Die neue Sprache der Politik: „Gewalt ist keine Lösung”

In dieser Kolumne geht es nicht darum, Partei zu ergreifen oder über die fortlaufenden Unruhen in Istanbul und den Städten in der Türkei zu debattieren.

Ich überlasse es anderen Kollegen in den Medien, die Geschehnisse zu analysieren und zu diskutieren. Stattdessen würde ich gerne einige Gespräche zwischen meinem Sohn und mir über die aktuelle Situation mit meinen Lesern teilen. Selbst inmitten solch eines gesellschaftlichen Umbruch gibt es Gelegenheiten zu kommunizieren, zu diskutieren und voneinander zu lernen.

Wie viele andere im ganzen Land und überall auf der Welt, schauten mein Sohn und ich die Reportagen, die wir über die Ereignisse der letzten Woche finden konnten. Traurig über die plötzlichen Proteste und die folgende Gewalt in der Stadt, die wir so lieben, verfolgten wir die Berichterstattung und sorgten uns über die an den Protesten beteiligten Menschen.

Mein Sohn fragte mich, was es damit auf sich hatte: Warum sollte jemand Bäume abreißen und wie konnten Wasserkanonen und Tränengas Teil eines zu anfangs friedlichen Protests werden? Dies waren berechtigte Fragen, für die ich leider keine wirkliche Antwort hatte. Ich denke, dass Eltern niemals die richtigen Antworten auf solche Fragen haben.

Ich erklärte ihm die Situation mit dem begrenzten Wissen, das ich über die aktuelle Situation und die Hintergründe besaß, so gut ich konnte. Dabei versuchte ich eine möglichst neutrale Sichtweise beizubehalten. Aber ich wusste, dass meine Antworten nicht dem vollen Umfang des Themas entsprachen. Ich erklärte ihm, dass der Park das vereinende Symbol für alle bildete. Aber wie in vielen Situationen hatte jede Person ganz individuelle Gründe an den Protesten teilzunehmen.

Als mein Sohn mich fragte, wie die Polizei sich fühlen muss, während sie die Demonstranten schlug und mit Tränengas auf sie schoss, konnte ich nur meinen Kopf schütteln und sagen, dass ich keine Vorstellung davon hätte, von dem, was sie dachten oder was sie in einem solchen Moment fühlten.

Für meinen Sohn stellen die Polizisten diejenigen dar, die den Menschen helfen sollten, wenn sie in Problemen stecken. Die Polizisten sind für ihn diejenigen, die bereit sein sollten, jedem zu Hilfe zu eilen, der sie braucht. Was er im Fernsehen sah, veränderte seine Sichtweise auf die Polizisten in allen Ländern, was sehr schade ist.

Eine Wolke aus Tränengas

Am letzten Samstag Abend machten wir einen Spaziergang entlang des Ufers am Bosporus in Üksküdar. Wir dachten es wäre eine wundervolle Nacht für einen Spaziergang nach dem Abendessen. Als unsere Kehlen und Augen aber vom Tränengas zu brennen begannen, das auf der anderen Seite des Wassers nun durch den Wind in unsere Richtung herübergeweht wurde, holten wir unsere Ferngläser heraus und schauten über das Wasser des Bosporus hinüber auf die andere Seite.

Von Beşiktaş bis hinüber nach Kabataş war eine Wolke aus Tränengas zu sehen. Als mein Sohn kurz innehielt, fragte er mich erneut, warum die Polizei so gewaltsam auf die Demonstranten reagieren würde. Wieder hatte ich keine Antworten für ihn.

Als wir in Richtung des Üsküdar Kais liefen, um ein Taxi zu nehmen, das uns nach Hause bringen sollte, hörten wir plötzlich großen Lärm und sahen eine schnell wachsende Menschenmenge. Neugierig wollte mein Sohn weiter nach vorne, um eine bessere Sicht zu ergattern. Ich hielt ihn zurück, unsicher über das, was geschehen würde. Ich wollte sicher gehen, dass wir im Falle von Unruhen fliehen konnten.

