.

Bis Oktober 1939 die einzige Stadt, die ohne Visum und Einreisegenehmigung betreten werden konnte

Zu Beginn seiner an der Universität Frankfurt am Main eingereichten Dissertation „Erinnerungskulturen des jüdischen Exils in Shanghai (1933-1950). Plurimedialität und Transkulturalität“ skizziert Wei Zhuang den historischen Hintergrund des jüdischen Exils in Shanghai. Die Weltöffentlichkeit unterließ ein aktives Eingreifen in die oben geschilderten Ereignisse und bekämpfte nicht die Ursachen für die nachfolgenden Katastrophen. Stattdessen begannen zahlreiche Länder die Aufnahmen zu quotieren und vor den Fliehenden die Tore zu schließen. Eine Ausnahme bildete Shanghai: Bis zum Oktober 1939 war die Stadt der einzige freie Hafen, der ohne Visum und Einreisegenehmigung betreten werden konnte. Zwischen November 1939 bis Ende des Jahres 1941 konnten nur diejenigen europäischen Juden einreisen, die über eine entsprechende Genehmigung des „Shanghai Municipal Council“ verfügten.

„Die große Fluchtwelle nach Shanghai“, fasst der Autor zusammen, „setzte erst nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs im März 1938 und den Pogromen im November 1938 ein. Während der Novemberpogrome waren bereits Tausende der späteren Shanghaier Exilanten in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald deportiert worden. Jüdische Männer kamen nur dann aus den KZs frei, wenn ihre Familienangehörigen gemäß der ‚Vertreibungspolitik‘ des ‚Dritten Reiches‘ der Gestapo Papiere, wie etwa Einreisegenehmigungen anderer Länder und Fahrkarten, vorlegen konnten. […] In dieser Notlage fungierte die letzte frei zugängliche Stadt Shanghai als ‚der letzte Unterschlupf‘ für alle Juden, die wegen der Einwandererquoten anderer Länder Deutschland und Österreich nicht verlassen konnten. Ohne die ‚Arche Noah‘ Shanghai wären die zur Flucht an diesen ‚unbeliebten Ort‘ gezwungenen jüdischen ‚Shanghailänder‘ […] mit großer Wahrscheinlichkeit dem Holocaust zum Opfer gefallen. Die Rück- und Weiterwanderung vieler Shanghaier Flüchtlinge nach Europa bzw. in andere westliche Länder zwischen 1945 bis 1950 belegt, dass Shanghai als ‚Ort am Rande‘ für die Meisten lediglich als unerwünschter ‚Wartesaal‘ und ‚Transitort‘ fungierte.“ (S. 15).

In Wei Zhuangs Werk steht nicht die Folge historischer Ereignisse im Zentrum, vielmehr „die Ausformung spezifischer Erinnerungskultur des jüdischen Exils in Shanghai in medialen Repräsentationen.“ (S. 2). In Anlehnung an den vom Gießener Sonderforschungsbereich geprägten Begriff der „Erinnerungskultur“ definiert der Autor „allgemein das Ensemble von Formen und Inhalten von Erinnerungsprozessen, die durch eine nationale, ethische, sprachliche bzw. religiöse Gemeinschaft etabliert werden und die um einen bestimmten Gegenstand kreisen. Erinnerungskulturen werden medien- und institutionenspezifisch artikuliert.“ (S. 2) Vereinfacht formuliert, untersucht Wei Zhuang die facettenreichen, kulturellen Auseinandersetzungen mit dem Shanghaier Exil in Literatur, Film und musealer Historiografie.

„Doppelopfer des Nationalsozialismus und des japanischen Faschismus“

Im ersten Hauptteil seines Buches analysiert der Autor die rekonstruierte Darstellung des Shanghaier Ghettos als „Erinnerungsraum“. Zu Beginn skizziert er die wichtigsten historischen Fakten (S. 53-54): Die japanische Militärbehörde errichtete während des Zeitraums zwischen Mai 1943 und August 1945 im Shanghaier Stadtteil Hongkew ein sogenanntes ‚designiertes Gebiet‘ mit 40 Häuserblöcken. Die jüdischen Flüchtlinge, die seit 1938 bereits in anderen Stadtteilen eine Bleibe gefunden hatten, wurden dazu gezwungen, in das mit 100.000 der Unterschicht angehörenden Chinesen und 8000 jüdischen Exilanten überbevölkerte Hongkew umzuziehen. Die neuen Bewohner nutzten ihr berufliches Fachwissen und bauten den in den japanischen Angriffen mehrfach stark beschädigten Stadtteil binnen kurzer Zeit zu einem Viertel mit Geschäften, Cafés und Kultureinrichtungen auf. Obschon das „Ghetto“ nicht hermetisch abgeriegelt war, durften die jüdischen Internierten den Distrikt nur mit Passierschein verlassen. Wie Wei Zhuang zeigt, stellen Literaturen, Filme und Historiografie das Shanghaier Ghetto als einen abgeschotteten und leidvollen Erfahrungs- und Aktionsraum dar. Während seine Bewohner als „Doppelopfer des Nationalsozialismus und des japanischen Faschismus“ (S. 49) herausgehoben werden, wird der Erinnerungsraum mit einer Atmosphäre der bitteren Armut, dem Kampf um das nackte Überleben und der permanenten Gefährdung der jüdischen Gemeinde aufgeladen.

