Schafft religiöse Frömmigkeit „islamistischen“ Terror?

Ist Al Qaida eine religiöse Bewegung? Ist „Islamismus“ die „konsequente Umsetzung“ islamischer Lehren? Ist jeder gläubige Muslim ein potenzieller Terrorist? Erst diese Woche noch war im Zusammenhang mit dem Bonner Bombenfund von „islamistischer Terrorgefahr“ die Rede. Wenn man den üblichen Stammtischweisheiten Glauben schenken mag, die auch in nicht wenigen heimischen „Qualitätsmedien“ für sicheres Wissen gehalten werden, ist die Sache einfach: Der Islam hat noch keine Aufklärung erlebt, Muslime wissen die westlichen Werte deshalb nicht zu schätzen und je gläubiger einer von ihnen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass er eines Tages zum Sprengstoffgürtel greifen könnte.

Fixe Ideen wie diese reichen auch selbstverständlich aus, um regelmäßig ein paar Klicks auf seinen Blog zu bekommen, um sich Resonanz in Form von Kommentarspalten zu sichern, die mit Warnungen vor der „islamischen Welteroberung“ gespickt sind, um in hoher Auflage Bücher zu verkaufen oder um in Fernsehtalkshows eingeladen zu werden. Um zum berühmten „Islamexperten“ für den täglichen Gebrauch zu werden, reichen ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Koranzitate und die Kenntnis eines abendfüllenden Quantums an Horrorgeschichten, mittels derer sich die „islamische Gefahr“ für jedes ausreichend schlichte Gemüt treffend illustrieren lässt.

Faktenanalyse statt Stammtischweisheiten

Geheimdienste und Sicherheitsbehörden hingegen befassen sich nicht mit imaginären, sondern mit realen Gefahren. Und um ihre Arbeit im Bereich der Terrorismusbekämpfung und -prävention ordnungsgemäß verrichten zu können – schließlich geht es dort nicht um „Likes“ auf facebook, sondern um reale Menschenleben -, sind sie darauf angewiesen, sich intensiv, tiefschürfend und hintergründig mit ihrer Materie zu befassen und auch noch so bequeme Vorurteile notfalls kritisch zu hinterfragen.

Deshalb befassen sie und von ihnen beauftragte Wissenschaftler, Forschungsinstitute und Experten sich auch schon seit Jahren intensiv mit den Hintergründen von Terroristen und ihren Anschlägen, mit extremistischer Literatur, mit den Aussagen inhaftierter Terroristen und den Erkenntnissen von Vertrauensleuten.

Und durch die jahrelange Detailanalyse und eingehende Auswertung dadurch gewonnener Erkenntnisse treten vor allem zwei wesentliche Tendenzen zutage: Es sind zum einen im Regelfall gerade nicht die frommen, ja nicht einmal fundamentalistische Muslime, die zu Terroristen werden. Zum anderen werden Terroristen von politischen Überzeugungen angetrieben, nicht von religiösem Glauben.

Die verhaltenspsychologische Abteilung des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 erstellte bereits im Jahre 2008 das bis dato umfassendste und gründlichste verhaltenspsychologische Profil „islamistischer“ Terrorrekruten. Es stützt sich auf Fallstudien mehrerer Hundert Einzelpersonen, die in extremistische und terroristische Aktivitäten entweder selbst verwickelt waren oder diese unterstützt hatten (zB durch Spendensammlungen, Propagandatätigkeiten usw.).

Die Quintessenz der Untersuchung ist, dass es sich in erster Linie um Einzelpersonen handelt, die sich in ihrer Vielfältigkeit nicht einmal ein einheitliches demografisches oder soziales Gefüge pressen lassen. Zwar sind unter ihnen zahlreiche Konvertiten und Angehörige der zweiten Einwanderergeneration. Allerdings ist kaum einer von ihnen durch extremistische muslimische Geistliche indoktriniert oder angeworben worden. Diese mögen im Gazastreifen oder in Ägypten eine Rolle spielen, in Europa jedoch ist ihr Einfluss auf selbsternannte „Djihadisten“ jedoch verschwindend gering.

Die wenigsten der analysierten Terroristen und Terrorsympathisanten sind in streng religiösen Familien aufgewachsen, die MI5-Experten sprechen sogar von Belegen, die dafür sprächen, dass „eine gut fundierte religiöse Identität vor gewalttätiger Radikalisierung schützt“. Viele der analysierten Personen hatten zuvor mit Religion wenig am Hut, hätten Drogen konsumiert, Alkohol getrunken oder die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen.

Unter den beobachteten „Djihadisten“ fanden sich zum Teil auch gut ausgebildete und in festen Beziehungen stehende Personen, manche sogar mit Kindern, und in aller Regel gehen die Betreffenden auch einer Arbeit nach – wenn auch zumeist schlecht bezahlten Tätigkeiten.

