ARCHIV - 20.02.2019, Nordrhein-Westfalen, Bielefeld: Ein Jäger hält sein Gewehr in der Abenddämmerung. Foto: Friso Gentsch/dpa

Das deutsche Waffenrecht ist im EU-Vergleich eher streng. Aber erst seit den Paris-Anschlägen gibt es EU-weite Mindeststandards. Hinzu kommt eine sehr unterschiedliche Verbreitung von Schusswaffen in den Bundesländern. Ein Überblick.

Im vergangenen Sommer berichtete das DTJ über die Verbreitung von Schusswaffen in der Türkei. Nach Schätzungen sollen mindestens 25 Millionen nicht-lizensierte Schusswaffen im Umlauf sein. In diesem Kontext darf der Blick nach Deutschland natürlich nicht fehlen. Aber wie viele illegale sind denn geschätzt im Umlauf? In der Türkei gibt darüber der Schusswaffengewalt-Atlas der Umut Stiftung Auskunft. Vergleichbare Zahlen liegen zur Bundesrepublik nicht vor. Solch eine Schätzung würde zwar in den Zuständigkeitsbereich des Bundeskriminalamtes fallen. Das BKA nimmt jedoch laut einem Beitrag des DlF Kultur generell keine Schätzungen zur Anzahl illegaler Waffen in Deutschland vor. Immerhin gibt es verlässliche offizielle Zahlen. Das ist aber auch erst seit 2013 der Fall, als das Nationale Waffenregister (kurz: NWR) aufgebaut wurde. Aus diesem geht hervor, dass in der Bundesrepublik rund 2,31 Millionen Waffenscheine ausgestellt und 5,83 Millionen Schusswaffen registriert sind.

Die Eigenheiten des deutschen Waffenrechts

Dass es rund 2,31 Millionen gültige Waffenscheine gibt, bedeutet jedoch noch lange nicht, dass 2,31 Millionen Deutsche legal Waffen besitzen (FAZ). Denn ein Bundesbürger kann aufgrund unterschiedlicher Waffentypen auch mehrere Waffenscheine besitzen. Die Anzahl registrierter Waffen hingegen speist sich aus dem Waffenbesitzschein: Dieser wird benötigt, wenn man beispielsweise legal eine Pistole oder ein Gewehr besitzen möchte. Das wiederum wird statistisch erfasst. Eine Erlaubnis, die Waffe mit sich zu führen, ist darin nicht enthalten. Dazu benötigt man eben den Waffenschein. Hierbei muss zwischen dem kleinen und den großen Waffenschein unterschieden werden. Während der große für gewöhnliche Schusswaffen gilt, benötigt man den kleinen, um beispielsweise Gas- als auch Schreckschusspistolen mit sich zu führen.

Wie verhält es sich mit der Waffenpopularität in den Bundesländern?

Ihre Popularität ist von Bundesland zu Bundesland höchst unterschiedlich. Wenn jemand erschossen wird und der Fall die Aufmerksamkeit der Presse auf sich zieht, geht es oft um Clan-Rivalitäten oder Großfamilienfehden. Da fällt einem als typischer Ort solcher Vorkommnisse Berlin mit seinen berühmt berüchtigten Stadtteilen Kreuzberg oder Neukölln ein. Dort muss es dann doch viele Waffen geben, oder? Registriert sind 46.470. Das sind zwar deutlich mehr als in Bremen (12.450), aber deutlich weniger als beim Spitzenreiter Bayern mit unschlagbaren 1,14 Millionen registrierten Schusswaffen. Auch in anderen Bundesländern, wie beispielsweise NRW oder Niedersachsen, sind über eine halbe Million angemeldet.

Den Statistiken zufolge ist also ihre Popularität im vermeintlichen Hotspot Berlin gar nicht mal so groß. Aber es ist zu berücksichtigen, dass das organisierte Verbrechen es vorzieht,  bei Morden und Schießereien nicht-registrierte Waffen zu nutzen. Dadurch können die Täter schwieriger von den Behörden ausfindig gemacht werden. Außerdem sind die Spitzenreiter im Ranking Flächenländer und keine Stadtstaaten. Sie beheimaten deshalb mehr Jäger oder Sportschützen, was zu mehr Schusswaffen führt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist deren weitaus größere Bevölkerung. Allein in Nordrhein-Westfalen leben knapp 18 Millionen Menschen, im Stadtstaat Berlin vergleichsweise magere 3,6 Millionen Bürger.

Illegaler Erwerb seit Einschreiten der EU schwieriger

Der Erwerb illegaler Waffen in Deutschland mag zwar schwieriger als in der Türkei sein. Unmöglich ist es jedoch nicht. Lange Zeit war es möglich, Dekowaffen zu kaufen und sie in echte Waffen umzubauen. Mit Dekowaffen sind solche gemeint, die eigentlich echte Waffen sind, aber unbenutzbar gemacht wurden. Sie dienen fortan als Deko oder Sammlerobjekt. Ab wann und wie eine Waffe unbrauchbar gemacht wird, ist in Deutschland streng geregelt. Andere EU-Staaten sind da deutlich laxer. So konnte man lange Zeit eine Dekowaffe problemlos im Internet aus einem anderen Staat erwerben und aufgrund laxerer Vorschriften sie einfacher wieder in eine scharfe Waffe umbauen. Die Attentäter von Paris nutzten diese Möglichkeit. So brauchte es erst die Anschlagsserie in der französischen Hauptstadt, damit die Europäische Union einschritt, einheitliche Mindeststandards erließ und dieses Schlupfloch schloss.