Depardieu
Depardieu

Der Werbeguru David Ogilvy sagt:

„Im Durchschnitt lesen 8 von 10 Leuten deine Überschrift. Aber nur zwei von diesen 10 lesen den Rest.“

Dieser Satz transportiert viel Erfahrung. Er hat aber Schwächen: Er sagt nicht, wie viele dieser 8, die die Überschrift lesen, sie auch verstehen.

Dabei ist das keine zu vernachlässigende Frage.

In den letzten Tagen gab es zwei Meldungen, die auf den ersten Blick amüsant, auf den zweiten dagegen tragisch erscheinen.

Der erste Fall betrifft die bekannte türkische Schauspielerin, Drehbuchautorin, Produzentin und neuerdings auch Kolumnistin Gülse Birsel. Sie schrieb vergangenen Sonntag in ihrer Kolumne etwas über Flüchtlinge. Sie kritisierte Ungarn dafür, wie es die Flüchtlinge behandelt. Der Titel der Kolumne lautete ironisch: „Was für ein wertvolles Land ihr doch habt.“

Doch viele Leser haben das auf die Türkei bezogen. Sie beschimpften sie, verlangten, sie solle doch abhauen. Schließlich reagierte sie über Twitter und bat die Leute, ihren Artikel doch wenigstens zu lesen.

Depardieu soll aus der Türkei abhauen

Kurze Zeit zuvor passierte etwas Ähnliches. Die regierungsnahe Zeitung Sabah berichtete über den berühmten französischen Schauspieler Gerard Depardieu. Die Überschrift der Zeitung lautete zusammen mit dem Bild von Depardieu: „Schock-Worte vom berühmten Schauspieler: Ich möchte dieses Land verlassen.“

Doch viele der Sabah-Leser haben Depardieu nicht erkannt. Mehr noch, sie haben ihn für einen Türken gehalten und seine Worte auf die Türkei bezogen. Entsprechend waren die Reaktionen der patriotischen Leser.

Hier eine Auswahl der Reaktionen aus den sozialen Medien:

– „Wer hält dich schon in diesem Land. Sogar ein Atemzug in diesem Land sei dir nicht vergönnt“ (Tevfik Karabulut)

– „Warum bleibst du überhaupt hier? Hier ist ein muslimisches Land“ (Avlamaz Cemal)

– „Wer diese Heimat, die so schön ist wie der HIMMEL, nicht mag, der soll in die HÖLLE fahren. Werden dich nicht vermissen“ (Ahmet Reşit).

– „Geh sofort, damit ein Scheißkerl weniger wird“ (Yaşar Ulu)

– „Wir würden uns freuen, dann ist ein Verräter weniger hier“ (Nihat Bilkay)

Es gibt auch Kommentare, die noch ausfälliger und vulgärer werden, die wir hier nicht erwähnen wollen.

Es liegt nicht nur am Leseverständnis

Hier stellt sich die Frage:

Liegt es wirklich daran, dass manche Leute nicht einmal die Überschriften verstehen, die sie lesen?

Oder liegt es vielleicht daran, dass die Leute dermaßen politisiert sind und bestimmte Bevölkerungskreise dermaßen zu Feinden stilisiert werden, dass die Leute gleich bei der geringsten Vermutung einer Kritik derart abfällig und intolerant reagieren?

Eigentlich kein Wunder, wenn das politische und gesellschaftliche Klima eines Landes derart vergiftet ist.