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Im zweiten Hauptteil analysiert Wei Zhuang drei exemplarische „Erinnerungsfiguren“. Der im litauischen Kovno stationierte japanische Vize-Konsul Sugihara Chinue stellte entgegen den Anordnungen seiner Regierung im Juli und August 1940 tausende Transitvisa an jüdische Flüchtlinge aus. Damit eröffnete er ihnen unter Einsatz seines Lebens den Fluchtweg mittels der transsibirischen Eisenbahn nach Shanghai. Sugihara wird „weltweit und besonders in Israel, Japan, den USA und Litauen als Inbegriff der Humanität, Gerechtigkeit und Zivilcourage in medialen Repräsentationen und im institutionellen Gedenken gefeiert.“ (S. 118) Im Gegensatz dazu wird im nächsten Unterkapitel der Fokus auf den japanischen Offizier Ghoya Kanoh gerichtet, der für die Erteilung der Passierscheine zuständig war, die die jüdischen Exilanten benötigten, um außerhalb des Ghettos ihrer lebenserhaltenden Arbeit nachgehen zu können. Da er persönlich über die Aushändigung der Passierscheine befand, avancierte der „König der Juden“ – wie er sich selbst bezeichnete – zur symbolhaften Personifizierung von Willkür, Gewalttätigkeit und Brutalität der japanischen Besatzungsmacht (S. 136). Die dritte Erinnerungsfigur rückt die unzähligen chinesischen Rischkafahrer, das mobile Kennzeichen Shanghais, in den Mittelpunkt: „Während diese Erinnerungsfigur in den westlichen Gedächtnismedien zumeist als ein omnipräsentes orientalistisches Symbol der Primitivität und Unmenschlichkeit erscheint, wird sie in den chinesischen Erinnerungskulturen vorwiegend als Symbol des harmonischen Zusammenlebens der chinesischen und jüdischen Bevölkerung inszeniert.“ (S. 51)

Wesentliche Denkanstöße für den Umgang mit aktuellen, globalen Ereignissen

Im dritten Hauptteil setzt sich Wei Zhuang mit drei, ebenfalls exemplarisch ausgewählten „Erinnerungsnarrativen“ auseinander: Nämlich 1.) den Liebesnarrativen, die die Beziehungen zwischen jüdischen Exilanten und chinesischen Einwohnern thematisieren und sowohl den reziproken Austausch zwischen beiden Kulturen als auch Konflikten symbolisieren, 2.) den Narrativen von Frauen und 3.) den Kinder- und Jugendnarrativen. Hier sind vor allem die Ergebnisse des zweiten Unterpunktes hervorzuheben, der bedeutende Unterschiede in der Wahrnehmung der Dringlichkeit der Flucht durch Frauen und Männer betont: Es waren zumeist die Ehefrauen, die unter enormen Zeitdruck die Flucht nach Shanghai entschieden und dabei noch ihre Männer zur Auswanderung in den unbekannten und unsicheren Ort überreden mussten. „Denn die Männer, so die [US-]amerikanische Historikerin Marion Kaplan, definierten ihre Identitäten meist über ihr Berufsleben und hatten Angst vor Berufs- und damit auch Status- sowie Identitätsverlust im Exil.“ (S. 203) Die Geschichte gab den Befürchtungen der Frauen recht.

Wei Zhuang kommt der Verdienst zu, ein fachlich und sprachlich herausragendes Buch über die Darstellung des jüdischen Exils in Shanghai in verschiedenen Gattungen der internationalen Literaturen, historiografischen Darstellungen, Filmen und anderen visuellen Formaten vorgelegt zu haben. Insbesondere die Einleitung enthält eine kenntnisreiche und kommentierte Übersicht über die überaus zahlreichen Rezeptionen des Themas. Die Analysen sind keineswegs einseitig: Der Autor weist mehrfach daraufhin, dass „die Rolle der Stadt Shanghai als letzter Zufluchtsort im heutigen chinesischen kollektiven Gedächtnis verstärkt als ‚außenpolitische Imagewerbung‘ […] genutzt wird.“ (S. 243) Das Literaturverzeichnis umfasst multilinguale Publikationen und kann als Einstieg für umfassendere Forschungen genutzt werden. Um die eingangs aufgeworfenen Fragen aufzugreifen, ist anzumerken, dass das vorliegende Buch wesentliche Denkanstöße für den Umgang mit aktuellen, globalen Ereignissen zu geben vermag.

Plurimedialität und Transkulturalität. Berlin: LIT Verlag 2015; 286 S., 29.90 EUR.


Prof. Dr. Nathanael Riemer ist Geschäftsführender Direktor des Institutes für Jüdische Studien und Religionswissenschaft an der Universität Potsdam.