Türkische Wirtschaft: Die wirtschaftliche Stagnation in der Türkei hat auch die Erwerbstätigen getroffen. Laut TÜİK ist die Arbeitslosigkeit neben der saisonalen Einwirkungen im Monat Mai um 9,5 Prozent gestiegen.

Osteuropa und die Türkei gelten in der Bekleidungsindustrie als Produktionsstandorte für Anbieter des mittleren und hohen Preissegments. Wenn Markenartikler keinen „Made in China“-Stempel auf ihren Anzügen oder T-Shirts haben wollen, ziehen sie Länder wie die Türkei oder Kroatien vor. Die höheren Kosten im Vergleich zu Ost- oder Südasien sind mit einer besseren Qualität verbunden; dieses Bild verbreitet die Industrie jedenfalls selbst sehr gerne. Am Qualitäts-Credo zweifeln Verbraucher in Deutschland jedoch schon länger. So haftet beispielsweise den Anzügen der schwäbischen Marke Hugo Boss schon lange das Image „schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis“ an: Viel Geld für wenig Qualität, sagt der Volksmund im Büro. Aber offenbar bewegt sich das Unternehmen auch bei den Kosten schon fast auf asiatischem Niveau, wie nun eine Untersuchung von „Clean Clothes“ zeigt.

Kaum noch Unterschied zu Kik & Co.

Die Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) „Clean Clothes“ setzt sich bereits seit 1989 für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Bekleidungs- und Sportartikelindustrie ein. Mit ihrem jüngsten Bericht „Im Stich gelassen: Die Armutslöhne der Arbeiterinnen in Kleiderfabriken in Osteuropa und der Türkei“ kratzt die Organisation mit Sitz in Amsterdam auch am Image der Markenhersteller. Dazu hat die NGO die Arbeitsbedingungen bei 50 führenden Markenherstellern untersucht. Offenbar stehen auch hier rüde Methoden und schlechte Arbeitsbedingungen auf der Tagesordnung. Der Unterschied zu Kik, Primark & Co. scheint gar nicht mehr allzu groß zu sein. Insgesamt arbeiten rund 3 Mio. Arbeiter in den untersuchten Regionen.

1,5 Millionen arbeiten in der Schattenwirtschaft 

Davon seien rund 2 Mio. in der Türkei aktiv, 1,5 Mio. würden darüber hinaus allerdings im informellen Sektor, also in der Schattenwirtschaft, tätig sein. Das Ergebnis der Studie zeigt, dass insbesondere in Georgien, Bulgarien und im Osten der Türkei Arbeitsschutzbestimmungen entweder nicht vorhanden sind oder einfach nicht eingehalten werden. In Südostanatolien weisen Arbeiter in dieser Industrie das höchste Armutsrisiko auf und haben nur geringe Chancen, über alternative Jobs ihre Situation zu verbessern. Angestellt seien hier oftmals Einwanderer aus den ehemaligen Ländern des Ostblocks, des Nahen Ostens sowie aus Mittelasien, was die Lage erschwere. Sie könnten sich kaum gegen die niedrigen Löhne und schlechten Arbeitsbedingungen wehren.

Armutslöhne machen Zweitjob nötig

Dazu komme, dass die Lebenshaltungskosten in vielen Ländern stark angestiegen seien. Das stelle ein zusätzliches Problem da. So beträgt der staatliche Netto-Mindestlohn in der Türkei umgerechnet 252 Euro. In der Türkei wird dies zumindest im offiziellen Sektor auch eingehalten, das Gehaltsniveau liege aber deutlich unter dem Durchschnitt der türkischen Industrie (415 Euro). Da aber die Preise für Nahrungsmittel in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen seien, habe sich die Situation der Menschen jedoch in Summe verschlechtert. Betroffen seien insbesondere Frauen. Nicht zu vergessen ist, dass Durchschnitt auch immer bedeutet, dass es Betriebe gibt, die die gesetzlichen Vorgaben unterlaufen und noch weniger Lohn bezahlen. In der Studie wird resümiert, dass mit diesen Löhnen nur 28% der Lebenshaltungskosten gedeckt werden können.