Obwohl viele Menschen wild durcheinander riefen, konnten wir zwei junge Männer sehen, die einen an der Ausfahrt der großen Fähren geparkten Lastwagen einer politischen Partei attackierten. Wütend rissen sie die Tür des Lastwagens auf und schafften es ihn auf die Seite zu kippen. Dann zündeten sie das Fahrzeug an. Besorgt, dass das Feuer sich ausbreitet oder eine Explosion verursachen würde, zog ich meinen Sohn an die Seite und wir standen in sicherem Abstand von der Menge entfernt.

Feuerwehrautos erreichten schnell den Ort und das Feuer wurde umgehend gelöscht, aber der Lastwagen war zu diesem Zeitpunkt bereits völlig ausgebrannt. Wir wendeten uns ab und stiegen schweigend in das Linientaxi ein. Als wir ausstiegen und nach Hause liefen, fragte mich mein Sohn, ob es in Ordnung gewesen wäre, dass die jungen Männer, den Lastwagen zerschmetterten und ihn in Brand setzten.

Ich sagte ihm, dass es meiner Meinung nach falsch ist, so etwas zu tun. Das Eigentum anderer Menschen zu zerstören, Vandalismus oder Gewalt seien keine Lösung, um Dinge zu ändern, erklärte ich ihm und dass ich gewaltlose Proteste bevorzugen würde. Dann erinnerte ich ihn an den Film „Ghandi”, den er sich neulich zum zweiten Mal angeschaut hatte. Ich fragte ihn, was er getan hätte, wenn er mit den gleichen Situationen wie im Film konfrontiert werden würde.

Er antwortete, dass er sich gegen die Briten gewährt hätte, dass er sie so schlagen würde, wie sie die friedlichen Demonstranten angegriffen hätten. Ich wies ihn darauf hin, dass so zwangsläufig ein Kreislauf der Gewalt entstehen würde und dass man auf Gewalt nicht mit noch mehr Gewalt antworten könne. Sobald man den Aggressor zurück angreift, fühlt er sich dazu berechtigt mit seinen Angriffen fortzufahren und so wird dieser unaufhaltsame Zyklus der Gewalt fortgesetzt. Beide Seiten sind dann Schuld daran, dass die Gewalt sich ausweitet.

Die Gewaltlosigkeit ist der effektivere Weg

Wir hatten zuvor über die Bürgerrechtsbewegung in Amerika und die landesweiten Proteste gegen die amerikanische Beteiligung am Vietnam Krieg gesprochen. Ich fragte ihn, ob der sich daran erinnern würde, wie die Demonstranten zu der Zeit gegen die Bedrohung und die Gewalt reagiert hätten. Er nickte, während er darüber nachdachte und sagte, dass sie sich nicht gewehrt hätten. Aber er fragte stattdessen, ob diejenigen, die geschlagen und ins Gefängnis gebracht wurden, sich nicht wehren möchten? Doch, sagte ich, und einige taten das.

Es war sehr frustrierend zu sehen, wie friedliche Proteste von der Polizei beendet wurden. Alle waren verärgert über die getroffenen Maßnahmen. Doch die meisten Demonstranten spürten, dass Gewaltlosigkeit ein effektiverer Weg war, um Veränderungen zu bewirken. Es benötigt Mut, um gewaltlos zu handeln. Viele Menschen fürchteten sich, viele wurden schwer verletzt und einige wurden umgebracht. Doch ihre ablehnende Einstellung gegenüber Gewalt hat vielleicht die Gesellschaft verändert.

Als wir nach Hause ankamen, sagte ich ihm: Du kannst dich einsetzen für das, was richtig ist, ohne Gewalt anzuwenden. Es ist kein leichter Weg, vorallem wenn du Tränengas in deine Augen bekommst, Wasserkanonen auf dich gerichtet werden, jemand dich mit Stöcken schlägt oder Polizeihunde dich verfolgen und dich angreifen, sobald du rennst.

Aber die Geschichte in den Vereinigten Staaten und in vielen anderen Ländern hat sich durch Gewaltlosigkeit geändert.