Die Hilfsorganisation Kimse Yok Mu arbeitet in 113 Ländern mit 140 Kooperationspartnern zusammen, um humanitäre und Katastrophenhilfe zu leisten. Die Arbeit des Vereins mit über 210.000 Freiwilligen wurde in über 80 Staaten, darunter auch der Türkei, mit Verdienstorden ausgezeichnet, auch wegen ihrer Transparenz. Im Zuge der Kampagnen gegen die Hizmet-Bewegung sieht sich der Verein, der er nahe steht, nun Anschuldigungen ausgesetzt, wie der, eine „terroristische Organisation“ zu sein. Der Vorsitzende des Vereins, İsmail Cingöz, weist diese Anschuldigungen in einem Interview mit der türkischen Tageszeitung Zaman vehement zurück.

Herr Cingöz, es gibt ein ernstes Problem. Aber manchmal scheint es, als ob es der Relevanz des Problems schadet, wenn man es zu ernst nimmt. Die Ermittlungen wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung gegen Ihren Verein sind ein Beispiel dafür. Haben Sie damit gerechnet, dass die AKP-Regierung so weit gehen würde?

Ja, sie haben recht. Das, was uns widerfährt, als ernsthafte Angelegenheit zu diskutieren, macht es nur noch komplizierter. Wir hatten zwar mit gewissen Repressalien gegen unsere Hilfsorganisation gerechnet, aber nicht damit, dass wir des Terrorismus beschuldigt werden. Einer Organisation, zu deren Hauptdienstleistungen der Aufbau sauberer Wasserquellen in Afrika, humanitäre Hilfe oder Lebensmittel-Spenden zählen, vorzuwerfen, sie agiere terroristisch, damit hätten wir beim besten Willen nicht gerechnet.

Sie sind in vielen verschiedenen Staaten aktiv, darunter auch in solchen, die man als Diktatur bezeichnen kann. Waren Sie dort schon einmal mit ähnlichen Anschuldigungen konfrontiert?

Wir arbeiten momentan in 113 unterschiedlichen Staaten, darunter sind auch Diktaturen. Nicht einmal dort wurde uns Terrorismus vorgeworfen. Wir haben ganz im Gegenteil sogar Unterstützung für unsere Arbeit erhalten. Sogar Staaten wie der Sudan, Somalia, Jemen, Libyen und Panama haben uns für unsere Arbeit ausgezeichnet. Meines Wissens nach gibt es weltweit keine andere Hilfsorganisation, die von 80 Staaten, inklusive des türkischen Parlamentes, offiziell ausgezeichnet wurde.

Die AKP-Regierung hat Terror-Ermittlungen gegen Sie eingeleitet und versucht gleichzeitig, Sie durch suggestive Fragen nach dem Verbleib von Spendengeldern zu diskreditieren. Wohin fließen die Spendengelder überhaupt?

65-70 Prozent unseres Hilfsbudgets fließen an bedürftige Menschen innerhalb der Türkei. Sowohl im Osten als auch im Westen des Landes leisten wir Hilfe für ca. 300.000 Familien. Wir sehen darin eine sehr wichtige Aufgabe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Wohlergehen der Türkei. Weltweit werden 113 Länder als arm und hilfsbedürftig eingestuft. Viele von diesen sind muslimische Länder, weshalb es nur natürlich ist, dass wir im Ausland schwerpunktmäßig in muslimischen Ländern arbeiten. Mehr als 90 Prozent unseres Auslandsbudgets gehen somit an Muslime und davon wiederum der größte Teil an syrische und palästinensische Flüchtlinge sowie an Somalier.

Lassen Sie mich dazu aber eines klarstellen: Wir sind kein Verein, der nur Muslimen hilft. Das würde unseren Gründungsidealen widersprechen. Wir sehen unsere Arbeit als einen humanitären und ethischen Auftrag, der uns sowohl aus Gewissens- als auch Glaubensgründen verpflichtet, allen hilfsbedürftigen Menschen zu helfen und ihnen unsere Hand auszustrecken.

Erhalten Sie finanzielle Unterstützung vom türkischen Staat?

Zwei wesentliche Merkmale unterscheiden uns von ähnlichen Hilfsorganisationen. Erstens kommt das gesamte Budget von Privatpersonen, nicht von öffentlichen Stellen, wobei sich 99 % der Unterstützer sich innerhalb der Türkei befinden. Wir sprechen hier von drei Millionen Menschen, die uns mit ihren Spenden ihr Vertrauen aussprechen.

Der zweite Unterschied ist unsere Transparenz. Die Spender können selbst nachverfolgen, wo und wie ihre Spendengelder eingesetzt werden. Zudem haben sie die Möglichkeit, als Freiwillige bei der Umsetzung der Hilfsprojekte mitzuwirken. Wir haben 210.000 offiziell registrierte Freiwillige im Feld, die uns unterstützen.

Weil die Beamten, die die Korruptionsermittlungen vom 17. und 25. Dezember eingeleitet haben, wie Sie der Hizmet-Bewegung nahestehen sollen, führt die AKP-Regierung seitdem auch einen Kampf gegen Sie. Wie wirkt sich das auf Ihre tägliche Arbeit aus?

Was den Kontakt zu den hilfsbedürftigen Familien angeht haben wir keine Probleme. Aber bei Projekten, die gemeinsam mit öffentlichen Stellen durchgeführt werden müssen, werden wir ignoriert und ausgeschlossen. Wir bekommen weder Informationen, noch Antworten auf unsere Anfragen. In neue Projekte werden wir nicht aufgenommen.

Wie reagieren Ihre Partner im In- und Ausland darauf?

Nach der der Verleumdungskampagne der Regierung haben sich AKP-nahe Partner von uns distanziert. Das hat uns nicht überrascht, schließlich ist der damalige Premierminister Erdoğan während einer Fraktionssitzung fünf Minuten lang über uns hergezogen. Anschließend wurde unter dem Vorwand der „Inspektion“ gezielt Druck auf uns ausgeübt. Trotz alledem stieg die Hilfsbereitschaft unserer Spender und zugleich das Höhe der Spendensummen. Keiner der 140 ausländischen Kooperationspartner hat sich aus der gemeinsamen Arbeit zurückgezogen. Im Gegenteil haben sie angeboten, die Zusammenarbeit noch auszubauen.

Auf internationaler Ebene wurden die Anschuldigungen der Regierung also nicht wirklich ernst genommen…

Definitiv nicht. Die Welt und auch die Türkei wissen ganz genau, was für eine wichtige Arbeit dieser Verein leistet. Sie wissen, was wir in Syrien, Somalia und Pakistan machen. Hätten wir das von uns in Somalia errichtete Krankenhaus „Recep Tayyip Erdoğan-Hospital“ genannt oder das Dorf, welches wir in Pakistan errichtet haben, nach Erdoğan oder Davutoğlu benannt, so wie die staatliche TIKA (Turkish Cooperation and Coordination Agency) es gemacht hat, wären solche Probleme gar nicht entstanden. Wir haben auf dem Gebiet der humanitären Hilfe eine so hohe Messlatte gesetzt, dass sich dadurch leider manch einer gestört fühlt.

Mehr dazu, wie İsmail Cingöz versucht, sich gegen staatliche Repressionen zu wehren sowie zur internationalen Arbeit von Kimse Yok Mu, unter anderem im Gazastreifen und dem Westjordanland, lesen Sie im zweiten Teil des Interviews.