Täglich steigt in der Türkei die Zahl der am Coronavirus infizierten und gestorbenen Menschen. Die Regierung arbeitet auf Hochtouren, um eine weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Insbesondere der Gesundheitsminister Fahrettin Koca wird derzeit für sein Engagement gelobt, aber auch kritisiert.

Am späten Donnerstagabend hat Gesundheitsminister Koca neue Zahlen veröffentlicht, wonach binnen Tagesfrist weitere 16 Menschen am neuartigen Coronavirus gestorben waren. Damit stieg die offizielle Gesamtzahl der Toten in der Türkei auf 75. Koca zufolge wurden bisher 3629 Fälle bestätigt. Der wohl bekannteste türkische Covid-19-Erkrankte ist der legendäre Trainer von Galatasaray, Fatih Terim. Derzeit sei seine Gesundheit nicht gefährdet, teilten seine Ärzte mit. „Wir hoffen, dass das weiterhin so bleibt“.

Gesundheitsminister Koca vor Tabubruch?

Wie in allen anderen Ländern, die von der Pandemie betroffen sind, führt auch die türkische Regierung einen Kampf gegen die Zeit. Es gilt, die Fallzahlen langsamer steigen zu lassen, als es in China oder Italien geschehen ist. Speziell der türkische Gesundheitsminister zeigt dabei einen unermüdlichen Einsatz. Außerdem könnte Koca in dieser Phase unter Beweis stellen, dass er sich vom restlichen Kabinett unterscheidet. Er stehe sogar Medienberichten zufolge kurz davor, aufgrund der Notlage wegen des Coronavirus, einen der größten Tabubrüche der letzten vier Jahre zu begehen.

Er könnte nämlich dem Aufruf des Virologen Mustafa Ulaşlı folgen, der kein gewöhnlicher Arzt ist; doch dazu später mehr. Ulaşlı hat als Mediziner eine außergewöhnliche Vita vorzulegen. Er spezialisierte sich an namhaften Universitäten im Ausland, beispielsweise der Princeton University in den USA. Dort war er als angehender Virologe drei Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Obwohl er in Princeton hätte bleiben können, wechselte er den Standort.

Spezialisierung auf Coronaviren

In den Jahren 2007 bis 2011 forschte Ulaşlı in Utrecht weiter. Dort promovierte er über Spezialitäten und Eigenheiten von Coronaviren. Deshalb hat der Mediziner nach Ausbruch des neuartigen Coronavirus in der Türkei an das türkische Gesundheitsministerium appelliert und seine Dienste angeboten. Selbst ein wirksames Impfstoff könne man in der Türkei finden, wenn man ihn in die Forschung miteinbeziehen würde. „Wir hätten in der Türkei alles Nötige, um einen wirksamen Impfstoff zu finden. Ich möchte meine Expertise einbringen“, so der Arzt.

Unterstützung für den Aufruf des Virologen

In den sozialen Medien wurde der Aufruf des Arztes vielfach geteilt und unterstützt. Dabei handelt es sich bei dem Arzt um eine Persona non grata. Denn er gehört zu der Gruppe der suspendierten Staatsbediensteten, die nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 aufgrund angeblicher oder tatsächlicher Verbindung zur Gülen-Bewegung per Dekret ihre Arbeit und Posten verloren. Diese Personen bezeichnen sich selbst als „KHK’ler“. Für sie ist selbst nach einer Haftstrafe die Rückkehr in ihr altes Leben kaum möglich. Denn diejenigen, die durch diese Dekrete im Ausnahmezustand erfasst wurden, bekommen eine Kennziffer neben ihre Sozialversicherungsnummern eingetragen. Somit erkennen potentielle künftige Arbeitgeber und Behörden, dass diese Personen vorbelastet sind. Hunderte „KHK’ler“ in der Türkei können aufgrund dieser Ziffer den einfachsten Beschäftigungen nicht mehr nachgehen.

Ex-Ergenekon-Verurteilter: Lieber Corona als ein Gülenist-Arzt

„Es fällt euch ja jetzt schwer, zu Hause festzusitzen wegen des Virus. Nun, wir mussten das Jahre lang wegen diesen FETÖ-Verrätern erdulden. Deshalb sage ich, lieber Coronavirus als FETÖ-Ärzte“, so Ali Türkşen. Er zählte einst zu den Angeklagten im Ergenekon-Prozess. Als Ergenekon wird ein mutmaßlicher Geheimbund bezeichnet, dessen Ziel es gewesen sein soll, die AKP-Regierung unter dem damaligen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan zu stürzen. Seinen Anfang nahm der Prozess, als die Polizei im Juni 2007 in einem Haus im Istanbuler Stadtteil Ümraniye Granaten und Sprengstoff entdeckte. Nachdem ein Sonderstaatsanwalt Ermittlungen aufgenommen hatte, wurden mehrere Offiziere verhaftet und; in der Öffentlichkeit wurde das Ergenkon-Netzwerk bekannt.