Persönliche und politische Motivationen, nicht religiöse

Die Erkenntnisse des Geheimdienstes ließen jedenfalls erkennen, dass „Djihadisten“ in Europa in aller Regel nicht besonders gläubige Einzelpersonen wären, die sich aus politischen oder persönlichen Gründen zu radikalen Peergroups hingezogen fühlen. Faktoren wie traumatische Erlebnisse im privaten Umfeld, Einwanderung ohne Familienangehörige, Vorstrafen und Inhaftierungen ließen sich wesentlich öfter mit einer „djihadistischen“ Karriere in Verbindung bringen als radikale Religiosität.
Auch eine Gallup-Untersuchung hinsichtlich jener weltweit 7% Muslime, die als „radikal“ gelten, die Terroranschläge vom 11. September billigten und einen ausgeprägten Antiamerikanismus erkennen ließen, ergab, dass diese Menschen keineswegs religiöser wären als der Durchschnitt der befragten Muslime. Laut einer Studie des „Pew Research Centers“ aus dem Jahr 2008 waren in Deutschland sowohl unter religiösen als auch unter nicht religiösen Muslimen jeweils 94% der Meinung, Angriffe auf Zivilisten wären moralisch nicht zu rechtfertigen. In Frankreich waren 92% der religiösen und 82% der nicht religiösen Muslime dieser Auffassung, in Großbritannien 90% der religiösen und 87% der nicht religiösen. Auch wenn dies im Umkehrschluss einen Anteil von bis zu 10% Muslimen ergibt, die zu Gewalt gegen Zivilisten ein ambivalentes Verhältnis offenbaren würden, ist das immer noch ein wesentlich geringerer Wert als beispielsweise jener von autochthonen Europäern mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild.

Der „djihadistische“ Terrorismus in westlichen Ländern ist keine religiöse, sondern eine hochgradig politische Reaktion auf die Präsenz westlicher Soldaten in islamischen Ländern. Wer daran Anstoß nimmt, muss nicht zwingend auch besonders fromm oder gläubig sein.

Wissenschaftler des Londoner „Demos-Instituts“, die über zwei Jahre hinweg radikale „Islamisten“ und verurteilte Terroristen in Großbritannien und Kanada untersucht hatten, kamen zu dem Ergebnis, dass radikale Gläubige und Terroristen unterschiedliche und sehr gut unterscheidbare Personenkreise bilden würden.

Radikale Gläubige ließen echte Sympathien für die westlichen Werte der Toleranz und des Pluralismus sowie für das westliche Regierungssystem, die Technologie und sein kulturelles Erbe erkennen, nahmen allerdings deutlich Anstoß an einzelnen Erscheinungen westlicher Lebensart wie etwa aufdringlich herausgekehrter sexuellen Freizügigkeit oder dem Niedergang von Traditionen und Moralvorstellungen – mit diesem Mindset entsprechen sie übrigens weitgehend dem Durchschnitt der amerikanischen Bevölkerung, die sich im Rahmen ähnlicher Untersuchungen gleichlautend äußerte. Muslime, auch radikale, sehen den Westen auch nicht als monolithisch, sondern loben oder kritisieren einzelne Länder auf der Basis ihrer Politik, nicht ihrer Kultur oder Religion.

Beobachtung und Kooperation mit Gemeinden nötig

Im Vergleich dazu waren Al-Qaida-Rekruten weitaus weniger sittenstreng, pflegten den üblichen Lebensstil westlicher Teenager, äußerten hingegen tiefe Abscheu hinsichtlich der westlichen Kultur und Gesellschaft insgesamt. Ihre Vorstellungen vom Islam waren sehr schlicht und oberflächlich, ihr Interesse an den tatsächlichen Lehren des Koran war gering, selbst die Bereitschaft, sich auf gewaltlose Weise politisch zu artikulieren war – im Unterschied zu den radikalen Gläubigen – sehr gering.

Wie der langjährige US-amerikanische Spionageabwehrexperte Mark Fallon betont, beruhe Gewalt, die von „Djihadisten“ ausgeht, nicht auf Theologie oder auch nur einer besonders umfassenden politischen Ideologie, sondern auf zum Teil sehr persönlichen Angelegenheiten und örtlichen Gegebenheiten. Es sei meist eine örtliche Gegebenheit oder ein Einzelereignis, das die Leute „umdrehe“. Es gehe um Identität, nicht um Theologie. Die Betreffenden entwickeln zwar eine vage Religiosität und ein mehr oder minder fundamentalistisches oder salafistisches Weltbild, teilweise dienen salafistische Moscheen oder Erweckungsbewegungen als Rekrutierungsfeld für „Djihadistengruppen“, die dort gezielt nach anfälligen Personen suchen, daraus folge jedoch nicht, dass Terrorismus ein Ergebnis religiöser Lehren wäre, sondern dass es nötig ist, die entsprechenden Einrichtungen unter genaue Beobachtung zu stellen.

In London gab es sogar positive Erfahrungen hinsichtlich einer – wegen des radikalen Weltbilds der Betreffenden anfangs umstrittenen – Zusammenarbeit der Polizei mit islamischen Fundamentalisten in der Terrorprävention. So gelang es ausgerechnet mithilfe der Salafisten, die Finsbury-Park-Moschee von Al-Qaida-Sympathisanten zu säubern. Die Ultrareligiösen zeigten die größte Entschlossenheit, gewalttätige und terroraffine Gruppen von ihrer Moschee fernzuhalten und offenbarten den Polizeibehörden bereitwillig ihre detaillierten Erkenntnisse über Mitglieder, bei denen sie eine Empfänglichkeit für terroristische Radikalisierung vermuteten.

Worüber es noch keine Studien gibt, ist die Frage, wie viele Terroristen und Unterstützer den Sicherheitsbehörden durch die Lappen gegangen wären, hätten sie sich statt auf die Ergebnisse eigener Feldforschung auf die Urban Legends der so genannten „Islamkritik“ verlassen.