Militär-Imam erst nach Einigung der Dachverbände möglich

Zwar wird der Islam als Religionsgemeinschaft in Deutschland staatlich noch nicht anerkannt, doch mehrere Bundesländer und Institutionen gehen dazu über, sich auf die religiösen Bedürfnisse der in Deutschland lebenden Muslime einzustellen. Nachdem Niedersachsen als erstes deutsches Bundesland überhaupt dazu übergangen ist, den muslimischen Häftlingen einen Seelsorgedienst anzubieten, hat nun auch die Deutsche Bundeswehr ihre Bereitschaft ausgedrückt, die seelsorgerische Betreuungssituation der muslimischen Truppenteile zu verbessern.

Der Leiter der Zentralen Koordinierungsstelle Interkulturelle Kompetenz am Zentrum für Innere Führung in Koblenz, Oberstleutnant Dr. Uwe Ulrich, gab an, dass die Bundeswehr eine bemerkenswerte Anzahl von Soldaten mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen und aus vielfältigen Kulturen beherberge: „Die Bundeswehr ist sich der durch die Zeit mit sich gebrachten Veränderungen bewusst geworden und hat gemäß den gegebenen Anforderungen begonnen, die nötigen Schritte zu setzen.“ Jeder Soldat in der Truppe werde als Individuum beachtet und die Grundsätze Ehre, Respekt und Menschenwürde seien im alltäglichen Dienstbetrieb von zentraler Bedeutung.

Nur begrenzte Informationen über den Islam

Als Pastoralreferent des Katholischen Militärpfarramtes erklärte Prof. Dr. Thomas R. Elßner, für die militärischen Dienststellen seien auf der Kommando-Ebene Publikationen mit allgemeinen Informationen über den Islam vorbereitet worden: „Durch diese Publikationen, welche allgemeine Informationen über den Islam und die islamischen Feiertage beinhalten, ist es für die Kommandanten möglich, über die religiösen Sensibilitäten der muslimischen Soldaten im Bilde zu sein.”

Allerdings machte Prof. Elßner auch darauf aufmerksam, dass die vorhandenen Informationen über den Islam, die weitergereicht werden könnten, immer noch begrenzt seien. Da der Staat aufgrund seiner Beschaffenheit nicht die idealen Voraussetzungen mitbringt, um diese Aufgabe selbst auszuführen, falle diese eigentlich den muslimischen Organisationen zu. Es wäre außerordentlich hilfreich, wenn die muslimischen Dachorganisationen eine Einigung finden würden und auf diese Weise aus erster Hand die Grundlagen für die Arbeit autorisierter Militärimame schaffen, mittels derer den Forderungen der muslimischen Soldaten innerhalb der Bundeswehr Genüge getan werden könnte.

Der Militärimam muss die Rückendeckung der muslimischen Verbände haben

Oberstleutnant Dr. Uwe Ulrich sowie der katholische Militärseelsorger Prof. Elßner laden die muslimischen Dachorganisationen ein, sich in diese Agenda einzubringen: „Diese Organisationen müssen festlegen, von wem und auf welche Weise die religiösen Dienstleistungen im Militär angeboten werden.“ Außerdem teilte Ulrich mit, dass die Bundeswehr mit Blick auf die Ausrichtung des Freitagsgebetes und die Möglichkeit zur Verrichtung des rituellen Gebetes die Praxis im Militär der muslimischen Länder sowie in den Armeen der USA, Englands und Frankreichs – die eine bemerkenswerte Anzahl muslimischer Soldaten aufweisen – analysieren. Ulrich und Elßner, die von der Notwendigkeit der Beschäftigung eines Militärimams auf die gleiche Weise überzeugt sind, erklärten, dass es für die Bundeswehr nicht möglich sei, einen solchen im Alleingang zu bestellen, weshalb sie einen einheitlichen Vorschlag aller muslimischer Dachverbände für unabdingbar halten.

Verständnis für religiöse Feiertage ist wichtig

Dr. Uwe Ulrich wies darauf hin, dass in Deutschland die meisten Feiertage religiösen Ursprungs seien und sie sich der Probleme, denen sich muslimische Soldaten aufgrund der religiösen Feiertage ausgesetzt sehen, bewusst seien. In Afghanistan hatte sich etwa ein türkischstämmiger Soldat, der in den deutschen Einheiten zwei Jahre lang gedient hat, beschwert: „Für meine christlichen Freunde habe ich während der Weihnachtstage freiwillig und mit Freude Wache gehalten, doch als ich für den Ramadanfeiertag um Erlaubnis bat, konnte ich nicht das gleiche Verständnis wahrnehmen.“

Dr. Ulrich erklärt, dass man im diese und ähnliche Probleme wisse: „Wir haben den Wunsch, so gut wie möglich die Erlaubnis für Feiertage und die Verrichtung der Gebete der muslimischen Soldaten zu ermöglichen. Wenn diese Forderungen auftauchen, müsste das Problem mit der Genehmigung des zuständigen Kommandanten unter den Soldaten gelöst werden können.“

Vermerk der Religionszugehörigkeit auf der „Hundemarke“

Außerdem machte Dr. Ulrich während seiner Rede auf eine Neuerung für die muslimischen Soldaten aufmerksam. Während eines Dienstes im Ausland werden die Führungskräfte der Region bei Todesfällen muslimischer Soldaten über die Gebete informiert, die bei ihrer Bestattung gelesen werden sollen. Außerdem werden die muslimischen Soldaten genau wie ihre christlichen Kameraden künftig die Möglichkeit haben, ihre Religionszugehörigkeit auf die Erkennungsmarke schreiben zu lassen.

Ulrich informiert über die lebenswichtige Bedeutung der Anhänger für die religiöse Bestattungszeremonie im Todesfall eines Soldaten: „Die christlichen Soldaten können nach Bedarf auf ihren Anhängern ihre Zugehörigkeit zur Katholischen oder einer protestantischen Kirche vermerken lassen. Und nun können auch die muslimischen Soldaten auf ihre Anhänger die Abkürzung „ISL“ schreiben lassen.“