Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trifft sich am 15.07.2015 in der Paul Friedrich Scheel-Schule in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) mit Schülern. Im Rahmen des Bürgerdialogs der Bundesregierung «Gut leben in Deutschland» wollte sie mit rund 30 Jugendlichen über deren Vorstellungen von der künftigen Lebensqualität diskutieren.

Im Interview mit dem Youtube-Star „LeFloid“ zeigte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Bereitschaft, jüngere Bürger in Deutschland erreichen zu wollen. Auch am gestrigen Mittwoch sprach sie beim NDR mit Schülern der Rostocker Paul-Friedrich-Scheel-Schule. Unter dem Motto „Gut leben in Deutschland“ wurden unter anderem auch die 100.000 Asylanträge angesprochen, die laut Merkel innerhalb eines Jahres bearbeitet werden sollen. Als sich allerdings ein junges Flüchtlingsmädchen zu Wort meldet, fehlen der Kanzlerin die Worte.

Die junge Palästinenserin Riem, die vor vier Jahren mit ihrer Familie aus dem Libanon geflohen war, erzählt der Bundeskanzlerin von ihren Träumen. Nun soll ihre Familie jedoch abgeschoben werden. Mit Tränen in den Augen berichtet Riem von ihren Sorgen. „Ich habe ja auch Ziele, so wie jeder andere. Ich möchte studieren. Das ist wirklich ein Wunsch und ein Ziel, das ich gerne schaffen möchte. Es ist wirklich sehr unangenehm zuzusehen, wie andere das Leben genießen können. Und man es selber nicht mitgenießen kann…“

Merkel wirkt etwas angespannt und unsicher. „Ich verstehe das“, ist in dem Moment der einzige tröstende Satz, den sie dem Mädchen entgegenbringt. Danach folgt der harte Teil. „Dennoch muss ich jetzt auch… das ist manchmal auch hart Politik… So, wenn du jetzt vor mir stehst und bist ein unglaublich sympathischer Mensch, aber du weißt auch in den palästinensischen Flüchtlingslagern gibt es noch Tausende und Tausende und wenn wir jetzt sagen, ihr könnt alle kommen [bei diesem Satz wendet sich Merkel von dem Mädchen ab und richtet ihre Worte an die anderen Schüler, so als wolle sie das Einverständnis dieser hören], und ihr könnt auch aus Afrika kommen und ihr könnt alle kommen, [Merkel wendet sich wieder dem Mädchen zu, das traurig, aber verständnisvoll nickt]… das können wir auch nicht schaffen. Und da sind wir jetzt in diesem Zwiespalt und die einzige Antwort, die wir sagen ist, bloß nicht, dass es solange dauert, bis die Sachen entschieden sind. Aber es werden manche auch zurückgehen müssen.“

Einmal von der Bundeskanzlerin „gestreichelt“ werden

Mit dieser kühlen Antwort fährt Merkel mit ihrer Rede fort, doch verstummt nach einigen Sekunden. „Och komm…“, bringt Merkel heraus. Die Kamera dreht sich zu dem jungen Mädchen, das nach den Worten Merkels in Tränen ausgebrochen ist. „Du hast das doch prima gemacht“, sagt sie zu dem Mädchen. Der Moderator sieht das anders. „Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums ‚Primamachen’ geht‚ sondern, dass es natürlich eine sehr belastende Situation ist…“ „Das weiß ich, dass es eine belastende Situation ist“, antwortet Merkel störrisch zurück, „und deshalb möchte ich sie trotzdem ein Mal streicheln, weil wir euch ja nicht in solche Situationen bringen wollen und weil du es ja auch schwer hast und aber ganz toll dargestellt hast für viele, viele andere, in welche Situation man kommen kann, ja?“

Die FAZ schreibt, dass der NDR-Schnitt „nur die halbe Wahrheit“ zeige. Das gesamte Video, das auf der Seite der Bundesregierung zu sehen ist, zeige, dass die Kanzlerin vor der besagten Szene „mehrere Minuten“ mit dem jungen Mädchen spreche. Allerdings stellt Merkel in diesen Minuten nur formelle Fragen zum aktuellen Asylverfahren der Familie Riems, die ein Mädchen in diesem Alter nur schwer beantworten kann.

Wir und auch die Kanzlerin bekommen tagtäglich mit, wie viele Flüchtlinge auf der Flucht sind und wie schlecht es ihnen geht. Selten werden wir mit Einzelschicksalen konfrontiert. Oftmals vergessen wir, dass hinter jedem Flüchtling keine Statistik, sondern Träume, Ängste und Sorgen stecken. Während die Bundeskanzlerin verspricht, dass die Bundesrepublik 100.000 Asylanträge bearbeiten wird, misslingt es ihr, einem einzelnen Mädchen Empathie entgegenzubringen und sie glaubhaft zu vertrösten.

Uns ist bewusst, dass nicht alle Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden können, doch ist es fair, diejenigen, die hier eine neue Heimat gefunden haben und ein neues Leben fern von Krieg und Hungersnot führen dürfen, wieder zurückzuschicken und sie möglicherweise dem Tod zu überlassen? Ist nur dadurch ein „Gut leben in Deutschland“ möglich?