Warum sind Attentäter von Terroranschlägen wie in Paris auf einmal Muslime, obwohl ihre Tat nicht mit dem Islam vereinbar ist? Nur weil sie während des Massakers „Allahu Akbar“ riefen? Es ist doch kein Problem, innerhalb von wenigen Minuten diesen oder einen anderen muslimischen Leitspruch auswendig zu lernen. Wenn man als Terrorist dem Islam und den Muslimen Schaden zufügen will, hat man es also einfach. Man braucht nur einige Worte Arabisch zu lernen und während des Attentats diese auszurufen. Wenn er die Sprache – wie in diesem Fall – sowieso kann, umso einfacher. Vielleicht tritt der muslimische Aspekt eines im normalen Leben gescheiterten Menschen – wenn er zum Terroristen wird – deswegen in den Fokus, weil er Mitglied eines Terrornetzwerkes ist, das den Islam als Legitimation für seine Schandtaten nimmt.

Beides sind Erklärungsansätze, über die in den vergangenen Tagen viel geschrieben und diskutiert wurde. Der französische Politikwissenschaftler und Islamismus-Experte Prof. Olivier Roy geht in seiner Analyse des Attentats und der Attentäter aus Paris tiefer. In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagt Roy über die Attentäter: „Sie sind Franzosen“. Seine Begründung: „Sie wurden in Frankreich geboren und im französischen Schulsystem ausgebildet. Sie gehören zur zweiten Generation der Immigranten, sind aber nichtsdestoweniger Franzosen. Die meisten von diesen Menschen mit arabischem Ursprung sprechen besser Französisch als Arabisch. Die Einwanderer sind in ihrem Selbstverständnis ohnedies längst Franzosen.“

„Die meisten wissen nicht genau, was die Scharia ist“

Roy, der mehrere Bücher über den politischen Islam geschrieben und den Begriff Neofundamentalismus geprägt hat, sagt über die Rolle der Religion in der Sozialisation der Attentäter: „Es handelt sich um eine Art wiedergeborene Muslime. Die meisten wissen gar nicht so genau, was die Scharia ist. Alle Untersuchungen zeigen, dass diese Muslime im Alter von 18, 20 Jahren kaum religiös sind, sondern Alkohol trinken, Rauchen, Drogen nehmen oder damit handeln. Sie erfahren erst dann eine Rückkehr zur Religion meist im Rahmen einer kleinen Gruppe. Im Fall eines der Attentäter war es ein selbst ernannter Imam, der ihn zur Religion, zum Salafismus zurückführte.“

Der erfahrene Politikwissenschaftler sieht in dem Verhalten der Terroristen Ähnlichkeiten mit dem RAF-Terror der 1970er Jahre: „Sie suchen den Dschihad, wie man früher den Guerilla-Kampf für Che Guevara oder für Palästina gesucht hat. Es gibt viele übereinstimmende Punkte zwischen den französischen Attentätern und den Terrorgruppen der 70er-Jahre wie Baader-Meinhof. Es gibt einen arabischen Einfluss und eine Gruppe von Intellektuellen, welche die spezifisch eigene Ideologie konstruieren und der Ordnung des Establishment den Krieg erklären. Für Baader-Meinhof war es die globale Revolution, für diese jungen Leute ist es der globale Dschihad. Sie verfolgen hierbei, in einer extremeren Variante, denselben Ansatz: Sie suchen gezielt Menschen für Hinrichtungen aus und suchen den Kontakt zum Dschihad anderer revolutionärer Bewegungen, so wie damals die Baader-Meinhof-Bande mit den palästinensischen radikalen Gruppen kooperierte, als sie versuchte, die palästinensische Revolution zu unterstützen. Nun gehen radikale Muslime nach Afghanistan, Bosnien oder den Irak, um den globalen Dschihad zu unterstützen.“

Hier geht es zum gesamten Interview.