Feridun Zaimoglu und Jochen Thies bei der Preisverleihung vom Deutschen Dialogpreis 2013 - Kemal Kurt

„Mittlerweile bin ich der deutscheste aller Autoren“, bemerkt Feridun Zaimoğlu, der soeben mit dem Deutschen Dialogpreis in Berlin in der Sparte Literatur ausgezeichnet wurde. Zaimoğlu mag die Provokation, die Übertreibung. Aber wenn man sich vor Augen führt, welches literarische Oeuvre der knapp 49 Jahre alte deutsch-türkische Schriftsteller binnen zwei Jahrzehnten geschaffen hat, scheint das Zitat keineswegs übertrieben. Denn von seinem ersten Roman „Kanak Sprak“ an, mit dem er schlagartig bekannt wurde, bildet Zaimoğlu deutsche Realität ab. Zu Recht wiederholte daher der Moderator des festlichen Abends in einer Bank am Pariser Platz, an dem Preise in insgesamt fünf Kategorien vergeben wurden, den Satz, der wie ein Motto über der Veranstaltung stand: Deutschland verändert sich.

Nicht nur die Zusammensetzung der Bevölkerung erfährt eine Veränderung, auch die Sprache. Wer in Berlin genau hinhört, vernimmt, dass der Sprachenmischmasch der Deutsch-Türken, die nicht bereits als Kleinkind die deutsche Sprache erlernten, die keine gute Schulausbildung genossen haben, zunehmend auf Jugendliche der Mehrheitsgesellschaft übergreift. Man mag das bedauern, aber das Neue, das Ungestüme, eine Art von unbekannter Wildheit, faszinieren anscheinend, sind „cool.“

Das ist die eine Beobachtung, eine andere ist, dass auffällig viele Deutsch-Türken der zweiten und dritten Generation ein bemerkenswert gutes Deutsch sprechen, auffällig frei von Fremdwörtern und reich in der Nutzung der Sprache. Ich bin geneigt, anzunehmen, dass sich darin nicht nur ein Bekenntnis zur neuen Heimat ausdrückt, sondern auch Zuneigung. Hier passiert etwas, was die deutsche Mehrheitsgesellschaft noch nicht registriert hat.

Mit der Sprache umgehen wie mit einer Violine

Zaimoğlu selbst ist bei einer Begegnung alles andere als ein Wilder, als ein Kanake, wie ein Schimpfwort für Ausländer in Anspielung auf einen Stamm auf einer Südseeinsel lautet. Er zeigt sich als charmanter Gesprächspartner und gibt schon nach wenigen Minuten eine einzige große Liebeserklärung an seine neue Heimat ab. Zaimoğlu lebt in Kiel an der Ostsee, und er liebt das Meer, wie er sagt. Die wechselnden Schattierungen von Himmel und Wasser faszinieren ihn ebenso wie die Jahreszeiten. Rasch erweist er sich als großer Liebhaber der deutschen Sprache. Er beobachtet nicht nur, welches Deutsch an den Rändern der Städte gesprochen wird, sondern er benutzt die Sprache, die er als Kind erlernt hat, mit Wärme und Virtuosität, wie ein Violinenspieler, der seinem Instrument sehnsüchtige Töne entlockt.

Zaimoğlu hat mit seiner Familie bewegte Zeiten hinter sich: ein Flüchtlingsschicksal, wie es viele mit ihm teilen, die zwischen 1944 und 1964 in Europa, im Nahen und Mittleren Osten und in der Sowjetunion geboren wurden. Wir begreifen in Sekundenschnelle das Generationsschicksal, das uns verbindet und unterhalten uns über die Auswirkungen, über die Traumata, die anscheinend länger nachwirken, als man gemeinhin glaubt. Und wir sprechen über die Zerrissenheit, die in Menschen zum Vorschein kommt, wenn sie gewaltsam oder aus Not ihre Heimat aufgeben müssen. Man komme gewissermaßen mit dem Körper irgendwo an, sagt Zaimoğlu leise, aber die Seele bleibe zurück.

Der sensible Charakter hinter der exzentrischen Fassade

Der Abend schreitet voran, Zaimoğlu hat Fernsehinterviews zu geben, wird von vielen Menschen erkannt, die ihm die Hände schütteln wollen. Und immer wieder wird das Gespräch durch Rauchpausen unterbrochen, welche sich der Schriftsteller mit der Bitte um Verständnis nehmen möchte.

Dann erscheint er wieder, schon von weitem an der Karl-Lagerfeld-Silhouette zu erkennen, mit dem Signet einer silbernen Uhrenkette ausgestattet und mit extravagantem Schmuck an Handgelenken und Fingern. Anders als der in Paris lebende Deutsche trägt Zaimoğlu jedoch einen pechschwarzen Dreitagebart und pflegt das Image eines Exzentrikers.

In Wahrheit verbirgt sich hinter dieser Fassade ein sensibler, verletzlicher Charakter, der aus der Odyssee seiner Familie, aus dem sehr wechselhaften Itinerar von 50 Jahren in Deutschland, aus seinen Reisen in andere Länder jene Prägung und jene Herzensbildung bezogen hatte, die ihn zu einem authentischen Interpreten des neuen Deutschland machen.