Für Europa, den Nahen Osten – die Türkei in der (goldenen) Mitte – haben sich im letzten halben Jahr – genauer gesagt seit den Olympischen Winterspielen in Sotschi – die Verhältnisse dramatisch verändert. Die Europäer verdrängen bislang die Konsequenzen, die Türkei unter dem soeben ins Amt eingeführten Staatspräsidenten Erdoğan auch, und im Nahen Osten bezahlen Millionen von Menschen das Versagen der Politik. Die Hälfte der syrischen Bevölkerung befindet sich auf der Flucht. Die Türkei liegt nebenan.

Als einzige nicht gerade zur Beruhigung beitragende Konstante stellt sich mittlerweile heraus, dass die Supermacht Amerika nicht länger bereit ist, Ordnungsmacht zu spielen. Die Grenzziehungen, die nach dem 1. Weltkrieg stattgefunden haben – in Osteuropa und im Nahen Osten – werden auf brutale Weise in Frage gestellt, eine Reihe von Staaten drohen zu scheitern oder befinden sich bereits in der Auflösung wie der Irak und Syrien. Wer das nicht sehen will oder verdrängen möchte, sei an dieser Stelle daran erinnert, dass Jugoslawien bereits vor 25 Jahren gescheitert ist. An seine Stelle sind acht Staaten getreten. Bundeskanzlerin Merkel versuchte kürzlich, bei einer Konferenz in Berlin die Nachfolgestaaten davon zu überzeugen, dass sie zur Zusammenarbeit verdammt sind. Aber die Gräuel und erlittenen Verletzungen der Bürgerkriege müssen in den Köpfen erst einmal überwunden werden. Brücken und Straßen lassen sich auf dem Balkan, aber nicht nur dort, leichter reparieren.

Der Krieg, den Putin in der Ukraine, also in unmittelbarer Nähe entfacht hat, ist ein europäischer Krieg. Vom Verhalten der Europäischen Union und von einigen wenigen weiteren Akteuren wird abhängen, wie er ausgeht. Und dabei kommt der Türkei eine Schlüsselrolle zu. Geht sie den Weg, den Russland zu gehen scheint, von dem sich auch weitere Staaten wie Ungarn angezogen fühlen? Oder bleibt das bedeutende Land auf dem Modernisierungskurs, den es mit Erdoğan als Ministerpräsident vor einem Jahrzehnt einschlug? Der Ausgang ist leider offen.

Allein kann es Ankara nicht schaffen

Die wesentlich größere Verantwortung, die Erdoğan hat, betrifft jene Weltregion, die das Osmanische Reich bis vor knapp 100 Jahren kontrolliert hat. Schon jetzt steht fest, dass die neue Außenpolitik, die Erdoğan propagierte und sein Nachfolger im Amt als Ministerpräsident exekutierte, gescheitert ist. Statt auf prosperierende Einflusszonen blickt die Türkei nach Süden nun auf ein einziges Trümmerfeld. Die Verhältnisse in Libyen ähneln denen von Syrien. Wenige Stützpfeiler sind auszumachen: was wird aus Ägypten und Tunesien, dem einzigen Land, in dem die „Arabellion“ ansatzweise klappte?

Sicher ist, dass die Türkei auf sich allein gestellt nicht den Wellen des Terrorismus entgegenstemmen kann, die Syrien und den Irak zu einem erheblichen Teil bereits überflutet haben. Sie braucht Partner. Und diese befinden sich vor allem in Europa. Militärisch kann die EU der Türkei noch nicht helfen, jetzt noch nicht. Aber wenn die Bedrohungen größer werden sollten, wird Europa nichts anderes übrig bleiben, als sich zu schützen, vor allem die Mitte Europas. Denn das Signal, das zur Zeit aus Moskau kommt, ist eindeutig: Grenzen lassen sich verschieben, mit Gewalt. Vor allem die Menschen im Westen der Ukraine, die Polen und die Balten sorgen sich, zu Recht.

Erdoğan muss schließlich bedenken, dass nur eine stabile, westlich orientierte Türkei dazu beitragen kann, dass die Gewalt vom Nahen Osten über das eigene Land nicht in die Städte Westeuropas exportiert wird. Eine solche Entwicklung würde den mühsam genug verlaufenden Prozess der Integration, wenn nicht in Frage stellen, so doch verlangsamen und unendlich erschweren. Die Gefahr wäre groß, dass radikale Parteien Zulauf bekämen, wie dies in Frankreich schon der Fall ist. Ein Gefühl allgemeiner Unsicherheit könnte dazu beitragen, dass trügerische Sicherheitsmaßnahmen eingeführt würden, die die freie Bewegung von Menschen und Gütern über Grenzen hinweg erschwerten. Schließlich: auch in der Türkei, in den großen Städten wie Istanbul und in Ankara, erwarten die Menschen nichts anderes, als dass das Land weltoffen bleibt, sich selbst und verlässlichen Partnern vertrauend.