Das mutmaßliche Folteropfer Zabit Kişi. Foto: privat

Seit dem Putschversuch sind nun mehr als drei Jahre vergangen, doch die Folgen dieses Ereignisses lassen sich noch heute spüren. Die Türkei hat sich seither nachhaltig verändert. Während vor einigen Jahren die Wirtschaft am Bosporus florierte und weltweit anerkannte Institutionen der Türkei eine glorreiche Zukunft vorhersagten, ist das Land in eine tiefe Wirtschaftskrise versunken. Auch von einem Rechtsstaat kann kaum noch die Rede sein, da führende pro-kurdische Politiker, darunter Selahattin Demirtaş von der HDP, und Zehntausende mutmaßliche oder tatsächliche Anhänger der Gülen-Bewegung, darunter Frauen und Hunderte Kinder, aus politischen Gründen hinter Gittern sind. Zudem halten die Vorwürfe von Folteropfern in türkischer Haft an. Es gibt kaum Anlass an ihrer Echtheit zu zweifeln, wie zahlreiche Belege und journalistische Recherchen heute belegen.

DTJ-Online berichtete über Entführung von Gülen-Anhängern in Kasachstan

2017 verschwanden zwei türkische Familienväter plötzlich in Kasachstan. Die Familien meldeten sich via Twitter zu Wort und klagten die Weltöffentlichkeit an. Sie baten um Hilfe und wollten wissen, wo ihre Ehemänner sind. Es handelte sich um die beiden Gülen-Anhänger Enver Kılıç und Zabit Kişi. In einem Interview mit DTJ erzählten die Ehefrauen von den letzten Informationen, die sie über ihre Ehemänner hatten. Beide waren auf der Reise aus Kasachstan zurück nach Kirgisistan. Dort lebten und arbeiteten sie als Lehrer an Einrichtungen der Gülen-Bewegung. Doch sie kamen nicht in ihrer Wahlheimat an. Sie wurden nicht in ihre Flieger gelassen und mussten warten. Danach Funkstille. Weder kasachische, noch türkische Behörden wollten Auskunft geben.

Die Männer waren wie vom Erdboden verschluckt. Über Monate ging diese Ungewissheit weiter. Die Familien wurden damit regelrecht gefoltert. Doch dann tauchte Zabit Kişi, 115 Tagen nach seiner Entführung, wieder auf. In einem Polizeirevier in Ankara, in der Abteilung Dezernat für Terrorismusbekämpfung. Er habe sich selbst gestellt, wird heute behauptet. Was ihm tatsächlich widerfahren sein soll, macht sein Brief deutlich, der einer Strafanzeige gleichkommt.

„Selbstmörder verurteile ich nicht mehr“

Das Schriftstück in türkischer Sprache wurde von Kişi in seiner eigenen Handschrift verfasst. Es liest sich schwer. Nicht nur wegen der Schrift, sondern vor allem wegen des Inhaltes. Denn wenn Kişi die Wahrheit erzählt, dann ist ihm Unmenschliches zugestoßen. Bereits im Flugzeug von Almata nach Ankara hätten die Schläge und Misshandlungen begonnen. Im Genitalbereich habe er tagelang geblutet. In Ankara angekommen, sei er in einem Container unweit vom Flughafen schwerer Folter und sexueller Misshandlung ausgesetzt gewesen. Von einem Sack über dem Kopf, ununterbrochenen Schlägen auf den gesamten Körper, andauernden Stromschlägen und der Vergewaltigung mit stumpfen Gegenständen ist die Rede. Seine Fingernägel fielen wegen dem Druck auf die Zehen ab, so Kişi in seinem Brief über die erlittenen Folter. Auch einfachste Hygiene sei ihm verweigert worden.

Sexuelle Belästigung beim Waschen „die schwerste Stelle“

Mit einem Sack über dem Kopf habe er Wasser lassen müssen. Wenn er mit seinem Urinstrahl „daneben“ zielte, gab es zusätzlich Prügel. Ganze zweieinhalb Monate lang habe er weder Zähne putzen, noch sich waschen dürfen. „Als mein Gestank selbst für meine Peiniger unerträgliches Ausmaß erreichte, durfte ich mich endlich waschen. Dabei musste ich mit dem Rücken zu ihnen stehen, damit sie mich wieder sexuell belästigen konnten“. Darüber zu schreiben, so Kişi, sei in seinem Brief die „schwerste Stelle“ gewesen. 

Gülen-Anhänger werden entführt und gefoltert

Was Zabit Kişi in seinem Brief schildert, deckt sich insgesamt mit den Schilderungen anderer Folteropfer. International renommierte Medienhäuser haben bereits über Misshandlungen und Folter in türkischen Gefängnissen, speziell in geheimen Anstalten türkischen Geheimdienstes MIT, berichtet. Eindrucksvoll war in diesem Zusammenhang die Kooperation von Correctiv, ZDF Frontal 21, Haaretz, Le Monde, El Pais und weiteren namhaften Medien bei dem Projekt „Black Sites„, in dem die Entführung von Gülenisten aus dem Kosovo und die anschließende Folter in geheimen Gefängnissen des MIT thematisiert wurden. Auch DTJ-Online berichtet seit vielen Jahren über diese Vorgänge. Zwar behauptet die Türkei auf allen möglichen Foren, dass sie gegenüber Folter und Misshandlungen eine „Null-Toleranz Politik“ verfolge, doch es gibt allen Grund daran zu zweifeln.

Folteropfer Zabit Kişi kein Einzelfall

Auch Bold berichtet regelmäßig über Opfer von Folter und Vergewaltigung in der Türkei. In einem Artikel befasste sich der türkische Exil-Journalist und Chefredakteur von Bold, Cevheri Güven, mit dem Schicksal von Ayten Öztürk. Ähnlich wie Zabit Kişi wird vermutet, dass die junge Frau in einem geheimen Folterzentrum des türkischen Geheimdienstes gefoltert wurde. Der Unterschied bei Kişi ist, dass er in einem Container in der Nähe zum Flughafen von Ankara gefoltert worden sein soll.

Ayten Öztürk ist unter den 27 bekannt gewordenen Fällen von Entführungen mit anschließender Folter die erste und einzige Frau. Ihr Leid dauerte ihren Angaben zufolge sechs Monate an. In dieser Zeit sei sie mehrfach vergewaltigt worden. All das erzählt sie heute, nachdem sie plötzlich wie auch Zabit Kişi unerwartet in einem Polizeirevier des Dezernats für Terrorismusbekämpfung auftauchte. Die türkische Regierung scheint die Bevölkerung nicht nur wirtschaftlich, sondern auch seelisch in den Ruin zu treiben.

Dabei ist das Ende der Fahnenstange nicht abzusehen, denn noch immer sind zahlreiche Menschen verschollen. Beispielsweise Enver Kılıç, das zweite Entführugnsopfer aus Kasachstan. Ob er noch am Leben ist? Diese Frage plagt seine Angehörigen nun mehr als je zuvor; jetzt, wo zumindest klar ist, dass Kişi noch am Leben ist. Sofern das noch als ein normales Leben bezeichnet werden kann.