Demnach betrage das Existenzminimum für eine türkische Familie 1002 Euro. Das wiederum ist viel zu hoch gegriffen. Das wären umgerechnet rund 2915 Türkische Lira für eine vierköpfige Familie. Hier haben die Autoren sicherlich einen Fehler begangen. Besonders deutlich wird dies auf Seite 38 der Untersuchung, bei der die Lebenshaltungskosten von Istanbul mit denen in Ostanatolien als gleich hoch eingestuft werden. Hier hätte eine Differenzierung gut getan.

Wenn das Image nicht zur Realität passt

Nichtsdestotrotz zeigt die Befragung, dass es in Sachen Löhne und Arbeitsbedingungen Nachholbedarf gibt. „Made in Europa ist keine Garantie für menschenwürdige Arbeitsbedingungen, die Kluft zwischen den ausgezahlten und existenzsichernden Löhnen ist teilweise noch größer als in asiatischen Produktionsländern” schlussfolgert Michaela Königshofer, Koordinatorin der österreichischen „Clean Clothes“-Kampagne. Zudem wird deutlich, dass nicht bei allen Markenkonzernen das selbst definierte Image mit der Realität übereinstimmt. So zahlt beispielsweise Adidas Angestellten in Georgien lediglich 5 Euro für einen Achtstundentag. Bei vielen Unternehmen kommen dann regelmäßig unbezahlte oder zu niedrig bezahlte Überstunden hinzu.

Boss in der Kritik

Die Differenz zwischen Selbst- und Fremdbild scheint beim schwäbischen Anzughersteller Hugo Boss besonders groß zu sein. So heißt es in den selbst formulierten Zielen des Konzerns, die Vergütung müsse „für den Lebensunterhalt der Beschäftigten und ihrer Familien ausreichend sein“. Das soll in der Türkei nicht der Fall sein. Dort zahle Boss Nettolöhne von 308 Euro. Die Presseabteilung redete sich in einer ersten kurzen Stellungnahme heraus: „Wir bewegen uns selbstverständlich stets im Rahmen der gesetzlichen Mindestlöhne“, so eine Sprecherin. Das stimmt im Fall Türkei sicherlich. Nur darf man als Unternehmen dann nicht behaupten, dass dieser Lohn auch für den Lebensunterhalt der Beschäftigten und ihrer Familien ausreiche.

Hohe Gewinnmargen dank schlechter Arbeitsbedingungen?

Doch bei Boss hapert es wohl nicht nur am Lohnniveau. So zeigten Befragungen der Arbeiterinnen in der Türkei und in Kroatien folgendes Bild:

– Boss geht aktiv gegen Gewerkschafter vor („Gewerkschaftsfeindlich“, „Mobbing“, „Erpressung“)

– Sexuelle Belästigung, Anschreien, Einschüchterung am Arbeitsplatz sind an der Tagesordnung

– Bezahlung von Überstunden nicht in Übereinstimmung mit dem Gesetz

Dabei geht es Boss im Prinzip gut. Das Geschäftsjahr 2013 hat der börsengelistete Konzern mit neuen Bestmarken beim Umsatz und beim Gewinn abgeschlossen. Die Einnahmen kletterten auf 2,43 Mrd. Euro, der Nettogewinn wurde auf 333,4 Mio. Euro erhöht. Somit lag die Umsatzrendite bei saftigen 13,7%. Das ist für ein Unternehmen in einem Massenmarkt ein außergewöhnlich hoher Wert.

Druck von Billig-Konkurrenz und den Märkten

Allerdings stehen diese Unternehmen in großer Konkurrenz zu Gesellschaften, die noch billiger in Asien produzieren lassen. Mögliche Verstöße gegen das Arbeitsrecht und gegen Mindestlohnbestimmungen kann das natürlich nicht begründen. Am Ende trifft jedoch der Bürger selbst die Entscheidung, ob er bei Unternehmen einkauft, die zu diesen Arbeitsbedingungen fertigen lassen. Der Konsument lässt sich allerdings im Regelfall eher von der Werbung als von 80 Seiten schweren Studien beeinflussen.