„Ich kann mir gut vorstellen, dass die Redaktion von ELTERN gerade mit Hassmails bombardiert wird. Eine positive, dankende E-Mail tut immer gut. Ich habe mich bedankt. redaktion@eltern.de.“

So lautete einer der Aufrufe auf Facebook, die sich auf das Titelbild der Zeitschrift bezieht, das besonders am Wochenende in den sozialen Medien umging.

Darauf zu sehen sind die junge Kübra und ihr Kind. Das offensichtlich besondere: Kübra trägt ein Kopftuch – und ist in einem gewöhnlichen Zusammenhang dargestellt. Es geht um das Muttersein – und nicht etwa um „den Islam“ oder das Kopftuch. „Warum jede Mutter die beste für ihr Kind ist“, lautet der dazugehörige Titel.

Wie es zu dem Cover kam und ob die Sorge der User, die dazu aufriefen, dankende E-Mails an die Redaktion zu schicken, berechtigt war, darüber sprachen wir mit der Chefredakteurin des seit 1966 existierenden Magazins, das nach eigenen Angaben online und über Print etwa zwei Millionen Leser im Monat erreicht.

Frau Lewicki, Sie feiern in diesem Jahr 50-jähriges Jubiläum, herzlichen Glückwunsch dazu. Die Februar-Ausgabe wartet des besonderen Anlasses wegen mit fünf verschiedenen Titelbildern auf. Eines der Motive kursiert derzeit aber besonders in den sozialen Medien. Wie kamen Sie auf die Idee, Kübra und ihre Tochter zu fotografieren?

Die Initiative ging gar nicht von uns aus.

Sondern?

Es war Kübra selbst, die sich an unsere Bildredaktion gewandt und gefragt hat, ob wir uns trauen würden, sie für unser Cover zu fotografieren. Da wir ohnehin die Idee hatten, zum Jubiläum die ganze Breite von Muttersein in Deutschland zu zeigen und ELTERN mit fünf unterschiedlichen Covern erscheinen zu lassen, haben wir sie zum Shooting eingeladen. Und wir finden den Titel mit Kübra und ihrer Tochter wunderschön.

Wie sind die Reaktionen bisher?

Sehr positiv. Sowohl auf unserer Facebook-Seite als auch auf Instagram oder in den Leserbriefen – die meisten Leserinnen finden es gut, dass wir viele verschiedene Mütter zeigen und darunter auch eine Muslimin. Explizit beglückwünscht werden wir natürlich aus der türkischstämmigen Community.

Viele User rufen auf Facebook dazu auf, sich mit Ihrer Zeitschrift zu solidarisieren, da sie davon ausgehen, dass viele Hassmails bei Ihnen eingehen werden. Ist ihre Sorge also unberechtigt?

Auf Twitter hatten wir auch Hasskommentare, aber damit können wir leben. ELTERN steht seit 50 Jahren für Toleranz und Offenheit, von ein paar Dummköpfen lassen wir uns nicht beirren.

Selbst türkische Tageszeitungen berichten über das Cover. Sie haben damit offensichtlich einen Nerv getroffen.

Wir wollten natürlich, gerade jetzt, auch eine Diskussion in Gang bringen darüber, worauf es wirklich ankommt beim Muttersein. Die Zeile „Warum jede Mutter die beste für ihr Kind ist“ soll Müttern Mut machen, ihren ganz eigenen Weg zu gehen und sich über Vorurteile hinwegzusetzen. Die gibt es in Deutschland leider noch immer, nicht nur gegenüber muslimischen Müttern, die ihre Haare verhüllen, sondern auch gegen sehr jungen Müttern oder solche, die bereits über 40 sind. All diese Frauen sind auf den fünf Titeln abgebildet, die wir bei diesem Heft haben. Aber es war uns klar, dass über das Cover mit Kübra am meisten gesprochen werden wird. Wir hatten uns ehrlicherweise auf viel mehr negative Kommentare eingestellt als bislang gekommen sind. Das ist doch schon mal ein Anfang!

Was muss getan werden, damit die Debatte um Muslime in Deutschland sachlicher geführt wird?

Es würde sicher helfen, wenn Muslime offensiv auf die Mehrheitsgesellschaft zugehen würden und den Austausch suchen. So wie beim Tag der offenen Moschee. Viele „Urteile“ über Muslime fußen auf Vorurteilen, Aufklärung kann da sicher einiges bewirken. Und persönlicher Kontakt.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Wenn ich, zum Beispiel über die Kita meines Kindes, türkisch- oder arabischstämmige Familien kennen lerne, sehe ich den einzelnen Menschen, nicht mehr die Gruppe. Aber das wird dauern. Ich fände es wichtig, dass alle – die verantwortlichen Politiker, die Muslime in Deutschland, aber auch die übrigen Deutschen – zwei Dinge akzeptieren: die in diesem Land geltenden Gesetze. Und die Religionsfreiheit. Wenn alle alles gleichermaßen respektieren würden, dann würden zumindest einige Probleme verschwinden.

Es kommen in diesen Monaten viele Flüchtlinge nach Deutschland. Wie hat die bisherige Migration in Deutschland die Familie verändert? Wie sehen Sie die Zukunft der Familie?

Familie in Deutschland ist inzwischen unglaublich vielfältig, von zwei Vätern, die zusammen ein Adoptivkind aufziehen, bis zur Großfamilie, die als Asylbewerber aus Syrien kommt, gibt es so viele verschiedene Formen. Leider bleibt bislang jeder in seinem Umfeld, meistens zumindest.  Ich würde mir wünschen, dass wir alle voneinander lernen. Manchen deutschen Eltern würde es gut tun, ein bisschen lockerer mit dem Familienthema umzugehen als sie es bislang tun, und da bringen Einwanderer aus anderen Kulturen oft mehr Gelassenheit mit. Außerdem ist die Kinderfreundlichkeit doch in etlichen Ländern ausgeprägter als in Deutschland, auch da können wir lernen. Umgekehrt würde ich mir wünschen, dass auch in Familien mit Migrationshintergrund Mädchen die gleichen Chancen bekommen wie Jungen. Und Jungen verstehen, dass hier in Deutschland nicht die „Ehre“ das wichtigste ist, sondern sich gut und konstruktiv in eine Gemeinschaft einzufügen.


Portrait/Titel: Nele Martensen