Vor der Küste Zyperns beanspruchen die Türkei und die Republik Zypern gleichermaßen Seegebiet. Es geht um Gas − und viel Geld. Droht eine neue Zypernkrise? Fünf Fragen, fünf Antworten.

Vor wenigen Jahren vermeldete ein amerikanisches Erdölunternehmen eine Sensation: Vor der Südküste Zyperns sei ein gigantisches Erdgasfeld gefunden worden. Experten schätzen, dass dort 227 Milliarden Kubikmeter Gas im Meeresboden vergraben sind. Das weckt gefährliche Begehrlichkeiten.

Denn die drittgrößte Mittelmeerinsel ist seit 1974 in einen griechischen Süden und einen türkischen Norden geteilt. Beide Regierungen der Insel beanspruchen die Ausbeutung des Erdgasfeldes. Nun schickt die Türkei das mittlerweile dritte Forschungsschiff vor die zyprische Küste und provoziert Ungemach.

Warum ist das wichtig? Wieso geht die Türkei auf Konfrontationskurs? Und warum gerade jetzt? DTJ-Online beantwortet fünf Fragen zur neuen Zypern-Krise.

Wieso streiten die Türkei und Zypern überhaupt?

Es geht um viel Geld. Die geschätzten Erdölvorkommen entsprächen einem Wert von schätzungsweise 40 Milliarden Euro. Geld, das sowohl der kleine und notorisch klamme EU-Staat Zypern als auch die in wirtschaftliche Schieflage geratene Türkei gut gebrauchen könnten.

Entfacht wurde der Streit bereits 2018, als die griechisch-zyprische Regierung internationalen Unternehmen die Genehmigung erteilte, die Erdgasfelder zu erkunden. Als die ersten Schiffe von Exxon Mobil und Co. vor Anker lagen, fühlte sich die türkische Regierung hintergangen. Es kam zur Eskalation: Ankara schickte Kriegsschiffe. Ein Schiff des italienischen Energiekonzerns ENI wurde gewaltsam abgedrängt.

Der Streit eskalierte weiter, als Ankara die Bohrschiffe „Fatih“ und „Yavuz“ entsandte. Die beiden türkischen Schiffe führen seither Probebohrungen durch. Türkischen Angaben zufolge soll die „Yavuz“ nun drei weitere Monate lang nach Erdgas suchen – ohne Genehmigung der Regierung in Nikosia versteht sich. Für alle Fälle sind türkische Kriegsschiffe immer in ihrer Nähe. Ein weiteres Erkundungsschiff, die „Oruç Reis“, ist bereits auf dem Weg.

Wie ist der Status Quo Zyperns?

Der Status Quo Zyperns ist kompliziert, weil die (griechische) Republik Zypern als EU-Mitglied völkerrechtlich gesehen zwar die gesamte Insel regiert, de facto aber nur den griechischen Südteil kontrolliert. Der türkische Nordteil ist seit 1974 eigenständig, wird bis heute jedoch nur von der Türkei anerkannt.

Seit den Kämpfen von damals hat die Türkei zehntausende Soldaten im Norden Zyperns stationiert. Sie gilt seit der Unabhängigkeit Zyperns 1960 als Garantiemacht. Ein Wiedervereinigungsplan der UN wurde 2004 von den griechischen Zyprern abgelehnt. Zwar hat keine Seite ein Interesse an einer kriegerischen Auseinandersetzung, dennoch bleibt der Ton rau und die Gefahr bestehen.

Die Europäische Union steht in dem Streit wie in den meisten Belangen der griechischen Zyprer hinter ihrem Mitgliedstaat und betrachtet die türkischen Bohrungen als Verletzung der zyprischen Wirtschaftszone. EU-Sanktionen wurden bereits verhängt.

Was will Zypern eigentlich?

Zypern will ohne Einflussnahme von außen das Gasfeld ausbeuten. Aus Sicht der Republik Zypern zählt das Seegebiet im Umkreis von 200 Seemeilen um die gesamte Insel zu ihrer ausschließlichen Wirtschaftszone. Die türkischen Erkundungen bewertet sie als illegitim, zumal sie bereits 2017 internationale Gaskonzerne wie Eni und Exxon Mobil mit der Erkundung der Vorkommen beauftragt hatte.

Außerdem hatte die Regierung bereits seit 2003 mit den Anrainerstaaten Ägypten Libanon und Israel Abkommen getroffen und das eigene Gebiet abgesteckt. Seit Januar 2019 bildet Zypern außerdem gemeinsam mit Griechenland, den Libanesen und den Ägyptern das „Gasforum östliches Mittelmeer“ – die Türkei zählt nicht zu den Mitgliedsstaaten, was Ankara natürlich als Affront empfindet.

Welche Ziele verfolgt die Türkei?

Ankara fordert vehement eine Beteiligung der türkischen Zyprer an den Einnahmen aus den Gasvorkommen. Für das türkische Mineralölunternehmen Turkish Petroleum, das von den türkischen Zyprern mit der Erkundung beauftragt wurde, ist dies gerade in der aktuellen wirtschaftlichen Misere ein wichtiger Millionenauftrag.

Die Türken beanspruchen – entgegen internationalem Seerecht, das jedem Land mit Meereszugang 200 Meilen an exklusiver Wirtschaftszone zusichert, – einen Teil der zyprischen Hoheitsgewässer für sich. Die Gasvorkommen vor Zypern liegen der türkischen Sichtweise zufolge auf türkischem Kontinentalschelf und deshalb in der ausschließlichen Einflusssphäre Ankaras.

Deswegen blies der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu zuletzt auch immer häufiger zum vorerst verbalen Angriff. „Wir haben dort drei Schiffe und das vierte Schiff werden wir, so Gott will, auch so bald wie möglich ins östliche Mittelmeer schicken“, kündigte er an. Die Türkei werde ihre „Aktivitäten dort weiterhin verstärken“.

Droht eine neue Zypernkrise?

Nein. Beide Seiten haben kein Interesse an einer weiteren Krise oder gar einer kriegerischen Auseinandersetzung. Die EU wie die Republik Zypern würden zwar einen militärischen Angriff der Türkei nicht dulden und Verteidigungsmaßnahmen treffen. Die Wahrscheinlichkeit einer türkischen Intervention auf der Insel, wie es 1974 der Fall war, ist aber aufgrund der wirtschaftlichen Lage im Land und der viel brenzligeren Lage an der syrischen Grenze sehr gering.