Journalist stellt eingestellte Ermittlungen gegen Virologen infrage

In einem Artikel auf „Hürriyet“ schreibt der Journalist Nedim Şener, wie merkwürdig es sei, dass die Ermittlungen gegen den Arzt Mustafa Ulaşlı eingestellt wurden. Der für seinen Hass auf Fethullah Gülen und dessen Bewegung bekannte Şener führt an, dass es genügend Belege für eine Mitgliedschaft des Virologen in der gefährlichen Organisation „FETÖ“ (so bezeichnet die türkische Regierung die Bewegung) gebe. Beispielsweise habe er an einer Gülen-nahen Universität studiert, die Gülen-Bewegung habe ihn bei seinen Aufenthalten an ausländischen Universitäten gezielt unterstützt und ihn ohne entsprechende Qualifikationen in die Gaziantep-Universität aufgenommen. Dabei habe der Arzt sogar auf Anweisung Gülens die aus der Bewegung heraus entstandene Bank Asya in einer kritischen Phase mit Einzahlungen in Höhe von insgesamt 2.700 Türkischer Lira unterstützt. Zudem sei er Mitglied im Gülen-nahen Verein für Erkrankungen des Magen-Darm-Systems und Chirurgie gewesen und habe per SMS Spenden an die Gülen-nahe Hilfsorganisation „Kimse Yok Mu“ entrichtet.

„Wie kann man die Ermittlungen gegen einen FETÖ-Akademiker einstellen?“

Şener fragt in seinem einem Plädoyer ähnelnden Text, wie man einen „FETÖ“-Akademiker wie Ulaşlı überhaupt freilassen könne. Hinter dem Wunsch des Arztes, in Zeiten von Corona seinem Land behilflich sein zu wollen, sieht der Hürriyet-Autor eine Kampagne der Gülen-Bewegung. „Noch bevor das Virus in die Türkei kam, haben sie sich darauf vorbereitet. Zunächst haben sie unter die Bevölkerung unwahre Sprachnachrichten verbreitet, dass in einige Krankenhäusern bereits infizierte Patienten eingeliefert worden seien. Sie haben die Lüge verbreitet, dass man in der Türkei die wahren Zahlen von Infizierten und Toten verheimlichen würde. Sie haben gefälschte Dokumente mit dem Briefpapier des Gesundheitsministeriums verbreitet. Fake-Kampagnen erzeugt, damit FETÖ-Häftlinge aus den Gefängnissen freigelassen werden. Ihr letzter Trick war es, die gesellschaftliche Panik wegen des Coronavirus zu missbrauchen“. Der Viren-Spezialist Mustafa Ulaşlı sei in diesem Zusammenhang ihr falscher Held.

Virologe Ulaşlı ist entschlossen

Dennoch hat Ulaşlı an den Gesundheitsminister appelliert und seine Dienste angeboten. Dieser Aufruf des Arztes wurde durch den HDP-Abgeordneten Ömer Faruk Gergerlioğlu aufgegriffen. Auch der Politiker hat den Minister offen dazu aufgefordert, den suspendierten Virologen aufgrund des Ernstes der aktuellen Lage schleunigst zurückzuholen. Entgegen aller Erwartungen habe Minister Koca diese Bemühungen nicht unbeachtet gelassen. Gergerlioğlu schrieb in einer Erklärung via Twitter, dass der Minister zugesagt habe, den Arzt treffen zu wollen. Ulaşlı wartet nach eigenen Angaben bis heute auf eine offizielle Einladung durch den Gesundheitsminister. Dazu sei es bislang noch nicht gekommen. „Ich kann ja kein Zelt vor dem Gesundheitsministerium aufschlagen“, so Ulaşlı, der behauptet, der einzige Mediziner im Land zu sein, der zum Thema Coronaviren promoviert hat: „Ist es nicht ein Verlust für die Menschheit, mich trotz gerichtlichen Freispruchs seit dreieinhalb Jahren im Abseits zu halten?“.